Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 588 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 38 gläubige Jüdinnen — aber auch so manchen Freidenker, der die Legende von dem Fische, der angeblich am Freitag „Sch’ma .Tisrael“ rief, als er zu Ehren der Sabbatbraut seine Seele aushauchte — für eine Gehör-Halluzination erklärte, während gar ein anderer Freigeist der Meinung Ausdruck gab, die Figur wäre ursprünglich ein Auslaufbrunnen gewesen, borribile dictu! Von solchen Ketzereien abgesehen, bestärken sich die meisten Besucher in ihren religiösen Gefühlen durch die Erinnerung an die Heroen der Vorzeit, die hier begraben wurden; so der berühmte Rabbi Schmelke Horwitz, gew. Landesrabbiner und Abkömmling des heiligen Schelah — der in Jerusalem starb, R. Jizchak Wiener, einer der „Saale ll'ossekotd", die hochangesehenen Häupter der Familien Eskeles- Oppenheim, Wertheim (Rabbi Samson), welche Hofbanguiers und zugleich geistige Führer der Wiener Gemeinde waren; da steht man einen kleinen bescheidenen Grabstein, deffen Inschrift von einem Choschewen und gelehrten Jüngling Abr., Sohn des Elieser Bing, aus Diehrcnfurt (Baiern) erzählt, der irüh und vor der Zeit als großer Gelehrter starb und von dem die Legende berichtet, daß er schon als lOjähriger Knabe beinahe die ganze Bibel auswendig wußte und fähig gewesen wäre, der Erlöser seines Volkes zu werden. Gleich daneben ziert wieder eine kleine Kapelle die Gruft des berühmten Landesrabbiners R. Jßachar Bär Eskeles (Beer), der vorher in Kremsier und Proßnitz domizilierte, und vor etwa 200 Jahren starb. Ueberhaupt birgt dieser Llokauw kodaiisch oder Admuth viele Männer, an deren Grabhügel man seine Schuhe vor Ehrfurcht oblegen sollte. Allerdings ist in der Großstadt der Andrang zu dieser gottgeweihten Stätte des ewigen Lebens (Beth Cbaim) kein allzugrober auch bringen die Kinder keine hölzernen Pfeile und die Erwachsenen legen nicht mehr Steinchen, oder Lauch (es ist letzteres nur in Galizien üblich) auf die Gräber — doch dies ist eben tadelnswert — denn eine solche Reminiszenz wäre nur zum Nutzen und gar manche heilsame Lehre fürs Leben könnten wir vom alten „guten Ort" mitnehmen! Osk. F—nkl. Die letzten „Rechtgläubigen". In London halten sich zurzeit vier Vertreter der alten Religionsgemeinschaft der Samaritaner auf, von der noch ungefähr zweihundert Anhänger, existieren und die ihren Glauben als die einzig wahre hebräische Religion bezeichnet. Die vier Priester, die nach London gekommen find, erinnern in ihrer äußeren Erscheinung und Haltung wie in ihren Namen an die Patriarchen des Alten Testaments: sie heißen Isaak Ben Amram ha-Cohen Ha-Levi, Safik Ben Jakob ha-Cohen Ha-Levi, Nage Ben Khader ha-Cohen Ha-Levi und Silabi Ben Jakob Salabi. Die vier Männer sind außergewöhnlich hoch gewachsene, hagere Gestalten und in ihrem Benehmen schweigsam und würdig. Sie Hnd in priesterliche Gewänder gekleidet und führen Bücher und Schriften von großem Werte mit sich. Darunter sind eine Rolle, die seit ungezählten Jahrhunderten in ihrer Synagoge benutzt wird, uralte Gebetbücher und eine vergilbte Zeittafel, in der von ihren verstorbenen Hohepriestern berichtet wird. Die Samaritaner sind nach England gekommen, um für ihren von den Türken verfolgten und mit Abgaben überbürdeten Stamm Unterstützung und Hilfe zu finden. Der Bischof von Jerusalem hat ihnen einen Brief an den Bischof von London mitgegeben, und König Eduard wird ihnen vielleicht eine Audienz gewähren. Die Samaritaner sprechen nur arabisä, und eine alte Form des Hebräischen; sie glauben nur an die fünf Bücher Mose und betrachten die anderen Juden als Schismatiker. Korrespondenzen. Die jüdische« Mandate in Galizien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Vor'nicht allzulanger Zeit machte ein Schreiben des Abg. Dr. Seinfeld an die jüdische Gemeinde in Lemberg in der Frage der Sicherstellung der jüdischen Mandate in Galizien die Runde durch die Presse, ohne daß die Presse diesem Dokument den Kommentar gegeben hätte, den es verdient. Denn ein Dokument ist dieses Schreiben, ein Testimonium der Ohnmacht, das erste Ausdämmern des jüdisch-nationalen Bewußtseins auch in diesen Kreisen. Vor einigen Wochen erschien im „Monitor", dem Organ des Abg. Breiter, eine Notiz: „Abg. Glombinski hat die Juden betrogen", wo ausgesührt war, daß Byk schon wegen der zionistischen Agitation beim Polenklub für Galizien acht jüdische Mandate ausgehandelt hat, die aber nach dessen Tode auf fünf zusammengeschrumpft sind. Diese Notiz fand auch in die zionistischen Blätter Eingang, wo schon offen aus die Gefährdung der jüdischen Mandate hingewiesen wurde. Darauf antwortete Abg. Glombinski in seinem Leiborgan, dem antisemitischen „Slowo Polskie", es sei an all dem kein wahres Wort, Byk selbst wäre mit den sechs Wahlkreisen mit absoluter jüdischer Majorität einverstanden, er (Glombinski) wäre aber so judenfreundlich gewesen, sieben Wahlkreise mit relativer jüdischer Mehrheit zu schaffen. Er verschwieg aber, warum diese Mandate alle aus Ostgalizien entfallen sollten, trotzdem von den 620.000 „polnisch sprechenden" Juden — die übrigen existieren für ihn nicht — 180.000 im reinpolnischen Westgalizien leben und doch auch auf einige Mandate Anspruch hätten. Aber das war ein zu beredtes Schweigen. Es war offenbar, daß er die Judengefahr der Ruthenengefahr vorzieht, denn die Juden seien angeblich Polen und werden immer mit den Polen stimmen. Hier zeigt sich der Betrug, welcher gegen die Juden verübt worden ist. Wahlkreise mit „relativer" jüdischer Mehrheit hat es seit je in Galizien viele gegeben, ohne daß es irgend einmal gelungen wäre, eine jüdische Kandidatur durchzusetzen. Die „relative" Mehrheit hat, wie die Erfahrung gelehrt hat, sür die Juden nicht den geringsten Wert. Gegen den jüdischen Kandidaten vereinigen sich sofort alle nichtjüdischen Elemente. B y k hat deswegen darauf bestanden, Wahlbezirke mit „absoluter" jüdischer Majorität zu schaffen und Herr Glombinsky hat die „absoluten" Majoritäten in „relative" verwandelt, um solcher Art die galizische Judenschaft der freien Wahl ihrer Vertreter zu berauben. In dem zitierten Artikel behauptete Glombinski, er hätte im Einverständnis mit Dr. Byk und nach dessen Tode mit den übrigen jüdischen Abgeordneten des Polenklubs gehandelt. Byks Bruder und ein Teilnehmer der berühmten „Teegesellschaft" bei Byk vom 25. Dezember 1905, Gold aus Zloczow, sekundierten ihm und bekundeten ihm das vollste Vertrauen. Und da platzt die Bombe. Ein Kollege vom Polenklub, der Abg. Seinseld, bestreitet dies alles und wendet sich über die Köpfe des Polenklubs (aber auch des jüdischen Volkes) an die Lemberger jüdische Kultusgemeinde mit der Bitte, einen jüdischen Gemeindetag einzuberufen, da die jüdischen Mandate nicht mehr gesichert erscheinen, wie es in den (nicht dementierten) Mitteilungen der Wiener Presse hieß. Und die Lemberger Gemeinde beeilt sich zu antworten, sie habe alle Anordnungen sür diese Konferenz bereits getroffen. Das sind die Folgen der bisherigen Politik! Die jüdischen Abgeordneten waren nie echte Demokraten, sie waren dem Volke zu sehr entfremdet, als daß sie öfters mit ihm Fühlung nehmen wollten. Einmal in sechs Jahren kam man mit doppelt „klingenden" Worten zu den „geehrten Glaubensgenossen", um dann sechs Jahre nicht mehr ihrer zu gedenken, sie totzuschweigen: Da oben war man ja Pole. — Das Volk blieb dabei politisch unerzogen, unreif, desorganisiert, ohnmächtig, demoralisiert, jedermann preisgegcben. Und als die Zionisten durch jahrelange Arbeit dem Volke die primitivsten politischen Prinzipien beigebracht, als sie ihm seine Souveränität gepredigt, als sie es zum Subjekt, nicht bloß Objekt seiner Geschicke langsam herangezogen und als das Volk dann in den Tagen der Wahlreformagitation auch die Wahrung seiner Rechte verlangt hat, da taten sich die jüdischen Abgeordneten mit einigen ihnen oder eigentlich dem Byk ergebenen Mofchkos zu jener berühmten „Teegesellschaft" am 25. Dezember zusammen, die gegen die