Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 86 Dr. Blortz's Vochensrtzrifr. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die Reichsrats-Ersatzwahl in Brody-Zloezow. Brody, 2. August. Die Reichsratswähler des Städtewahlbezirkes Brody- Zloczow sind genötigt, drei Monate vor der Auflösung des Reichsrates und vor dem Inkrafttreten des allgemeinen Wahlrechtes einen neuen Abgeordneten zu wählen. Der tückische Zufall hat es gewollt, daß diese voraussichtlich letzte Wahl nach dem alten System von einer überwiegend jüdischen Wählerschaft vollzogen werden muß und daß dabei all jene traurigen Praktiken, die unter dem Sammelnamen „Galizische Wahlen" bekannt und berüchtigt sind und sich in den jüdischen Wahlbezirken mit besonderer Schärfe ausprägen, noch einmal, und wahrscheinlich in vermehrter und verschlechterter Form zur Anwendung gelangen werden. Denn wenn sonst inmitten der widerstreitenden Interessen mehrerer Kandidaten der allmächtige Bezirkshauptmann der „ruhende Pol" in der Erscheinungen Flucht ist, so gibt es diesmal nicht nur einen Kampf der Kandidaten unter- und gegeneinander, sondern auch einen erbitterten Kampf zweier Bezirkshauptleute um die Behauptung ihrer beiderseitigen Einflußsphären. Das Mandat von Brody-Zloczow gehört zu jenen kümmerlichen Almosen, welche der Polenklub den galizischen Juden mit der Ueberlaffung von ganzen fünf Abgeordnetensitzen zugeworfen hat, obwohl die Juden vermöge ihrer Bevölkerungsziffer, Intelligenz und Steuerleistung Anspruch aus die dreifache Anzahl hätten. Man weiß, daß diese Mandate ausschließlich durch die Gnade des Polenklubs, respektive des Statthalters und des polnischen Zentral-Wahlkomitees vergeben wurden und daß der Wille der Wählerschaft dabei gar nicht in Betracht kam. Unseren Lesern ist vielleicht noch die Schilderung der vor elf Jahren in Brody stattgefundenen Reichsratswahl in Erinnerung, bei welcher der Bezirkshauptmann Graf Russocki erklärte, er kenne nur c'nen einzigen Kandidaten — den Regierungskandidaten, und bei welcher die in der Mehrheit befindlichen Wähler Dr. I. S. Bloch's durch zwei Halbkompagnien Infanterie verhindert wurden, in das Wahllokal zu gelangen. Auf solche Weise ist der jüngst verstorbene Dr. Byk mit den Stimmen der Minorität in den Besitz des Brodyer Mandates gelangt und er hat sich für die Hilfe des Bezirkshauptmanns stets dankbar erwiesen, indem er, die erste jüdische Persönlichkeit des Landes, die jüdischen Interessen nur dort vertrat, wo sie mit jenen des Polentums nicht in Widerspruch gerieten. Gedenkt man dieser Tatsachen, dann muß die Kunde sonderbar anmuten, daß eine jüngst in Brody unter dem Vorsitze des neuen Bürgermeisters Dr. Rittet abgehaltene Wählerversammlung beschlossen habe, ihren künftigen Abgeordneten auf die energische Vertretung jüdischer Interessen zu verpflichten. Was die führende Intelligenz in Brody unter dem Begriffe „jüdische Interessen" versteht, mag aus dem Umstande erhellen, daß eben jener neue Bürgermeister, der „jüdische Pole" Doktor R i t t e l, sein Amt mit dem offen kundgegebenen Vorsatze angetreten hat, das deutsche Gymnasium in Brody so rasch als möglich zu polonifieren, und daß alle maßgebenden Faktoren in Brody sich in der energischen Bekämpfung jenes Kandidaten vereinigt haben, welcher die ehrliche Absicht hegt, die Wahrung der jüdischen Interessen allen anderen Rücksichten voranzustellen: Das ist der Zionist Adolf Stand aus Lemberg. Allein neben Stand erscheinen auf der Bildfläche Rabbiner Dr. Rosenmann aus Floridsdorf und der Triester Rabbiner Dr. Brettholz, welch letzterer auch der polnischen Sprache mächtig ist und hier viele Freunde zählt. In Wählerkreisen werden diese Männer gewiß Sympathien finden, — schwerlich aber bei den Stadtführern! Um diese Haltung zu verstehen, muß man ein klein wenig auf die Psychologie der alten Handels- und ehemaligen Freistadt Brody eingehen. Bis vor zwanzig Jahren noch ein blühendes Emporium an .der Ostgrenze der Monarchie, der Sitz eines Gerte wohlhabenden und hochintelligenten Handelsstandes, ist Brody seit der Einbeziehung in das Zollgebiet wirtschaftlich immer tiefer herabgesunken. Die alten, angesehenen Familien find zum großen Teile ausgewandert, und was zurückblieb, ist ein in bitterster Armut schmachtendes Proletariat. „Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundener Pracht" — das ist die Handels- und Gewerbekammer, deren Sekretär der schon mehrfach genannte ehrgeizige Bürgermeister Dr. Rittel ist und der so wenig zu tun hat, daß er sein Amt als Sinecure und als Sprungbrett für andere Ehrenstellen betrachten kann. Denn nicht nur Bürgermeister ist der Herr Handelskammersekretür geworden, er wird auch als Reichsratskandidat genannt. Als Reichsratskandidat von des Bezirkshauptmanns Gnaden, wie wir gleich sehen werden. Die sozialen Zustände Brodys bringen es mit sich, daß in der Stadt wohl noch einiger Patrizierstolz vorhanden ist, daß aber alle ihre Bewohner, Kaufleute wie „Luftmenschen", ihre Blicke sehnsüchtig nach oben, nach der allvermögenden Regierung richten, wie der Hungernde fiebernd nach einem Bissen Brot ausschaut. Wer sich nun da mit der „wohlwollenden Neutralität" des Statthalters, mit der Empfehlung des Polenklubs ausweisen und überdies noch ein Stück Geld für seine Wahl aufwenden kann, hat gewonnenes Spiel. Die „jüdischen Interessen" sind eine billige Phrase, die niemand ernst nimmt. Es ist traurig, aber charakteristisch für die Struktur der Wählerschaft in Brody und Zloczow, daß seit dem Tode Sochors keine Wahl gemacht werden konnte, die dem Sieger nicht viele Tausende gekostet hätte. Das ist die große Sünde, die der verstorbene Dr. Byk an Brody begangen hat und die sortzeugend heute noch das Uebel der Korruption gebärt. Zu alledem kommt nun noch die Rivalität zweier Bezirkshauptleute. Geistig, wirtschaftlich und politisch hat bisher Brody gegenüber dem mit ihm in einem Wahlbezirke zusammengekvppelten Zloczow den Vorrang behauptet, so daß jederzeit jener Kandidat, den Brody auf den Schild erhoben hatte, auch in Zloczow akzeptiert wurde. Das ist diesmal anders. Der Zloczower Arzt Dr. Gold, der durch zähe Anstrengungen die Würde eines Vizebürgermeisters in seiner Vaterstadt erlangt hat, fühlt sich berufen, das verwaiste Erbe Dr. Byks anzutreten. Der Mann war bisher so wenig Jude, daß er die Zahlung der Kultussteuer verweigert hat. Aber nichtsdestoweniger aspiriert er auf das jüdischeste Mandat Galiziens. Er versicherte sich zu diesem Zwecke der Sympathien des Polenklubs und der Mithilfe „seines" Bezirkshauptmannes. Die erstere gewann er durch die Bereitwilligkeit, die bisherigen fünf jüdischen Mandate nach dem Plane Glombinskis wegzueskamotieren, indem die Wahlbezirke mit absolut jüdischen Majoritäten in solche mit relativ jüdischen Majoritäten verwandelt werden sollten. Die Unterstützung des Zloczower Bezirkshauptmanns erlangte er, indem er den Ehrgeiz dieses Beamten aufstachelte, einmal gegen den alten Grafen Russocki in Brody aufzutrumpfen. Und in letzter Stunde entdeckte Dr. Gold auch noch sein jüdisches Herz — er gab dem Zloczower Chaffidim Geld zur Restaurierung ihrer „Klaus". Dr. Gold glaubte damit alles getan zu haben, um seine Wahl zu sichern. Aus die Empfindungen der Brodyer brauchte er nicht weiter Rücksicht zu nehmen, denn „sein" Bezirkshauptmann hat ihm von vornherein eine bombenfeste Majorität verschafft. Das ist in Galizien eine sehr einfache Sache. Während bisher die Wählerliste von Brody um 300 Wähler mehr aufwies als jene von Zloczow, zeigt zur allgemeinen Ueberraschung diesmal die Zloczower Liste eine größere Wählerzahl als jene von Brody und ist überdies noch „elastisch" angelegt. Nun hat freilich Dr. Gold nicht mit der Empfindlichkeit des Brodyer Bezirkshauptmannes Grafen Russocki gerechnet, der bisher als der alleinige deus ex xnachina bei allen Wahlen das Heft in der Hand hatte' und es sich nicht leichterdings entwinden lassen will. Graf Russocki ist der erbittertste Gegner der Kandidatur von Dr. Gold und demgemäß wollen auch die Brodyer nichts von derselben wissen. Graf Russocki favorisierte anfänglich eine Kandidatur Rittel, doch verfügt der Sekretär der Handelskammer und gegenwärtige Bürgermeister nicht sonderlich über die