Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 85 Dr. Liocv s Mocvenscvrm. Sette 591 Aktion die Bevölkerung mittels reformatvrischer Maßregeln langsam zu gewinnen. Dr. Nathan meinte, selbst wenn man die besten Absichten bei den Ministern voraussetzen wollte (Stolypin war sehr entgegenkommend bei Beseitigung kleiner Schwierigkeiten in Bezug auf die jüdischen Waisenkinder, die der deutsch-jüdische Hilfsverein in Rußland übernommen hatte. Ein diesbezügliches Ersuchen würde sofort erfüllt), so bleibe es doch durchaus unwahrscheinlich, aus solche Weise zu einem guten Ergebnis zu gelangen. Als politisch reale Kräfte seien in Rußland die folgenden zu betrachten: die starke revolutionäre Bewegung in ihren verschiedenen Nuancen, die noch weit stärkere bäuerlich-agrarische Bewegung, die heute schon nicht mehr allein agrarisch sei. da neben dem Rufe „Land!" immer häufiger der Ruf: „Land und Freiheit!" ertönt, ferner fei eine sehr reale Macht die konstitutionelle Opposition, welche die letzte Duma beh errschte. Diesen Kräften ständen gegenüber: die vorhandene Bureaukratie, welche in den Traditionen der Vergangenheit groß geworden sei, und das Militär, das zwar von Monat zu Monat mehr an Festigkeit verliere, aber im Augenblick noch eine respektable Macht darstelle. Bureaukratie und Militär blicken auf Peterhos und auf jene bekannten Elemente, die als Interpreten des Willens von Peterhvf gelten. Auf die Minister, die kommen und gehen, blickt weder Bureaukratie noch Militär. Er habe diese Erfahrung immer erneut gemacht. So verfügt denn das Ministerium über absolut keine realen Kräfte. Es findet weder eine Stütze in der Bevölkerung noch in der Bureaukratie und im Heer. Es ist absolut angewiesen auf den Zaren und auf die Einflüsse, die sich des Zaren zu bemächtigen wissen. Das Ministerium, das also tatsächlich in der Luft schwebt, wird schwerlich in der Lage sein, eine konsequente und durchgreifende Reformtätigkeit zur Ausführung zu bringen, dafür fehlen auch alle Voraussetzungen in Peterhof selbst, wo Dr. Dubrowin, der Führer des „Schwarzen Hunderts", als wohlgelittener Gast wöchentlich fünf bis sechs Mal aus- und eingeht. Unter diesen Umständen ist anzunehmcn, daß, was sich schon einmal ereignet hat, sich wieder ereignen kann. Auf das Oktobermanifest, das Witte den Ultrareaktionären in schwerem Kampfe abgerungen hat, folgten Massakres in ganz Rußland und zwar nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Intelligenz, und sollten neue liberalisierende Maßregeln ins Leben treten, so werden dieselben Elemente, die heute, wie zuverlässig feststeht, noch besser gerüstet sein als früher, den Fortschritt wieder in Blut zu ersticken suchen. Der Mord von Herzenstein ist ein Symptom und es ist ja bekannt, daß das „Schwarze Hundert" weitere fünf Todesurteile gegen angesehene Abgeordnete erlassen hat; es seien diese weiteren fünf Namen schon genannt worden. Und wenn selbst der Willen, Verbrechen zu verhindern, bei bestimmten Ministern vorhanden ist, so haben doch die Tatsachen erwiesen, daß die Zentralregierung nicht die Kraft hat, den Standpunkt absoluter Gerechtigkeit gegenüber den Abschlachtungen festzuhalten. Dr. Nathan meinte, nach seiner Ansicht fei solange jede ministerielle Reformpolitik ein Ding der Unmöglichkeit, als nicht das Ministerium innerhalb der öffentlichen Meinung und vor allem in der Duma selbst einen Stützpunkt fi"den könne. Das Ministerium habe sich selber aber auch durch die Auflösung der Duma die Hände für jede entscheidende Reformtätigkeit gebunden. Bis zum Wiederzusammentritt der Duma könne es sich nur um Palliative handeln. Er hat den Eindruck gewonnen, daß man besten Falles auch in der Judenfrage Neigung für gewisse Palliative innerhalb des Ministeriums hege. Man könne zur Zeit aber nur von Neigungen sprechen. Es erscheine nach den ministeriellen Aeußerungen, die Dr. Nathan geworden, nicht einmal sicher, ob diese Neigungen sich würden zu Taten verdichten können, obgleich der Ministerpräsident ihm gesagt hat, daß zweifellos zu den wichtigen politischen Fragen, die in Rußland zur Entscheidung kommen müssen, die Frage der sechs Millionen Juden gehöre, und daß man zugeben müßte, die Vergangenheit habe in Bezug auf die Judenfrage schwer gesündigt, aber wie bald diese Schwierigkeiten zu beseitigen seien — wer könne dafür eine Garantie übernehmen? Dr. Nathan schloß seine Ausführungen, die ich hier im wesentlichen wiedergebe, folgendermaßen: „Die russischen Schwierigkeiten sind riesenhafte, sie liegen nicht nur in der revolutionären Bewegung, sondern in fast ebenso hohem Grade darin, daß alle seit Plehwe aufeinander folgenden Ministerien für jede konsequente Tätigkeit nach irgend einer Richtung unfähig waren, weil mächtiger als sie sich im entscheidenden Augenblick gänzlich unkontrollierbare Einflüsse erwiesen Huben. Dieser Zustand kann nur der Anarchie zugute kommen." F. Z. Palästina. Monatlicher Bericht des Warschauer Jnformationsbnreans für Palästina. lAus „Zion", Organ der Zionisten in Polen.) In letzter Zeit setzte in Polen eine starke Emigration nach Palästina ein. An das Auskunftsbureau wendeten sich in der Zeit vom 1. Thamuz bis zum 1. Ab (1 Monat) mündlich 189 Personen, und zwar 34 im Alter von 17 bis 20 Jahren, 77 im Alter von 21 bis 30 Jahren und 78 von 31 und höher; brieflich 112, zusammen 301. 85 Perzent, davon waren Familienväter von 2 bis 11 Mitgliedern. Davon sind nach Palästina abgereist: 1 Weber (samt Familie) mit 80 Pud Maschinen und 2000 Rubel, 1 Bäcker (samt Familie) mit 2500 Rubel, 1 Person mit 3000 Rubel ohne Beruf, 4 Bäcker (2 Familien) mit 500 Rubel, 4 Gamaschenmacher, 4 Schlosser (mit Familie), 3 Tischler und 2 Maler; zusammen abgereist in einem Monat 58, davon 30 Perzent Arbeitsfähige: an Kapital 8300 Rubel. Das Bureau hat vorläufig nach einer Seite hin genützt: es hat die unsystematische, rapide Emigration nach Palästina verhindert. Ins Bureau pflegten täglich Leute zu kommen mit der stereotyven Frage: ich fahre nach Jaffa, was Hab' ich zu tun? Auf die Frage, ob er nicht vorher die Zweckmäßigkeit dieser Reise prüfen wolle, antwortete er: Was heißt das? ... . Ich habe schon alles verkauft, habe auch bereits einen Reisepaß. Und nachher zeigte es sich, daß der Mann mit Weib und 7 Kindern über .... 100 Rubel verfügen „könnte". . . . Täglich meldet man dem Bureau aus der Provinz: da bereiten sich 10 — 15 Familien zur Abreise vor, dort wären schon viele abgereist rc. In einem kleinen Städtchen Olkusz (Kielzer Gouv.) beschlossen hundert Familien mit 3 bis 15 Rubel Kapital abzureisen und schickten drei Personen nach Palästina, um das Terrain zu erforschen. Viele sind schon abgereist, ohne viel nachzudenken. Die jüdische Masse in Polen hört, Leute fahren nach Palästina und sie ist schon bereit, alles zu verkaufen und mit 100 Rubel in der Tasche fortzufahren. Sie kalkuliert folgendermaßen: Eine Fahrkarte bis Odessa kostet 9 Rubel, Schiffskarte bis Jaffa 14 Rubel, zusammen 23 Rubel — und in Palästina könne man doch nicht Hungers sterben, es wohnen doch Juden dort, mit Handel oder einem Geschäft komme man doch fort. . . . Und dann — man sei wenigstens vor Hooligans sicher. Dem Warschauer „Weg" schreibt man aus Palästina: Die Einwanderung aus Polen wächst von Tag zu Tag, auch aus den Reihen der Arbeiter (Poalei-Zion). So find aus einem kleinen Städtchen Plonsk (Warschauer Gouvernement) 20 sympathische, begeisterte und organisierte Poalei-Zionisten angekvmmen. Kurios ist, daß die aristokratisch-assimilatorische, polnisch-jüdische landwirtschaftliche Schule in Czestoniew schon 12 Schüler nach Palästina als Erdarbeiter geliefert hat und daß auch die übrigen nur auf die Gelegenheit warten, nach Palästina auszuwandern. Die Kolonisten aus Ekron find von den 12 Czestoniewer Schülern höchst zufrieden und zahlen ihnen nebst Kost und Quartier, K 1.20 täglich. 2 jüdische Emigranten haben eine große Dampfmühle in Jerusalem angekauft. Die 3. Filiale der jüdischen Kolonialbank in Palästina ist bereits in Beirut eröffnet worden. Direktor: Dr. Jacobsohn. Vermischtes. Der Präsident der israelitischen Kultnsgemeinde beging am 29. d. M. seinen 75. Geburtstag. Herr Dr. Alfred Stern, der bekanntlich im verflossenen Winter, durch eine schwere Krankheit lange Zeit ans Bett gefesselt, an der Aus-