Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 608 Dr. Llocb's Wocbenscbrtft. Nr. 36 In der Synagoge, beim Morgengottesdienst war Asriel nicht der einzige Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Blicke, die durch die Guckfenster der Frauenabteilung kamen, waren durch einen viel jüngeren Gast aus einem Dörfchen der Umgebung magnetisch angezogen. Reb Lippe, der reichste Mann des Ortes, war nämlich gerade im Begriffe, seine Tochter an einen Jllui (ein Wunder an Talmud-Gelehrsamkeit) zu verloben, und dieser junge Mann war es, auf den die versammelte Gemeinde voll Neugierde blickte. Und Reb Lippe war mit ihm gekommen, um mit ihm zu prahlen und die Mitgift von 25.000 Rubeln wollte er vor der Gemeinde ausstellen. Der Bräutigam galt, trotzdem er erst 19 Jahre alt war, als ein Wunder an Scharfsinn und Gedächtniskraft. Keiner der seinen Rabbinerköpse der ganzen Umgebung hätte es mit ihm ausgenommen; sagte man doch von ihm, daß er einige tausend talmudistischer Folios auswendig wisse, sozusagen im kleinen Finger habe. Das heißt, wenn man den Finger auf ein Wort einer beliebigen Seite eines Bandes gelegt hätte, so hätte dieser gelehrte Wunderknabe sicherlich das Wort gewußt. Da wir noch die Bekanntschaft dieses Jünglings Pflegen müssen, so sei erwähnt, daß sein Aussehen ein knabenhaftes war und daß sein bleiches, blauäugiges Gesicht das beste Pendant zu dem bekannten semitischen Porträt Lord Byrons gewesen wäre. Seine Bewunderer beklagten nur seinen Mangel an Gelaffenheit. Während er in Prawly zu Besuch weilte, soll er sich damit belustigt haben, einem Schwein Schnupftabak verabreicht zu haben; auch hatte er mit viel jüngeren Burschen ein Wettrennen veranstaltet. Seine Verlobung mit Reb Lippes Tochter war jedoch noch der Gegenstand von Unterhandlungen und man munkelte in der Stadt, daß noch ernste Hindernisse beständen. Die Verwandten dieses Wunders an Gelehrsamkeit hatten wohl an Reb Lippes Stammbaum nichts auszusetzen, auch waren sie mit dessen sozialem Rang einverstanden, aber sie glaubten, daß ihr Knabe in eine noch wohlhabendere Familie einheiraten könnte, daß er auch ein hübscheres Mädchen bekommen sollte. Nichtsdestoweniger tat Reb Lippe im Tempel, als ob die Verlobung eine beschlossene Sache sei und er behielt den Jüngling an seiner Seite, seinen Sitz neben dem des Rabbiners, der nächst der heiligen Lade gelegen war. Asriel hatte man als einem Fremden, der wegen seines Reichtums hochgeschätzt wurde, auch einen Ehrensitz auf der anderen Seite der Gesetzeslade angewiesen.. Ehe er sein Vaterland verlassen, hatte er im Tempel seinen Sitz neben der Tür eingenommen — ein Umstand, der Reb Lippe noch frisch in Erinnerung war. Reb Lippe war erbost, daß die Aufmerksamkeit von dem Wunderknaben und dessen Käufer abgelenkt wurde. Zwar war Reb Lippe ein zu stolzer Mann, als daß er einen simplen Farmer viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte — möge dieser noch so viel amerikanisches Gold für seinen Vorrang spenden. Als jedoch der Vorsteher den Vorschlag machte, daß man dem Amerikaner die Verlesung des dritten Abschnittes aus dem Pentateuch (Schclischi) überlassen solle — die höchste Ehre, mit dem Lesen der Gesetze verbunden (und wofür der Nabob sicherlich eine schöne Spende für den Tempel gegeben hätte) — verwandelte sich die scheinbare Ruhe Reb Lippes in Zorn. „Lasset Schclischi zur Versteigerung gelangen," stieß er hervor. Es war dies ein seltener Vorgang an einem gewöhnlichen Sabbat. Aber Reb Lippes Willen war Gesetz; so entscheidend und unwiderstehlich wie das Gesetz Moses, mit dem es jetzt verwickelt war. Und so wurden die Anwesenden in einen Geldkampf verwickelt. „Fünf Rubel zum Dritten!" schrie der verrunzelte, kleine Tempeldiener in dem gewöhnlichen Sing-Sang, der so gut zu seinem schwarzen Bart paßte, vom Lesepult aus. Eigentlich ist eine geschäftliche Verhandlung an einem Samstag nicht gestattet, auch sogar, wenn das Gotteshaus allein den Nntz-n aus dieser davon trägt. „Sechs Rubel zum Dritten!" kam es als Deutung eines finsteren Blickes von Reb Lippe. Ein verächtliches Aufwerfen von Asriels Kopf wurde so gedeutet, daß man noch einen Rubel zu der Summe warf. Zwei andere Mitglieder gaben dem Auktionär Zeichen und über seiner Aufgabe wärmer werdend, rief er mit Lust: „Acht Rubel zum Dritten!" Dann kam es rasch: „Neun Rubel zum Dritten! Elf, wölf, dreizehn, vierzehn Rubel zum Dritten!" Die anderen Beteiligten fiel einer nach dem anderen ab und als die Summe sechzig Gulden erreicht hatte, war das Feld Reb Lippe und Asriel allein überlassen. Die Gemeinde war wie gebannt. Einige gafften mit offenem Mund, andere mit einfältigem Augenaufreißen und neugierigem Staunen, aber alle mit gespanntem Interesse in den Augen. Man reckte seinen Hals in der Richtung der beiden Kämpfenden. Der Jllui hatte sich von seinem Sitz auf einen anderen Platz begeben, von dem aus er das Ganze besser beobachten konnte. Sein Onkel winkte ihn wiederholt zurück, aber die Sache interessierte ihn zu sehr, und der Fortschritt der Auktion war ihm jetzt das Wichtigste. „Siebzig Rubel zum Dritten!" Einundsiebzig, Zweiundsiebzig, dreiundsiebzig, 4, 5, 6, 7, 8, neunundsiebzig Rubel zum Dritten!" Das Scharmützel wurde heiß und heißer. Man muß gestehen, daß, soweit man bei der lautlosen Anteilnahme urteilen konnte, Asriel gegen seinen Gegner im Vorteil war, denn selbst die zuverlässigsten Anhänger Reb Lippes freuten sich zu sehen, daß es noch reichere Leute als er auf der Welt gäbe. Auch die Frauen nahmen an der Aufregung teil. Die wenigen Glücklichen, die das Fenster mit funkelnden Augen besetzt hielten, statteten an die anderen Bericht ab und riefen große Aufregung mit ihren Schilderungen hervor. Das ganze glich einem Kampfe. Der dritte Abschnitt brachte gerade achtundachtzig Rubel. Asriel war überzeugt, daß er das letzte Angebot behalten werde und daß die Ehre und die gute Tat ihm gehören werden. Als es jedoch zum Lesen kam und der dritte Abschnitt an der Reihe war, wurde Reb Lippes Name aufgerufen. Asriel war verblüfft. „Halt! So gebt das nicht!" donnerte er und fühlte sich plötzlich als amerikanischer Bürger. „Ich habe es gekauft und somit gehört es mir." Sein Gesicht war feuerrot und seine Augen brannten. Gemurmel erhob sich im Saale. Alle Lesepulte wurden aufgestellt und Reb Lippe begab sich im Glanze seines mit Goldspitzen besetzten Bettuches und dem fließenden Silber seines langen Bartes zu der Lesestelle hin und halte die Empfindung, als ob der Ausbruch gegen Asriel nur eine Huldigung für ihn selbst bedeuten würde. Er hatte in seinem Gesichte die Schlauheit eines Fuchses, die Eitelkeit eines Pfaues und die Sentimentalität einer Frau ausgeprägt. Viele der Anwesenden billigten diesen Vorgang nicht, aber das imponierende Auftreten Reb Lippes beeinflußte sie zu sehr, als daß sie es gewagt hätten, ihrer Meinung Ausdruck zu geben. Nur der Jllui sprach seine Ansicht aus. „Warum, ich denke der andere Mann war der Letzte, der anaeboten hat; krank soll ich lvcrden, wenn er es nicht war," sagte das Enfant tenibln mit vernehmbarer Stimme, trotzdem ihm sein Onkel unaufhörlich zurief: „Still! Still! Still!" „Wird es wirklich er sein?" srug Asriel und schlug alle Opposition mit seiner Stimme nieder. „Melket eine andere Ziege! Mir werdet Ihr diesen Streich nicht spielen! Ich hatte das letzte Anbot. Pah! ich kann hundert, zweihundert, fünfhundert geben. Ich kann ganz Prawly kaufen, wenn es mir belieben möchte, und Reb Lippe und seine Goldspitze dazu und alles." Er machte eine heftige Bewegung gegen jene Stelle hin, als ob er durch Gewalt den