Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021693--15716-3040497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 36 Dr. Mocb's Mwcbenscbrm. Seite 609 dritten Abschnitt an sich reißen wollte. Aber der, welcher diesen Ausfall hervorgerusen hatte, hielt ihn zurück. „Ist das hier ein Marktplatz?" schrie der zweite Vorsteher mit sichtlicher Entrüstung. „Schließt diesem Eingewanderten den Mund!" rief ein anderer im Zorn. „Hinaus mit ihm," gellte ein dritter. „Wenn er sich an einem heiligen Orte nicht benehmen kann, so soll er in Amerika bleiben," sagte wieder ein anderer. Aber dieses Wort hatte die beste Wirkung. Es erinnerte Asriel daran, daß er ein Fremder hier sei. Im selben Augenblicke sah er das leidende Gesicht des alten Rabbi neben sich, der ihn beim Arm nahm und ihn bat, den Sabbat nicht zu stören. Ob nun der Irrtum auf Seite Asriels war oder auf jener des Auktionärs, oder ob absichtlich ein falsches Spiel getrieben worden war, ist unbekannt. Aber Asriel gab nach und setzte sich auf das Pult, um den Rest der Verlesung des Pentateuch anzuhören. Doch der Sturm der Rache wütete in seinem Innern und nahm ihn zu sehr gefangen, als daß er die Verlesung hätte verfolgen können. Der leichte Erfolg seiner Ermahnung veranlaßte den Rabbi, zu Asriel zurückzugehen. „Ich kannte Deinen Vater, Friede über ihn. Er war ein rechtschaffener Jude," sagte er zu Asriel mit zitternder Stimme. „Gehorche mir, mein Sohn, ersteige die Stelle und leiste der Gemeinde eine öffentliche Abbitte. Der Allerhöchste, gesegnet sei er, wird Euch helfen." Des Rabbis Bitte rührte Asriel zu Tränen und erfüllt von tiefer Demut begab er sich auf die Kanzel und sagte in seiner ungezwungenen, schroffen Art: „Nehmet es mir nicht übel! Ich hatte nicht die Absicht, jemanden zu beleidigen, obgleich dieses Vorgehen nicht richtig war. Ich spende zweihundert Rubel. Und lasset den Kantor „Gott ist voll Gnade" (El mole rachmimj singen. Es war eine ganz neue Art Beisteuer anzukündigen und die Entschuldigungsrede übte eine halb ärgerliche, halb amüsante Wirkung auf die Andächtigen aus, aber die Größe der gespendeten Summe brachte allen Zorn und alle feindlichen. Gefühle zum Schweigen. Als die Verlesung beendet war und die Rollen zurückgebracht wurden, nahm der Kantor seinen Platz auf dem Omed ein und sang ein eiliges Halb-Kadisch. Und saget „Amen" schloß er kurz und verfiel mit allen Zuhörern in ein plötzliches Stillschweigen. Mit tief herabgeneigten Köpfen und den Körper hin und herneigend, einige mit gut gespielter Ehrfurcht, die anderen voll religiöser Inbrunst, sangen diese zwei bis dreihundert Männer einen Chorus, das feierliche Gebet des Mussaff. Hie und da hörte man einen Seufzer aus dem monotonen Gemurmel heraus; einige Hände fuhren in einem Ausbruch der Ekstase die Höhe, Schluchzen war aus einem Winkel zu vernehmen und ein klägliches Gemurmel aus der Frauenabteilung ertönte. Der Wunderknabe bewegte mit geschlossenen Augen und ungeheuchelter Verzückung seine Lippen im Gebete, als ob er nicht wagen würde, die Heiligen Worte laut auszusprechen. Asriel neigte seinen Körper hin und her. Sein Gesicht hatte einen tief zerknirschten Ausdruck. Sein dünner Bart bewegte sich komisch zu seiner flüsternden Intonation. Er wußte nicht, was seine Lippen sprachen, aber seine Seele ergoß sich vor dem Himmel, sein Herz brach und ein zurückhaltendes Schluchzen löste seine Reue aus. Endlich waren die stillen Gebete zu Ende und einer nach dem anderen verließ das Gotteshaus. Nur drei Männer waren noch in ihre Gebete vertieft; der Rabbi, Reb Lippe und Asriel. Als Asriel aus der Synagoge schritt, kam ihm Prawly verändert vor. Es war, als ob die Stadt, während er gebetet und gekämpft hatte, einem Prozeß unterlegen gewesen wäre. Die Poesie der fünfunddreißigjährigen Trennung war auf einmal wie verflogen. Es war nichts anderes als ein bettlerhaftes, schmutziges Nest. Asriel hatte nicht die Empfindung, daß er so lange fort gewesen war und er war dieses Ortes plötzlich sterbensmüde und eine starke, tiefe Sehnsucht nach seinem Amerika quoll in ihm aus. Nur ein Gefühl hielt ihn noch hier; er wollte ihnen zeigen, wer Asriel ist und wer sie find. Es war das Gefühl seines finanziellen Triumphes, das ihn ausrecht erhielt. Dem Nachmittag-Gottesdienst war eine Predigt vorangegangen. Der Stadtprediger entnahm seinen Stoff wie gewöhnlich dem Abschnitt, der am Vormittag zur Verlesung gelangt war. Und er war bemüht, diesen seinen Text zur Basis seiner Ausführungen zu machen, die darin gipfelten, daß es ein gutes, gottgefälliges Werk sei, jemanden einen Schwiegersohn zu verschaffen, der ein Gelehrter der heiligen Gesetze sei. „Es ist ein bekannter Ausspruch", sagte er, „daß ein Vater bereit sein soll, Alles zu verkaufen, um seine Tochter an einen Scholaren, einen Talmudgelehrten zu verheiraten. Andererseits ist es, als vertraue man sein Kind einem Löwen an, wenn man sie mit einem ^.m haarez verheiratet. In dem Abschnitt Berochath lesen wir, daß es einem Gott dargebrachten Opfer gleicht, wenn man einen ernsten Studien obliegenden Scholaren an seinem Besitz Anteil nehmen läßt. Und einem solchen Studierenden Wein geben, ist nach der Abhandlung „Sota" gleichwertig, wie ihn am Altar ausgießen." Die Blicke Reb Lippes und des jungen Talmudgelehrten trafen sich. Der Prediger führte sein Thema noch weiter durch allerlei Zitate aus dem Talmud aus und kam schließlich zu dem Schluß, daß die Ausübung der erwähnten heiligen Handlung geradezu eine Bedingung sei, um sich im Eden einen Platz zu sichern. Das alles war wieder danach angetan, um Asriel mit Furcht vor dem zukünftigen Leben zu erfüllen. Daneben schlich ein erbitterter Neid gegen Reb Lippe in sein Herz. Er kam aus der Synagoge in äußerst gedrückter Stimmung in den Gasthos zurück, wo er sich in ein Gespräch mit dem Wirt, dessen Hauptinhalt der Wunderknabe bildete, einließ. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Dr. B. Kellerrnann. Kritische Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Christentums Verlag von M. Poppelauer, Berlin. 1906. Krirflrastrrr. F. Ät. Die bevorstehende Vermehrung der Wiener Sicherheits- Wache ist ganz bestimmt ein Verdienst der Christlich-Sozialen, nur kein direktes. Es steht fest, daß die unerhörte Roheit dieser Paiiei („Judenschußgeld") ihre Früchte getragen hat. Auch hat sich der Mob entschieden nicht gebessert, seit mau ihm Ochsenziemer gegen politische Feinde in die Hand gab. Tie antisemitische Presse, diese Schande unserer Zeit, die ja gerade in den untersten Klassen am liebsten gelesen wird, hat ihr redlich Teil beigetragen, um die Platterl nur recht zu animieren, die jetzt Wien mit dem Messer unsicher machen und gegen die mau eine stärkere Polizei stellen muß. K. L., Wien II. Dolejs wird von Vergani mit allen Mitteln geschützt, ebenso wie der Podbielski in Deutschland. Die Spatzen schreien die Wabrheit schon von den Dächern, aber der Ehrenbürger sieht in dem Minister wie in dem Schneider nur Ehrenmänner. Das ist die Nah- und Fernwirkung einer Sympathie, die nach dem Sprichwort handelt: „Was du nicht willst, das der Staatsanwalt dir tu', das füg' auch keinem andern zu." Lehrer. Der Lehrermangel in Wien zeigt die Bildungsfreundlichkeit der herrschenden Partei im hellsten Lichte. Wer wird denn auch wahnsinnig genug fern, sich dem Lehrerberuf in einer Stadt zuzuwenden, wo man von ihm verlangt, daß er um seine paar Gulden auch noch seine Gesinnung verkaufe? Auch sind die Lohnverhältniffe so elend als nur möglich, da sich die Lehrer noch immer nicht zu Agitatoren Luegers hergeben, da sie berechtigte Angst vor einer Partei haben, die sie zu ergebenen Dienern des Pfarrers im Style des alten Schulmeister machen möchte. Was liegt aber den Christlich-Sozialen an einer Schädigung der allgemeinen Bildung? Sie freuen sich vielmehr darüber. Denn je dümmer die Heranwachsende Jugend ist, umso sicherer stärkt sie die christlich-soziale Partei. Pn. Die Klofac-Partei, die jetzt viel von sich reden macht, hat in ihrem Programm den nationalen Antisemitismus und betätigt ihn stark. Ihr Hauptquartier hat sie in den Prager Außenbezirken, doch gewinnt sie langsam auch Anhang am flachen Land. Sich ihr anzu-