Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 602 Dr. Dlocb s MocvensörM. Nr. 36 „Zu damaliger Zeit, in den Neunziger-Jahren, waren in Worms sehr wenige Leute der französischen Sprache kundig; ich war vielleicht der Einzige, der sie geläufig sprach und kursorisch las. Und da dies in der Stadt bekannt war, versammelten sich eine zeitlang allabendlich Bürgermeister, Gemeinderäte und viele Bürger vor meinem, in der Häuserreihe der Judengasse etwas zurückstehenden Hause, wo ich ihnen, auf dem Sessel sitzend, den Inhalt der angelangten Pariser Zeitung sogleich deutsch vortrug." Heine-Nenien Der deutsche Reichstagsabgeordnete Graf v. Koscielski, der ein begeisterter Heineverehrer ist und viele Gedichte Heines ins Polnische übertragen hat, weilt gegenwärtig in Heringsdorf und hat dort, wie die „B. Z. a. M." meldet, seine Zeit zur Lektüre des berüchtigten Buches von Adolf Bartels gegen Heinrich Heine benützt. Seine Kritik dieses Machwerkes besteht in einer Reihe satyrischer Lernen, von denen das Treffendste hier wiedergegeben sei: Neues bringt uns kaum dein Buch, Neu sind drin nur die Grimassen — Heine ist das rote Tuch Für die Ochsen aller Rassen. Korrespondenzen. Der Kaiser in Tesche«. In wahrhaft glanzvoller und erhebender Weise ist Kaiser Franz Joseph in Schlesien empfangen worden. Die gesamte Bevölkerung, ohne Unterschied der Partei, nahm an diesen Akten der Huldigung und der aufrichtigen patriotischen Liebe teil. Der Monarch, der mit fast jugendlicher Elastizität ein Riesenprogramm bewältigte, von Empfang zu Empfang eilte und für Jeden ein liebenswürdiges Wort bereit hielt, sah sich mit einer Herzlichkeit empfangen, die nur wenigen Monarchen zuteil wird und die ihr Fundament in einem festgegründeten Vertrauen in seine Weisheit und Güte hat. Zahlreiche Deputationen hat er empfangen. Bürgermeister und Gemeindevorsteher, Repräsentanten der katholischen Geistlichkeit und aller anderen Religionsgenossenschaften, der Industrie, des Handels, des Adels, gemeinnütziger Korporationen usw. Der Präses der Kultusgemeinde von Teschen, Großindustrieller I. Ph. G l e s i n g e r, richtete an den Kaiser folgende Ansprache: „Eure kaiserliche und königliche Apostolische Majestät! Allergnädigster Kaiser und Herr! Die Vertreter der israelitischen Kultusgemeinden Teschen und Friedek erscheinen mit ihren geistlichen Führern an diesem Freudentage vor Eurer Majestät, um ehrfurchtsvoll zu bitten, Eure Majestät wollen allergnädigst die Versicherung unveränderlicher Anhänglichkeit an Eurer Majestät erhabene Person und die Allerhöchste Dynastie entgegennehmen." Hieraus dankte der Kaiser Herrn G l e s i n g e r, welchem die Führung der Vorstände und Rabbiner der Kultusgemeinden von Teschen und Friedek oblag, für die bekanntgegebene Loyalitätskundgebung und erkundigte sich über Geburts-, Heimatsort und Beschäftigung des Präses, sodann über die Kultusgemeinde selbst und Zahl der Mitglieder. Herr Glesinger erwiderte, daß er ein geborener Teschener und Großindustrieller sei, der in Oesterreich und Ungarn zahlreiche Sägewerke betreibe, die Seelenzahl der Gemeindemitglieder Teschens betrage zirka 2000, während Friedek zirka 1000 Mitglieder habe. Die weitere Frage des Kaisers, womit der größte Teil der Israeliten sich beschäftige, ob etwa mit Handel, verneinte der Präses und erwiderte, daß die Bewohner Teschens und Friedeks israelitischer Konfession Landwirtschaft, Handwerk und Industrie betreiben,' ganz besonders in der Gemeinde Friedek, wo große Fabriken in der Textilbranche von Israeliten betrieben werden, mit Handel sich aber keineswegs mehr als zehn Perzent beschäftigen. Sodann wurden aus Wunsch des Kaisers die anderen Mitglieder der Deputation einzeln vorgkstellt, Der Monarch befragte Rabbiner Dr. L e i md ö r f e r über den Tempel und erinnerte sich, daß er denselben schon besucht habe. Sodann wendete er sich an den Vorstandstellvertreter Herrn A. Tugendhat. Direktor der Teschener Volksbank über die Geschäftsverhältnisse des von ihm geleiteten Institutes und nahm zur Kenntnis, daß dieses ihre Genossenschaftsmitglieder mit Krediten unterstützt und außerdem sehr viele Gewerbetreibende zu ihren Klienten zählt. Den Vorstand M. Presser fragte der Kaiser, wo sein Grundbesitz liege. Herr Presser erwiderte, daß sich sein Grundbesitz in unmittelbarer Nähe Teschens befinde und er außerdem früher Pächter des Erzherzogs Friedrich war. Likörfabrikant und Hoflieferant W. Fasal beantwortete die Frage des Kaisers über den Geschäftsgang dahin, daß derselbe ein befriedigender sei, und Likörsabrikant Bernhard Kohn konnte die Frage, ob er seine Artikel exportiere, bejahend beantworten. Der Vorstand der Friedeker Kultusgemeinde Herr Reik, Chef der Firma Jos. Munk & Söhne, war in der Lage, dem Kaiser mitzuteilen, daß der Geschäftsgang der von ihm geführten Textilindustrie ein befriedigender sei. Der Vorstand Dr. Lamberg, Advokat in Mistek, wurde befragt, ob Friedek viele Advokaten habe und wie sich die beruflichen Verhältnisse gestalten. Er erwiderte, daß es mehrere Advokaten in Friedek gebe und daß deren Verhältnisse zufriedenstellend seien. Um halb 4 Uhr nachmittags verließ der Kaiser mit kleinem Gefolge das Hoflager, um verschiedene Baudenkmäler und Anstalten zu besichtigen. Zur Linken des Kaisers nabm im Leibwagen, dem Landesregierungsrat Jirasek und Bürgermeister Dr. Ritter v. Demel vorausfuhren, der Landespräsident Freiherr v. Heinold Platz. In einem zweiten Leibwagen folgten Generaladjutant Graf Paar und Major Driancourt. Bei dieser Gelegenheit besuchte Se. Majestät auch die herrlich geschmückte Synagoge. Beim Verlassen des Wagens begrüßte der Vorsteher der Kultusgemeinde Glesinger den Monarchen. Der Rabbiner sprach den rituellen Segensspruch, worauf sich der Kaiser, geleitet von dem Vorsteher, dem Rabbiner und den vier Mitgliedern des Kultusvorstandes, zum Tempel begab. Am Portal erwarteten die übrigen Mitglieder des Kultusausschusses den Monarchen, welcher zur Estrade geleitet wurde, aus der ein Fauteuil für den Kaiser bereitstand. Sodann trat aus dem von 100 weiß und rosa gekleideten Mädchen gebildeten Spalier die kleine Gretel. Friedmann, Tochter des hiesigen Arztes Dr. Konrad Friedmann, mit einem prachtvollen Blumenstrauß vor Se. Majestät und deklamierte ein von JUDr. Max Leimdörfer verfaßtes Gedichtchen in beherzter Weise. Der Kaiser sprach einige gütige Worte mit der Kleinen, die auch sofort vom Generaladjutanten ein herrliches, mit dem in Brillanten ausgeführten Namenszuge Sr. Majestät geschmücktes goldenes Armband erhielt. Der Rabbiner trat nunmehr vor die Bundeslade und hielt folgende huldigende Ansprache an den Monarchen: „Eure kaiserliche und königliche Apostolische Majestät! Allergnädigster Herr und Kaiser! Wohin immer die Kunde von dero allerhöchstem Besuche unseres Gotteshauses zu den Ohren meiner Glaubensbrüder in diesem unseren herrlichen Vaterlande dringt, überall werden freudige Dankesgefühle sich regen und ich, ein Knecht meiner Religion, bin nur das schwache Sprachrohr der Segnungen all dieser Hunderttausende. Wie Altars-Räucherwerk in flammender Lohe himmelwärts strebend steigen diese Segnungen auf. In deren aller Namen lege ich, gemäß den Geboten unseres Glaubens (Pr. XXIV.. 21), die Gelübde unserer begeisterten Liebe und nie wankenden Treue für Eure Majestät und das ruhmreiche Kaiserhaus an die Stufen des Allerhöchsten Thrones in diesen heiligen Räumen, wo wir bei jedem Anlasse für Allerhöchst dero Wohl und Glück beten. Und muß ich es nicht heute besonders, wo wir zum zweiten Male während Eurer Majestät glorreichen Regierung den gnädigen Beweis erhalten, daß Eure kaiserliche und königliche Apostolische Majestät auch unsere Religion als vollwertiges, von Gott bestimmtes sittliches Erziehungsmittel würdigt, auch über uns in gleicher Weise wie über alle anderen Allerhöchst Seine Liebesgaben ausstreut, deren wir uns würdig zeigen