Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 600 Dr. Llocv's MocoenscvctN. Nr. 36 Sympathien seiner Mitbürger. Diese sehen vielmehr in dem Wiener Advokaten Dr. Edmund Kornfeld den Mann, der vermöge seiner weitreichenden Verbindungen im Polenklub ihnen noch am nieisten nützen könnte und den Verlust Dr. Vyks am wenigsten fühlbar machen würde. Es gibt sonach nicht nur einen Antagonismus zwischen den Bezirkshauptleuten von Brody und Zloczow, sondern auch einen Gegensatz zwischen dem Grasen Rusiocki und seinen Schäftein. In Zloczow weiß man, wen man will, in Brody weiß man vorerst nur, wen man nicht will. Diese Zerfahrenheit der Brodyer Wählerschaft könnte Herrn Dr. Gold zugute kommen. Um aus der Misere herauszukommen, sind einige feine Brodyer Köpfe nun auf die Idee verfallen, dem Abgeordneten der Handelskammer, Dr. K o l i s ch e r, das Städtemandat anzubieten. Aber cs ist die Frage, ob Dr. Kolischer für eine Frucht, die ihm nach drei Monaten von selbst in den Schoß fallen dürfte, Zeit, Mühe und Geld wird opfern wollen. Eine Vermehrung des arg zusammengeschmolzenen Besitzstandes im Reichsrate, also eine „Wahrung der jüdischen Interessen" würde ja auch dieser Verlegenheitszug nicht bedeuten. Noch einmal wird sich nach alledem die ganze Fäulnis und Korruption galizischer Wahlen nach dem alten System bei der Ersatzwahl am 14. September offenbaren. Die Zionisten betrachten diese Wahl nur als ein agitatorisches Vorspiel, aber sie bietet ihnen erwünschte und dankbare Gelegenheit, die erbärmlichen Helotendienste grell zu beleuchten, welche die jüdischen Wahlmacher auch jetzt noch dem Polenklub leisten, obwohl dessen Macht durch das allgemeine Wahlrecht in ihren Grundfesten erschüttert zu werden droht. Und darum ist es gut, daß die zionistische Partei auf die Beteiligung an diesem skurrilsten und lehrreichsten aller Wahlkämpfe nicht verzichtet hat. x. v. Zur Ergänzungswahl Brody Zloczow. Obschon ich seit Jahren d«n politischen Leben fernstehe und den Vorgängen auf den Bühnen, wo die Zeitgeschichte sich abspielt, mit jener Ruhe folge, mit der man Weltgeschichte liest, kann ich doch nicht umhin, zu der akuten Frage des baldigen Antrittes des Bykschen Nachlasses das Wort zu ergreifen. Das lebhafte Interesse, welches ich meinem engern Vaterland noch immer bewahre, zwingt mir malgre moi die Feder in die Hand. An Kandidaten fehlt es selbstverständlich nicht, trotz der der kurzen Herrlichkeit. .Man will auch einen schnellen Ausflug ins Reich der Gesetzgebung machen und feine Visitkarte an die Kleiderrechen im Parlamentsgcbäude heften. In devoter Verehrung des alleinseligmachenden Polenklubs fordert man in erster Linie einen Juden von makelloser polnischer Gesinnung, als ob der allmächtige Poletiklub, in welchem alle Mitglieder in eiserner Disziplin nach dem Dirigentenstab des Kommandanten tanzen, der Unterstützung eines einrückendcn Rekruten bedürfte oder einen Dissidenten fürchten müßte! Dem Polenklub kann es gleichgiltig sein, wer sich einige Monate hinsetzt, sich ausgähnt und ausschweigt. Aber den Juden kann es nicht egal sein, wen sie hineinschicken; sie brauchen ihre Vertreter mehr im Klub als im Parlament, uw sie nur sprechen dürfen, wenn sie das Placet der Kommission haben. Hier gilt es, als V e rtreter der Juden zu fühlen, zu deklarieren und uneingeschüchtert zu plaidieren, wie es zuweilen Dr. Byk tat, Doktor Straucher öfter tut und in früheren Dezennien, im ersten Abgeordnetenhause, welches eine Zierde Oesterreichs war, Dr. Ignatz Kuranda bei jeder Gelegenheit dezidiert tat. Ob Zionist oder Nichtzionist, diese interne Wohnungsfrage komme da nicht in Betracht, es muß nur ein Jude sein, der sich nicht vor den Chargierten des Polenklubs in frommer Resignation beugt, gewillt und befähigt ist, die Sonderinteressen seines Volkes zu vertreten, wie der Großgrundbesitzer oder der Geistliche oder sogar der Bauer die Sonderangelegenheit ihres Standes wahren. Alle Kandidaten werden dasselbe versprechen — versprechen ist so leicht, aber ob auch halten?! Ich erinnere mich der Zeit, als der '-erstorbene Abgeordnete Doktor Oswald Hönigsmann in Brody kandidierte. Uns begegnete auf der Straße ein armer Jude, der mich frug, ob mein Begleiter der Kandidat sei; auf meine bejahende Antwort wandte er sich an Hönigsmann mit folgender Anrede : „Herr Doktor, ich werde für Sie stimmen und mein Schwiegersohn au<b, wenn Sie mir ein Versprechen geben. Sie gehen ja nach Wien und werden mit dem Kaiser sprechen; sagen Sie ihm, ich habe in der Schulgasse ein kleines baufälliges Häusel Nr. 141. Dafür verlangt man Steuer, die ich nicht zahlen kann. Was will e r von mir: Sagen Sie ihm, er soll mir die Steuer erlassen." „Ich werde es ihm sagen," erwiderte Dr. Hönigsmann in voller Ruhe, ohne eine Miene zu verziehen. Der Wähler war befriedigt, dankte und entfernte sich einige Schritte, dann blieb er stehen und rief uns nach: „Herr Doktor, Herr Doktor, vergessen Sie die Nummer meines Hauses nicht!" „Nummer 141," schrie, ihm Hönigsmann zu. — „Richtig. Gott lohne es Ihnen!" „Sehen Sie," sagte mir Hönigsmann, „ohne Lügen und Zusagen kommt niemand durch, dies war eine unschuldige Lüge für eine kindischen Verstand: es gibt aber gefährliche Lügen und gleißnerische Zusagen, die gefährlich sind!" Man wähle nicht einen Verehrer und eine Stütze für den. Polenklub, sondern für das Judentum und einen tadellos verläßlichen, bewährten Mann!" Leo Herzberg-Fränkel. Eine Reminiszenz. Sehr geschätzter Herr Redakteur! Anknüpft'nd an den Artikel Ihres geschätzten Blattes: Die Gründung des Wiener Stadttempeis, wo Sie auch die Toleranzerteilung an führten und die Klausel, daß erwachsene Söhne einen Erwerbszweig ergreifen mußten und die Witfrau, wenn sie nicht das Geschäft des Mannes weiterführen konnte, mit allen ihren Kindern in ihre Heimat zurück mußte, die Toleranzbewilligung später zu einer Quelle stetiger Quälereien an diesen armen Leuten wurde, erlaube ich nur meine eigenen Erlebnisse aus dem Achtundvierziger-Jahre mitzuteilen. Damit H uidel und Wandel nicht stocke, wurde den Juden ein dreitägiger Aufenthalt gestattet. Nun, wie wurde der nach Wien kommende Jude kontrolliert, damit er nicht länger sich in Wien aufhalte? Dieses geschah auf folgende Weise: Unter der Regierung Kaiser ^ranz gingen keine Eisenbahnen, die ersten Bahnen wurden unter der Regierung Kaiser Ferdinands erbaut und zwar die Nordbahn, die noch bis heute seinen Namen führt, und diese ging anfangs bis Gänserndorf, dann nach Lundenburg, später nach Olmütz und Brünn. Früher mußte Alles mittelst Stellwagen oder Fuhrwerk nach Wien kommen und die Linien passieren. Wenn so ein Stellwagen mit Passagieren bei einer Linie ankam, stieg ein Polizeimann auf den Wagen, suchte sich den Juden heraus und begleitete ihn aufs Wachzimmer, wo der Jude dann dem diensthabenden Polizeifeldwebel seinen Paß abgeben mußte. (Denn ohne Paß durfte er nicht reisen.) Gegen diesen Paß erhielt der Jude einen gedruckten Schein, worin die Aufenthaltsmaßregeln gedruckt standen. Diese Pässe wurden von allen Linien Wiens nachts zur Polizei-Ober-Direktion, die damals I., Am Peter war, befördert. Für dieses Paßwesen gab es dort ein eigenes Judenamt mit zwei Kommissären, namens Wiesenb e r g e r und Schnitzer. Der gestern zugereiste Jude mußte sich des andern Tages seinen Paß holen und seinen Anfenihaltsort genau angeben, welcher sodann in dem Tagesjournalbuch eingetragen wurde, und jeder Paßinhaber erhielt einen Aufenthaltsschein auf 3 Tage. Diese Herren Kommissäre wußten genau, wo jeder einzelne Jude wohnte. Um daher in Evidenz zu halten, ob nicht mancher Jude über die ihm erlaubte Aufenthaltszeit von 3 Tagen in Wien sich aufholte, wurden jede Nacht von nach l0 Uhr bis 3 Uhr morgens Visitationen in den bekannten Aufenthaltsorten gehalten, die ■ auf folgende Weife veranstaltet wurden: Die beiden Kommissäre verteilten sich in zwei Regionen, nahmen je' 4 Polizisten und einen Detektive mit sich, läuteten dann an den retreffenden Häusern und der Hausmeister öffnete ihnen. Hausmeister! führen Sie uns, wo Juden wohnen, und verschweigen Sie uns keinen! Der Hausmeister geborchte, der Herr Kommissär und der Detektive traten ein, die 4 Polizisten warteten vor dem Tore. Juden! Aufemhaltsausweise vorzeigen! Schrecken und Angst überfielen auch jene, deren Aufenthaltszeit noch nicht abgelaufen war, umsomehr die, bei denen sie schon vorbei war Unbarmherzig wurde er aus dem Bette geholt und den untenstehenden Polizisten übergeben. Am Schluffe dieser Razzia wurden die armen Juden in das damalige alte Polizeihaus, welches sich im I. Bez., Sterngasse befand, geführt und unter Dieben und schlechtem Gesindel eingesperrt, trotzdem ihr Vergehen in nichts anderem bestand, als daß sie sich um einen Tag länger in Wien aufgehalten hatten.