Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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<SÄ*U*SEfeSkil Uv. 36 Bloch’s Iahr-a»g XXIII Zentralorgan für die gesamten llnteressen des Judentums. Wien, 7. September 1906. — LrscDeint jeden Freitag, Brief-Adresse: TSUfen, IX/I, Kerggasse 39. T?lecxramm-Adresse: Zölocb's MiocDenschritt. Mlien. «---« BejUflöpcria für Vrftrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. •-» »-S K. kr. Postsparkassrn-Aml Lieartng-Verkebr ittr. Sio.976. ArdaNlion und Administration: Wien IX/|, Kerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. ©--« Inhalt: Leitartikel: Dreyfus in Wien. — Luegers Paladine. - Vom Jahrmarkt des Lebens: Tie Neichsrats-Ersatzwahl in Brody-Zloczow. Znr Ergänznngswahl Brody-Zloczow. Eine Reminiszenz. Zur Schächthetze. Ter Judenkonvent in Paris. — Korrespondenzen: Der Kaiser in Teschen. Hofrat Isidor Neumann. Rosa Kaufmann. Der ungarische Kultusminister und die Reform der Statuten der israelitischen Kultusgemeinden. Antisemitismus in Sauerbrunn. Konferenz der zionistischen Weltorganisation in Köln. Jto. Austalien. Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungs-Angelegenheiten in Berlin. Berlin. Das Trennungsgesetz in Frankreich und die Juden. Russische Juden in Schweizer Dörfern. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Neujabrsgratulationen. Spenden zugunsten der Opfer der Judenmassakres in Bialystok. Kirchberg, Teltsch, Austerlitz, Klattau, Kostel, Eger, Ungarisch-Ostra, Soborten. Agram, Breslau. — Feuilleton: Der importierte Bräutigam. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Dreyfus itt Wien. Von Dr. M. Gr. Nicht der einstige Verbannte der Teufelsinsel freilich, sondern einer seiner Vorfahren, und auch der nicht leibhaftig, doch im Konterfei. In einem hiesigen öffentlichen Museum, irre ich nicht, im Belvedere, fällt dem Besucher das Porträt eines würdigen Greises auf, nicht sowohl durch seinen Kunstwert oder die Person des Dargestellten, als vielmehr um der Unterschrift willen: „M i ch a e l D r e y fu s, die Religion in der P e r s o n." Ueber die Herkunft des Bildes und dieser seltsamen Unterschrift liegt mir ein anonymer Bericht vor, der von dem Verfasser auf Dr. Adolf Jellinek, den bekannten Wiener Prediger, zurückgeführt wird. „Es erging", so heißt es darin, „unseren Brüdern besonders schlecht, als man viel von ögalitö, fratemitö und libertö drüben, jenseits der Vogesen, hörte. Heimatlos waren Tausende geworden, und nur mit großen Summen konnten sich die Verstoßenen bei uns in Oesterreich ihr Heimatsrecht erwerben. Als Erzherzog Carl, dem nichts Menschliches fremd war, von seinem Feldzuge gegen Frankreich siegreich zurückkehrte. schlug er sein Hauptquartier in der Schweiz auf, in der Nähe von Endingen. Ihm selbst wurde eine Wohnstätte in dem Hause des reichen und sehr angesehenen Gemeindevorstehers Michael Dreyfus zugewiesen. Mit verschwenderischen Händen gab Dreyfus für seinen erlauchten Gast, was er aufbringen konnte, mit vornehmer Zurückhaltung hielt er sich selbst aber in seinem Studierzimmer auf, bis der Erzherzog ihn selbst dort aufsuchte. Hochaufgerichtet stand der Siebzigjährige vor dem Fürsten, eine Gestalt, wie Rubens sie dem Prototyp der Gastfreundschaft, seinem Abraham, gegeben. Nach tiefer Verneigung bat er um die Erlaubnis, den Segen aussprechen zu dürfen, den seine Religion ihm vorschreibe beim Anblicke eines fürstlichen Hauptes. Nachdem er sein Haupt bedeckt, kamen die Worte in hebräischer Sprache von seinen Lippen: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der Du von Deiner Majestät Geschöpfen von Fleisch und Blut ein Teil gegeben." Der Fürst bat um die Uebersetzung und als er die Deutung hörte, war er auf's Tiefste ergriffen über die Hochachtung, welche die jüdische Religion gekrönten Häuptern zollt. Sein Interesse steigerte sich auf's Höchste, als er die weisen Ansichten seines Wirtes über Religion, Menschentum und Weltereignisse hörte; vor allem aber imponierte ihm die edle Erscheinung, das Gesicht, das sich in der llnterhaltung so belebte, das Auge, das voller Begeisterung Funken sprühte. Im Eifer der Unterhaltung achtete Dreyfus nicht darauf, daß der Erzherzog einen leisen Befehl erteilte und kurze Zeit darauf ein Mann hereingetreten war, der, nachdem er Dreyfus scharf beobachtet, mit geschickter Hand die Linien seines Gesichtes auf das vor ihm liegende Papier bannte. Doch ganz vollenden konnte er seine Skizze nicht; denn aus seine Uhr blickend, erhob sich Dreyfus, und als etwas Selbstverständliches bat er den Fürsten um Entschuldigung, daß er ihn verlassen müffe. Es sei der Sabbat im Anzuge und die Pflicht rufe ihn zum höchsten Herrn. Der Fürst verabschiedete sich huldreichst von ihm und fügte ernst hinzu: „Beten Sie auch für uns!" Impulsiv, wie der Erzherzog war, und auch von dem Wunsche getrieben, die Skizze vollendet zu sehen, trat er am Sabbat Mittag in das Wohnzimmer seines Wirtes. Dieser saß mit seiner Familie beim Mahl; aber da reihten sich noch Gestalten um den Tisch, die offenbar nicht -zur Familie gehörten. Ihre Kleidung war ärmlich, ihre Gesichter ernst und gefurcht. Auf die Aufforderung des Fürsten stellte Dreyfus ihm seine Gattin, seine Töchter und Söhne vor. Hier war er ein echter Patriarch, der Fürst erkundigte sich teilnehmend nach den anderen Anwesenden. Er hörte von Dreyfus, daß es heimatlose Glaubensgenossen seien, die ihm die Freude bereiteten, an seinem Mahle teilzunehmen. „Und warum sind sie heimatlos?" fragte Seine kaiserliche Hoheit. Jetzt zuckte es schmerzlich um Dreyfus' Gesicht und mit bebender Stimme sprach er: „Euer Hoheit, es find ja Juden". In diesen Worten lag eine Welt von Schmerz und Bitterkeit. „Oh, würde man ihnen das Recht der Heimat geben, so würde man der ganzen Menschheit einen Dienst leisten", fügte er leise hinzu, als ob er zu sich selber spräche. — Tief ergriffen schied der Erzherzog. — Als der Friede geschlossen war, da erinnerte sich der edle Fürstensohn dieser Worte. Es erschien kurze Zeit später der Erlaß, daß den umherziehenden Juden das Heimats- und Niederlassungsrecht an dem Ort verliehen werde, wo sie geboren. Das Porträt ließ der Erzherzog vollenden. Die Unterschrift gab er ihm selbst: „M ichaelDreysus, dieReligioninderPerson."