Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 598 Or. Vlortz's Wochen!ArriN. Nr. 36 Soweit Jellinek. Für das Verständnis der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Helden dieser Geschichte und dem jüngsten Ritter der Ehrenlegion sei bemerkt, daß die Familie „Dreyfus" aus „Treves" — Trier ist der Stammort — verdeutscht, sich frühzeitig nach der Schweiz verbreitet hat und daß bereits im dreizehnten Jahrhundert der Zweig, zu dem Major Dreyfus gehört, nach dem Elsaß ausgewandert ist. Auch in Prag begegnet uns in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Lazarus „Trifas" unter anderem als Lehrer des Chronisten David Gans, der, mit Kepler befreundet, mit Johann Müller (Regiomontamis) Briese gewechselt und für Tycho Brahe die Alphonsinischen Tafeln ins Deutsche übersetzt hat. Luegers Paladine. Einige Monotonien des Lebens: Im Sommer ist es heiß — im Winter fällt der Schnee — ein Christlich- Sozialer hat sich in Geldsachen geirrt. Bleiben wir bei dieser Luegersichen Uebersetzung aus dem Deutschen. Der Fall des christlich-sozialen Krankeukasseu-Sekretärs Bernhoser, der Arbeitern 4iOO Kronen gestohlen hat, war nur der Schatten, den große Parteiereignisse vorauswarsen. Ganz kurze Zeit später schrie eine riesige Versammlung dem Vorstände der Schneidergeuoffenschaft, der weithm ragenden Stütze der antisemitischen Partei, den großen Judenfresser, donnernd die Worte zu: Dieb und Defraudant! Diese beiden Ehrentitel erwarb sich Dolejs um vierzigtausend Kronen behaltener Kassaskonti. Er konnte sie ersetzen. Woher? Wovon? War das alles? Darüber ist nun der schmutzige, fadenscheinige Mantel christlichsozialer Nächstenliebe gebreitet. Also darum Räuber und Mörder! Von solchen Individuen haben es sich Millionen von Juden gefallen lassen müssen, auf das Furchtbarste beschimpft und auf das Schmutzigste verleumdet zu werden. Deßwegen wurde beim „Blauen Luchsen" die Werbetrommel geschlagen, deßwegen rückte eine Armee von Viehtreiberu in die Stadt, damit für diese Sippe Raum geschaffen werde an den Kassen der Gemeinde! Es war wahrlich ein Hunnenzug. Das Rathaus ist ein Felsen geworden, der sich dem vorwärts stürmenden Strom der Zeit entgegenstellt und auf dem eingebildete Dummheitmit der Kraft des Besitzes protzt. Sie haben sich fest in die Brust geworfen, um sich jetzt desto mehr in den Bauch werfen zu können. „Wir wollen das Beste des christlichen Volkes" war Motto und Motiv, und das haben sie gewissenhaft gehalten. Wo etwas Gutes vom christlichen Volke zu holen war, haben sie es genommen. Es ist kein Aemtlein so klein, ein Cyristlich-Sozialer muß darin sein. Hat einer schon viel in den maglstratischeu Aemtern zu tun gehabt? Weiß er, was für ein Beamtenmaterial da Behörde spielt und die Gesetze behütet? Jung, mit der krassen Einbildung, das Volk sei für ihr Wohlergehen da, und ohne die mindeste Ausbildung sitzen in vielen Aemtern Leute herum, vor deren Tribunal der müde Steuerträger kommt, vollkommen wertlos als Amtsorgane, aber von einer heroischen Größe, wenn die Wahlen Agitatoren brauchen. Die Geschichte des Landeseisenbahuamtes ist ein Pröbchen davon. Es steht aber fest, daß dieses Stück unzählige Wiederholungen erleben würde, wenn auch anderswo die Regisseure sich fänden. Das sind die Jungen. Und erst den Alten ist die Politik zum Schmerbauch gediehen, wie sich ein alter Trinkspruch ausdrückt. Die ersten Vorkämpfer der christlichsozialen Herrlichkeit, die ihre christlich-deutsche Kultur noch beim „Wilden Mann" mit Ochsenziemern vertraten, für die bleibt wirklich nur mehr Marienbad übrig, wenn sie nicht ebenso ersticken'wollen, wie es ihrem Gewissen schon längst geschehen ist. Ihre Mittel erlauben es diesen Volksvertretern, sich .durch ganz Europa durchzufressen und alle Kochkünste von den Schären bis nach Petersburg im Deutschen Volksblatt begeistert zu beschreiben, wo derartige Geistesprodukte die Krone der Artikel sind. Die Herrschaften sind aber nicht Realitätenbesitzer und Fabrikanten seit jeher. Sie haben das wirklich gemacht, was sie den Liberalen mit schäumendem, frechen Munde nachgelogen haben: Sie haben sich an der Gemeindekrippe satt gefressen. Die Grübel, Richter, Mayer waren Ehrenmänner, nur auf das Wohl der Stadt bedacht. Da kamen verkrachte Advokaten, Greißler und Handwerker ohne Bildung, aber mit Lungenkraft, ohne inneren Wert, aber mit großer Kunst der Lüge, ohne Logik, aber mit Unverschämtheit, und schon nach ein paar Jahren leben jetzt diese einst vermögenslosen Leute in behaglichem Luxus. Die Kirchenbauer von Wien haben so manche Tippelskirche errichtet und viele von ihnen behalten ihre Würde nur aus Mangel an Beweisen. Wenn sie wenigstens für die hohen Summen, die sie erhalten und behalten, etwas in der Verwaltung leisten würden! Aber diese Effektbeleuchtung und die großen Gartenanlagen sind nur die Schminke einer häßlichen und abgelebten Dirne. Man erinnert sich doch noch des Wahlaufrufes in der „Arbeiterzeitung", wo den Christlich-Sozialen uachgerechnet wurde, um wie viele schwere Millionen sie die Schulden der Stadt, um welch hohe Perzente sie die Steuern vergrößert hätten. Während die Großen bei Banketten prassen und beim Wimberger schlemmen, verzweifelt der kleine Mann, dessen Rettung versprochen wurde, weiß der Arbeiter nicht mehr, wie er bei dieser Teuerung seine Familie erhalten soll. Die paar dilettantischen Versuche zu sozialpolitischen und allgemein nützlichen Gründungen sind jämmerlich verkracht, wie Brauhaus, Großschlächterei und Jubiläumstheater; aber wenn ein Oppositioneller im Gemeinderat die Wahrheit zu sagen wagt, so antwortet ihm christlichsoziale Weisheit im Chor mit dem stumpfsinnigen Kampflied, das sie zum Siege geführt hat: Jud, Jud, Jud! Leider haben schon einige Bevölkerungsklassen die richtige Erkenntnis gewonnen und Lueger die Freundschaft aufgesagt, wie die Gastwirte und Fleischhauer. Leider, denn die Sache nützt nichts, solange im Rathaus die Wahlgeometrie die bisherige Höhe behält. Und Lueger geht nicht an seinen Feinden zugrunde, sondern an seinen Freunden. Sollen sie alle nur weiter treu bei ihm halten und wie immer die offenen Hände Hinhalten. Er wird für die Masse der Petenten bald nicht genug Aemter übrig haben, wo man mit freundlichen Lieferanten zu tun hat, und Kassen, wo man im Gelegenheilsverhältnis steht. In diesem Gelegenheitsverhältnis hat sich nun Dolejs, der große Paladin Luegers, nach dem Ausspruch seiner Genossenschaftler „geirrt". Die christlichen Führer haben oft das Glück, daß der Zirkel ihrer Getreuen ein böhmischer Zirkel ist. Dolejs ahmte mit Geschick bewährte Muster in seiner politischen Umgebung nach, streifte das Kaffenskonto und die Provisionen der Lieferanten ein und fuhr daun zur Erholung seiner Genossenschaft ein bischen in die Schweiz, das Land der Freiheit. Aber was erfolgte statt des Fluges der Steckbriefe? Der wackere Schneider, der sieben korrupte Juden auf einen Streich zu erschlagen pflegte, kehrte vollständig unbehelligt nach Wien zurück und zeigte seinen Freunden statt der Brust die eiserne Stirne. Die Parteileitung wollte nicht einen neuen Diebstahl zu den vielen anderen anerkennen und befahl einfach, Dolejs sei ehrlich. Warum sollte dieser getreue Paladin Luegers auch schlechter behandelt werden als so viele andere? Jetzt erst recht nicht. Jetzt ist er erst standesgemäß geworden, jetzt steht ihm das Avancement zu den höchsten Parteiwürden offen. Er kann auf gesinnungsgenössische Kreise zeigen, wo man nach jedem Händedruck nachschaut, ob man noch alle Finger hat. Wir glauben nicht einmal, daß in diesem Fall die Macht der Chris! lich- Sozialen den Staatsanwalt beruhigt hat, weil er so gar keine Untersuchung einleitet. Es würde zu weit führen, wenn er sich um jede christlichsoziale Schweinerei kümmern sollte. Denn die antisemitische Partei unterstützen kann schließlich der Staat; es würde ihm aber schwer fallen, sie ganz zu erhalten. I. Uprimny.