Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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£ **a8imttia&£ r3mMmsvKZ«!iu*zxxa*i&a3xasxmJuaKwaama*m Nr. 35 Dr. JSlocb s Mlocbenscbrlrr. Seite 593 jedoch sofort auseinandertrieb und den Mißhandelten seinen Schutz angedeihen ließ. Der Vorgang spielte sich gegen 10 Uhr Abends ab, und wenn nicht einige besonnenere Leute den Pöbel von weiteren Ausschreitungen zurückgehalten hätten, wären Rechnitz und Klatter kaum mit dem Leben davongekommen. Ein neues „Ritrralmord"-Märchen. Prag. „Hlas Naroda" meldet aus Chvtzen bei Pardubitz: Hier herrscht große Aufregung in Folge einer Anzeige der 22jährigen Dienstmagd Marie Koszyna, der Tochter eines Eisenbahnarbeiters, gegen einen hiesigen jüdischen Arbeiter. Das Mädchen behauptete, der Arbeiter habe sie im Schlafe überfallen, narkotisiert und zu rituellen Zwecken mißbraucht. Die Staatsanwaltschaft in Chrudim ließ die Koszyna sofort durch zwei Aerzte untersuchen, die auf dem Rücken und auf den Armen des Mädchens Flecken fanden, die von Ungeziefer herrühren. In Chvtzen macht sich eine starke antisemitische Strömung geltend, es kursieren die unsinnigsten Gerüchte und man befürchtet Ausschreitungen. Die Koszyna wird von ihrer Diensigeberin als schwachsinnig geschildert. Feuilleton. Der importierte Krantigam. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. * III. Kapitel. An einem herrlich schönen Maientag fuhr Asriel Stroon auf einem bäuerlichen Fuhrwerk die Landstraße nach Prawly entlang. Er schien teilnahmslos auf die endlose Reihe von Weidenbäumen zu blicken, die Tätigkeit seiner Sinne schien unterbrochen. Plötzlich brachte ein frischer Luftzug ihn wieder zu sich und er fing an zu sehen, und er sah eine blumige Wiese und er hörte das Zwitschern der Vögel. Er erkannte die gelben Flecken auf der Wiese als Löwenzahn und Butterblumen und erinnerte sich, daß seine Mutter, die den Namen dieser Blumen nicht kannte, sie Tzatzkes nannte. Seit fünfunddreißig Jahren hatte er diesen Namen nicht gebraucht und jetzt erinnerte er sich plötzlich wieder dieses Ausdruckes. Und es kanl ihm vor, als ob das Zirpen nicht von den Grillen, sondern von der Bewegung der Blumen herrühre. Seine Seele jauchzte. Er schloß die Augen und überließ sich der angenehmen Liebkosung des Windes. Seine Sinne verwirrten sich. Er empfand mit einemmal den köstlichen Dust, er vernahm himmlische Töne, eine herrliche Symphonie von Farben und Tönen wirkte auf ihn ein. „Verdienst du das, alter Sünder," sagte er zu sich. „Doch still." Mit aufmerksam gespannter Neugierde blickte er um sich, zuerst sah er einen gigantischen Brunnenschwengel hoch in der Luft befestigt und dann wanderte sein Blick weiter in die Landschaft. Die Wälder ringsumher schienen ihm wie ein schwarzer Rahmen. Leichte Wölkchen lagerten auf den Bergen. Dort in der Ferne erglänzte ein weißer Silberstreif. Ist es ein Wasser? Asriels Augen blicken wie feftgebannt, tausend Erinnerungen stürmen auf ihn ein. Als Asriel das erste Jahr in Amerika weilte, waren alle diese Dinge seinen Träumen vorgeschwebt, wenn er sich der süßen Qual des Heimwehs überließ. Wie ein Traum kam ihm alles vor, die Schatten von fünfunddreißig Jahren waren mit einemmal verschwunden. Asriel starrte in feierlicher Stimmung vor sich hin. Der Himmel senkte sich, ein unendlicher mit Melodie erfüllter Raum; das Geräusch des bäuerlichen Wagens bildete eine eigenartige Begleitung zu der ganzen Stimmung, zu allem, zu jedem Farbenfleck, zu jedem Ton in der Landschaft. Er .empfand einen Augenblick lang, als ob er sich in eine andere Welt verirrt hätte. Dann begann er, an stiner eigenen Identität zu zweifeln. „Wer bin ich?" srug er sich selbst. Und er öffnete und schloß seine Hände, um sich von der Wirklichkeit zu überzeugen. „Bist du wirklich am Leben?" frug er sich dann. Mit einemmal erinnerte er sich an Floras Photographie, die er in der Brusttasche trug und er nahm sie heraus und betrachtete sie lange. Der Wagen bog in eine Seitenstraße ein und der polnische Bauer beugte sich nach vorne und peitschte das Tier zu einer rascheren Gangart auf. Am Horizont erhob sich etwas Graues und trübe Flecken stiegen am Himmel auf. Der Wagen rollte abwärts. Asriel war aufgeregt. Er hatte das Gefühl, am Vorabend eines großen Ereignisses zu stehen. Er wußte nicht warum. Der Wagen kam nur langsam vorwärts. Asriel war ganz verwirrt. Plötzlich — o Herr des Himmels, was erglänzte hier? Wie hieß dieser Bach? „Heißt er nicht Repka?" frug er den Kutscher. „Repka," antwortete dieser, ohne sich umzuwenden. . „Repka," wiederholte er und ein schmerzliches Gefühl beschlich ihn. Wer hat ihn da beim Baden einmal schlag n wollen? Auf der anderen Seite war es, wo ihm sein Vater nachgejagt war, weil er während der zehn Bußetage zu baden gewagt hat. Er war dabei gefallen und hatte sich damals eine blutige Schramme geschlagen, deren Spuren er noch trug. Und Asriel freute sich, die Schramme berühren zu können. Dann gedachte er seiner alt-n Bekannten. Er würde sicherlich jeden gleich erkennen. Aber ob sie noch alle am Leben waren? Diese Frage quälte ihn. Asriel richtete seine Augen in die Ferne. Doch halt. Rauch kräuselt sich dort zum Himmel hinauf. Seine Seele überfließt, Schluchzen erstickt seine Brust. „Höre," wendet er sich an den Kutscher. „Sluchaj," sagt er in jauchzendem Ton auf Polnisch. Dann nennt er ihm die umgebenden Plätze und das Zustimmen des dummen Kutschers dringt ihm in die innerste Seele hinein. Asriel wendet sich hin und her. Seine Ungeduld hat den höchsten Grad erreicht, am liebsten wäre er aus dem Wagen herausgesprungen. In der Ferne sieht man planlose Häuserreihen auftauchen. Sein Herz hüpft vor Freude. Asriel erkannt jetzt die katholische Kirche. Und weiter entfernt von den übrigen Häusern, was ist das für ein Haus? Ach, das ist der Palast des Edelmannes. Und wie heißt er nur, dieser Adelige? Und da ist eine Mühle, ach, dieselbe Mühle. Und er glaubt, ohnmächtig zu werden. Endlich beruhigte sich Asriel ein wenig. Ein halbe Stunde später hielt er Einzug in seiner Vaterstadt. Eine feierliche Stimmung hatte sich seiner bemächtigt. Der Ort hatte sich wenig verändert, das sah er sofort. Jedes Plätzchen schien ihn zu begrüßen und seine Erwiderung für alle diese Grüße war ein wortloses Schweigen. Er sah Dinge wieder, die seinem Gedächtnis schon entschwunden waren, und der Anblick dieser ergriff ihn mehr, als jener, die er zu sehen erwartet hatte. Doch in mancher Beziehung fühlte er sich enttäuscht. War das die Synagogengasse? Es waren noch immer so viele Pfützen auf der Gasse wie ehedem. Da war eine Aller, deren er sich auch noch ganz gut erinnerte. Nur schien sie ihm jetzt eine andere Richtung zu haben. Was früher die Breite war, ging jetzt in die Länge. Und da war Leiser Poisners Gasthaus. Aber wie baufällig es geworden war! Asriels Herz empfand einen Schmerz wie beim Anblick eines vorzeitig gealterten Freundes. Dort sab er ein Haus, in dem er gar oft geweilt und an deffen Zimmer er sich noch erinnerte. Und da war ja der Marktplatz und die Kirche mit dem Pfarrhaus daneben. Die spärliche Reihe der Hütten am Flußufer, die Holzbrücke, die Gerberei — alles wi. er es verlaffen. Und trotzdem hatten die Gegenstände etwas Fremdes an sich. Es war das alte Prawly und war es nicht. Oder vielmehr, es war das liebe, alte Prawly und es war