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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 614 JDt-: JBiocJi r> Mopvenschrzn. Nr. 37 Ganz in dieser Tendenz, deren Sinn ein Kind begreift, war der Kaisertoast Luegers beim Empfang ick MtMrs gehalten, der wohl als däs,siärkste,Stück ^d er Christlich- Sozialen' aus dieser Kampagne bezeichnet werden muH. Lueger fand in seiner Immunität den Mut, die Ehrfurcht vor dem sechsuudsiebzig Jahre alten Kaiser schwer zu ver> letzen. . Er sagte : „Ich bewundere den deutschen Kaiser, er ist ein Losgeher. Unser Kaiser kann nicht, wie der deutsche, jeden Tag Reden halten, das geht nicht mehr, und man muß halt mit dem zufrieden sein, was er macht, und er macht immer etwas Gutes." Selbst die „Arbeiterzeitung", der man wohl nicht'ein Uebermaß an Patriotismus zuschreiben kann, bemerkt zu dieser Rede, daß sie in Deutschland einen Majestätsbeleidigungsprozeß hervorgerufen hätte. Unser Kaiser ist am frühesten Morgen am Schreibtisch zu finden, er kümmert sich um alles und jedes, bei den Empfängen der Delegationen, den Kaiserreisen und Besuchen merkt man, wie besorgt er um alles ist, daß er wirklich Nach dem jüngsten Wort des Großherzogs von' Baden lebt, das Glück eines Herrschers liege im Heil .seines Landes; auch körperlich ist unser Kaiser noch rüstig gleich einem Jungen, geht oft auf die Jagd, reitet stunden-' laug int4 Sonnenbrand übers Manöverfeld. Und nun kommt dieser Lueger, streut Gift aus, bewundert den schneidigen deutschen Kaiser, während wir „halt" zufrieden sein müssen. Man bewundere dieses „halt", das eine, merkwürdige Bedeutung hat, etwa „es geht nicht anders, es ist schon so". An diesen Redeblüten sollt ihr sie erkennen! Das sind die Patrioten, welche ihren schwindelhaften Patriotismus aüsnützten, Um die wirklich patriotischen Juden schrankenlos zu malträtieren. Die Juden wurden systematisch als Schädlinge des Staatslebens hingestellt, ihre Vernichtung als patriotische Tat. Nun ist der Schwindel der k. k. privilegierten Partei, die ihre Begünstigungen durch betrügerische Vorspiegelung falscher Tatsachen erlangte, klar am Tage. Ihre Gesinnung der Gesinnungslosigkeit ist die gleiche hier wie in allen anderen Staate». Sie haben weder Achtung vor der Dynastie noch vor deck Gesetz öder vor dem Staate. Sie sind die ärgsten, unbedenklichen, schleichenden Revolutionäre, wenn es nur den kleinsten persönlichen Vorteil trägt. Sie sind genau das, was sie fälschlich den Juden vorwerfen, und bleiben nur straflos, weil sie wie alle Gauner rufen: „Haltet den Dieb." Diese Gesellschaft würde auch den Erzherzog Franz Ferdinand, den sie jetzt auf den Schild hebt, ohneweiters verraten, wenn sie sich etwas davon verspricht. Sie haben sich nun verraten! Oesterreich sieht, was für Edelleute in Wien am Ruder sind. Hoffentlich sehen das. auch die Behörden und wir patriotischen Juden dürfen dann hoffen, daß wir nicht mehr trotz musterhaftem, staatsbürgerlichem Verhalten' Hochstaplern der Loyalität ausgeliefert werden, die ihren radikalen Patriotismus radikal kündigen. ‘ —J Die Greuel uou Siedler. Während Herr Stolypin und die Seinen in Petersburg beisammenfitzen, um die „liberalen Reformen" zur Ausführung zu bringen, haben sich in Siedlce Scheußlichkeiten abgespielt, welche die Zustände in diesem unglücklichen Barbarenstaat wieder einmal im schrecklichsten Lichte zeigen. Siedlce ist die Hauptstadt des gleichnamigen russisch-polnischen Gouvernements, das im Westen an Warschau und Radom grenzt, war einst die Hauptstadt der Wojwodschast und. liegt am Knotenpunkt der Eisenbahnen Warschau — KrestLutowsk und Siedlce — Malkin. Der Ort zählte 1894 über 17.000 Einwohner. Schon an dem Charcckter und Inhalt der offiziellen Depeschen sieht man, daß es sich mm einen von . den Regidrungsorganen arrangierten und von ihren Agitatoren zum Ausbruch gebrachten Pogrom handelt. Die Stadt wurde von den Truppen regelrecht beschossen und geplündert, die jüdische Bevölkerung gemartert und massakriert. Es war ein Volksfest viehischer Roheit und Soldaten-Brutalität, das Hp ADoch vvn Bialystok übertraf. Voü -Petersburg. war MesiMgekoMuren/ mit Kanonen einzuschreiten, und wie auf ein gegebenes Zeichen stürztesich der entmenschte Pöbel auf. seine Opfer.' Natürlich haben wieder die Opfer. „angefangen", haben „Bomben geworfen". Man kennt die Petersburger offizielle Depeschenmacherei und glaubt ihr kein Wort mehr. Wie war es doch nur in Bialystok? Da hieß es zuerst, es seien aus dem Fenster eines jüdischen Hauses Schüsse auf eine vorüberziehende Prozession abgefeuert worden; dann wurde erzählt, es seien Polizisten dabei ums Leben gekommen. Und als mittelst einer Enquete der Duma, zu welcher zwei Abgeordnete nach Bialystok entsendet wurden, die Wahrheit festgestellt wurdo, da zeigte es sich, und zwar auf Grund der Aussage des Geistlichen, der die Prozession geführt hatte, daß weder auf diese aus einem Fenster geschossen worden, noch daß dabei ein Polizist v ums Leben gekommen war. So war's doch auch wieder in Siedlce, und gleichwohl wird immer noch der Versuch gemacht, das Märchen zu verbreiten, als ob jüdische Provokationen im Spiele wären. Diese armen, gehetzten, zitternden Juden, denen sogar die'Notwehr mit den Waffen verboten ist, die nun schon seit Jahren ihr Leben in der fortwährenden Todesangst vor dem Pogrom verbringen — diese Juden sollen die Herausforderer sein! Es gehört wahrlich zu den ungeheueren und ungeheuerlichen Naivitäten, deren so viele mit der.grenzenlosen Brutalität der jetzigen russischen Vorgänge sich verknüpfen, daß jeder Pogrom auf eine angeblich jüdische Provokation zurückgeführt wird. Eine Abordnung der Bürgerschaft gab vor dem Gouverneur die Erklärung ab, daß die ersten Revolverschüfse nicht von Juden, sondern von Offiziersburschen und Reservisten abgegeben wurden. - Aus Regierungskreisen in Siedlce wird bekannt, .daß dasdort stehende Ostrolensky - Regiment erklärte, es wüxde auf die Plünderer schießen. Das Regiment wurde daher aus. der Stadt entfernt und durch das Libausche Regiment ersetzt, das schon in Bialystok seine brutale Roheit bewiesen hatte Die schrecklichen Vorfälle in Siedlce stellen, alles bisher Erlebte in den Schatten. Schon vor etwa zwei Wochen,, nach der Ermordung des dortigen Polizeimeisters, ist ein. Gerücht von einem Pogrom in Siedlce verbreitet worden, hat sich damals aber nicht bewahrheitet. Man erwartete allerdings täglich einen solchen; als aber mehrere Tage ohne' Zwischenfall vergingen, fing man an, sich zu - beruhigen. Samstag hatten sich auf der Bahnstation in Siedlce einige Gruppen fremder Leute angesammelt. Man sagte, daß es entlassene Reservisten und Urlauber seien, die sich auf dem Wege nach der Heimat befanden, doch wußte niemand, - weshalb sie gerade hier ihre Reise unterbrochen hatten. Gegen 9 Uhr abends fiel auf der Warszäwskastraße, der Hauptstraße der Stadt, ein Schuß. Woher? Die einen sagen, daß aus einem Fenster auf eine vorübergehende Patrouille geschossen wurde,. die anderen dagegen, daß der die - Patrouille begleitende Polizist in die Luft geschossen habe. Die zweite Lesart ist wahrscheinlicher; der Schuß war ein Signal, denn gleich darauf erschien auf dem Rathaüsturme eine rote Laterne, worauf die Soldaten des in Siedlce stationierten Libau-Regiments die Straße und die Häuser zu beschießen anfingen. - Zu gleicher Zeit kamen die vermeintlichen Reservisten herbei und begannen die Läden und Magazine zu plündern.. Diejenigen, die versuchten, ihr Eigentum zu verteidigen, wurden von den Soldaten niedergeschoffen. Schon während des' Abends waren alle jüdischen Läden ausgeraubt: Das Schießen dauerte die ganze Nacht über und wurde des Morgens mit' erneuter Kraft fortgesetzt. Die Bürger versuchten einen Selbstschutz zu organisierenwas eine noch kräftigere Repression seitens des Militärs hervorgerufen hat. Die ganze Besatzung wurde auf den Straßen konzentriert und feuerte in die Häuser hinein. Jeder,, der sich 'am Fenster zeigte oder die Schwelle überschritt, Mann' oder Weib, Greis oder Kind, war des Todes. Mehrere Häuser wurden in Brand gesteckt, Rettung gab eS nicht. Auf den Straßen find

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