Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 37 Dr. Bloch’s 5HC.W^nS»SN»:y :aLr.fig^ Jahrgang 11111 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Anden tu ms. Wien, 14. September 1906. — Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: TEUen, IX/1, JBerggasse 39. Telegramm-Adresse: aßlocb's THUocbenscörtft, HGUen. r»-« K. k. Postsparksffrn-Amt Llearlng-Verkebr Nr. S10.976. Nrdsktion und Administration: Wien IX/1, Werggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847- ®-* »--- Btfuti«pc*ia für ©efUrreirfi: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. «Sanzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene PeMzetle 24 Heller. %-G Inhalt: Leitartikel: Der gekündigte Patriotismus. — Die Kreuel von Siedlre. - %•-uftredit — Ko'espondenzen: Aufruf. Mit welchen Hoffnungen haben sich die Juden'Rußlands vor — 70 Jahren getragen. Jüdische Ko'omjalionsbestrebungen. Zur Vorgeschichte des Pogroms in Siedler. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ch-wra-Kadischa tn Wien. Neujahrsgratulationen. Wien. Spenden zugunsten der Opfer der Judenmaffakres in Bialystok. Kultusvorsifh' r Kommerzialrat Gottlieb Tausfig gestorben. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Mitteilungen des innerösterreichischen Distrillskomitees. Adaß Jisroel. Baden, Brünn, Budapest, Szucsany. Dr. Gustav R. v. Schlesinger. Teplitz, Marienbad, Straßnitz. Kaiser-Jubiläums-Tempel in Prag. f ilsen, Siffek, Königsfeld, Karlsbad, Gewitsch, Nafice (Slavonien), Györ, Hamburg. Tod des Profeffors Dr. Hermann Cohn. — euilleton: Der importierte Bräutigam. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der gekündigte Patriotismus. In Oesterreich ist es Gebrauch, jede öffentliche Versammlung einer Körperschaft mit einer Huldigung für den Kaiser einzuleiten. Das ist nicht etwa der Ausfluß einer von Behörden dressierten knechtischen Gesinnung oder eine Verbeugung in gewinnsüchtiger Absicht. Unser Kaiser hat es verstanden, sich durch seine tadellose Ritterlichkeit, feine reiche Herzensgüte und seine Liebe zum Volke nicht nur die Hochachtung sondern auch die aufrichtige Zuneigung aller Völker und Parteien zu erwerben, die bei jeder Gelegenheit zum Ausdrucke kommen. Sieht man von Schönerer und seinem Tollhaus ab, die zum Dank für die ursprüngliche staatliche Protektion sich später dem Hochverrat ergaben, um ihre innere Nichtigkeit zu verdecken, so gibt es kaum einen Politiker oder Menschen in Oesterreich, der bei einer Kritik von Taten der Krone nicht die größte Hochachtung vor dem Herrscher zeigt, auch wenn ihm das Gegenteil frei stünde. Vor der Oeffentlichkeit ist es Jedem Bedürfnis, dem ruhmvollen Herscher, der das große Leid seines Lebens mit Größe trug, dessen Taten von der Güte diktiert sind und der seine Macht und unermüdliche Tatkraft unter dem Beifall auch des Auslandes für die Wohlfahrt seines Reiches und den Frieden Europas auswendet, seinen Dank huldigend auszusprechen. Die Christlich-Sozialen haben bei diesen Huldigungen eine Zeitlang die Loyalität zu einem ihnen eigenen Gewerbe gemacht. Sie haben die Loyalität bis zum Byzantinismus getrieben. Wie weit aber die Gefühle echt waren, die sie zum großen Kotau trieben, und wo sie unter tiefen Bücklingen hinaus wollten, das machte die letzte Zeit offenbar. Was hätten die Behörden anderes tun können, als Seiner Majestät aller-allergetreueste Untertanen werktätig zu unterstützen? Waren schlaue Füchse, diese Ueberpatrioten unter Luegers Führung! Sie hätten keine fünf Tage gelebt, wenn sie ihr verbrecherisches Treiben, das jeder Gesetzlichkeit Hohn sprach und spricht, ohne höheren Schutz auch nur versucht hätten. Aber mit ihren Verbeugungen erhoben sie sich über das Gesetz und wurden zu einer Herrschermacht des öffentlichen Lebens in Oesterreich. Jetzt fühlen sie sich sicher und brauchen keinen Schutz mehr. Jetzt ist es ihnen auch schon zu wenig, was sie im Staate erreicht haben und ihr Sinn strebt nach höheren Belohnungen und Ehren. Uns scheint es als ganz sicher, daß der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand von dem Treiben der Wiener Christlich-Sozialen keine Ahnung hat und aus Respekt und Hochachtung vor dem kaiserlichen Oheim auch entschieden mißbillig. Sein Käme wird von Liebedienern und Strebern mißbraucht, die sich darauf verlassen, daß ihre unverlangt geleisteten Taten denn doch einmal die heißersehnte Belohnung erhalten werden. Der Erzherzog sieht es gewiß mit Bedauern, daß sein Name als Schild bei den auffallenden Quertreibereien der Christlich-Sozialen gegen den aüverehrten Monarchen benützt wird. Schon bei den unsinnigen Demonstrationen der Wiener Antisemiten gegen Ungarn war es über die Maßen auffallend, daß die im Rathause bearbeitete Menge ostentativ ruhig an der Kaiserburg Vorüberzog, um vor dem Belvedere lärmende Kundgebungen für den Thronfolger zu veranstalten. Damals hielt Lueger eine Aussehen erregende Rede, in welcher er sagte, er sei kaiserlicher als der Kaiser. Dieselbe Weise und derselbe Text wurden nun auch in den letzten Tagen gehört und von den Christlich-Sozialen ein schwerer Skandal durch eine grobe Achtungsverletzung vor dem Kaiser in Anwesenheit ausländischer Gäste verschuldet. Der achte Feuerwehrtag in Wien war nicht nur von tausenden österreichischen Delegierten, sondern auch von vielen Reichsdeutschen besucht. Umso schwerer wiegen die auffallenden Demonstrationen und Worte gegen den Kaiser, mit denen man der Monarchie ein gewiß mißachtetes Beispiel und den deutschen Nachbarn Grund zur Kritik gegeben hat. . Gegen alles Herkommen wurde nämlich der Feuerwehrtag mit einer Festsitzung im Rathaus eröffnet, welche der Vizebürgermeister Neumayr leitete und der alle Stützen der antisemitischen Sippschaft beiwohnten, ohne daß ein einziger Redner das Wort zu einem Kaisertoast ergriffen hätte. Dagegen brachte Neumayr einen Toast auf Erzherzog Franz Ferdinand aus. Erst bei der Eröffnung der Feuerwehrausstellung wurde mit kurzen Worten des Kaisers gedacht, gleich darauf aber wieder der Erzherzog gefeiert.