Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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--ü-i, *--SB«ofra»H£^i Nr. 35 Dr. Llocb's MocbenscvrlN. «eite 587 80.000 Anhänger Haben. Sie nennen sich Les adventistes da septieme jour, die Adventisten vom siebenten Tage oder Sabbatisten. In der Schweiz sind sie ebenfalls ziemlich stark vertreten; am stärksten aber in der französischen Schweiz. Fast an jedem größeren Orte ist eine Sabbatistengemeinde anzutreffen. Im Sommer veranstalten sie' jedes Jahr in einem anderen Orte ein Zeltlager, zu welchem nicht nur die in der Schweiz Wohnenden wallfahren, sondern auch Abordnungen aus allen Ländern und Weltteilen erscheinen. Es ist interessant und lehrreich, dieses Schauspiel mitanzusehen. Ungefähr hundert leinene Zelte sind auf einem Platze aufgestellt, in welchem die Wallfahrer Unterkunft finden. Die Zelte sind sehr hübsch ausgestattet und praktisch eingerichtet. Zwischen den Familienzelten ist ein großes zirkusartiges Zelt aufgestellt, welches als Bet- und Versammlungslokal dient. Wie der religiöse Jude, verrichten auch sie dreimal täglich, morgens, mittags und abends, ihre Gebete. In der Zwischenzeit werden Konferenzen und Versammlungen abgehalten. Sie entfalten eine außerordentliche Regsamkeit und gewinnen immer mehr an Boden. Bis nach Afrika hinein sind sie gedrungen und haben dort ihren Glauben und ihre Lehren zu verbreiten gesucht und mehrere Sabbatistengemeinden gegründet. Sie legen einen Eifer und eine Opferwilligkeit an den Tag, um die wir sie beneiden dürfen. Predigten und Vorträge werden in allen Sprachen gehalten. Wie in alter Zeit der Meturgemon steht hier an der Seite des Vortragenden ein Uebersetzer, der jeden Satz ins Französische übersetzt. Freitag abends war auf dem Lagerplatz besonders bewegtes Leben, da sich alles auf dem Sabbat vorbereitete. Um 8 Uhr ging alles festlich gekleidet zum Gottesdienst. Nachdem die Versammlung, aus zirka 350 Personen bestehend, im Chor mit Harmoniumbegleitung ein Sabbatlied gesungen und ein sehr schönes, dem Momente entsprechendes Einleitungsgebet gesprochen, folgte die Predigt, welche den Kulminationspunkt des Abends bildete. Die Worte, die wir unserer heutigen Betrachtung zugrunde legen, begann der Prediger, stehen ausgezeichnet in Jefaias Kap. 58, 13 — 14, und lauten folgendermaßen : Wenn Du Deinen Fuß von dem Sabbat kehrest, daß Du nicht tust, was Dir gefällt, an meinem heiligen Tage, so wird es ein lustiger Sabbat heißen den Herrn zu heiligen und zu preisen, denn so wirst Du denselben preisen, wenn Du nicht tust Deine Wege, noch darin erfunden werde, was Dir gefällt, oder was Du redest. Alsdann wirst Du Lust haben am Herrn, und ich will Dich über die Höhen auf Erden schweben lassen, und will Dich speisen mit dem Erbe Deines Vaters Jakobs; denn des Herrn Mund sagt es. An diese Mahnung des Propheten Jesaias, welche er an Israel richtete, sich anlehnend, sprach der Redner über eine Stunde lang mit einer hinreißenden Begeisterung von der Heiligung des Sabbats, so daß ich momentweise glauben konnte, ich sei in Wolkowizk im Beth hamidrasch und höre den berühmten Kelmer Maggid mit seinen zündenden, fast feuerspeienden Strafreden für die Entweihung des Sabbats. Sehr viele spotten unser und meinen, wir wären Ignoranten. Lasset sie spotten. Wir wiffen, daß es einen Gott gibt, der in seiner Allmacht die Welt ins Dasein rief, der alles erschaffen und alles erhält, und das genügt uns. Uns ist wohl dabei und wir fühlen uns in diesem Bewußtsein glücklich. Wir wissen, an wen wir uns zu halten haben, und wissen die Bedeutung unseres Lebens. Das wissen diejenigen, die uns mit einem mitleidigen, geringschätzigen Lächeln ansehen, nicht. In dieser Weise sprach der Redner über eine Stunde lang derart eindringlich, ermahnend und aufmunternd, daß ich momentweise wirklich in einem russischen Beth hamidrasch zu sein und den Kelmer Maggid mii feuerspeienden, aber packenden Strafdrohungen und sprudelnden Moschelich zu hören geglaubt hätte, wenn mich nicht der Anblick der unbedeckten Hauptes sitzenden Zuhörer belehrt hätte, daß ich mich in keiner jüdischen Versammlung befinde. Ein Gefühl der Wehmut bemächtigte sich aber meiner beim Anblick dieser Erscheinung und ich konnte mich des Stoßseufzers nicht enthalten: Ach wie sieht es bei uns aus mit dem Schabbos? Wie begründet wären derartige Mahnungen in unseren Gotteshäusern! Schillers Räuber und Josephus' Jüdischer Krieg. In einer höchst anregenden Abhandlung „Schillers Räuber und Josephus" weist Bassermann im letzten Heft der „Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte" nach, daß Spiegelberg und auch Karl Moor aus Josephus' „Jüdischem Krieg" stammen. Die auffallende Aufforderung, mit der Spiegelberg in der „Schenke an den Grenzen von Sachsen" auf Karl Moors Lob des Plutarch antwortet: „Den Josephus mußt Du lesen" und „Lies den Josephus, ich bitte Dich darum" wird von Baffermann dahin gedeutet, daß hier Spiegelberg bereits an die Errichtung einer Räuberbande denkt und nicht an den abenteuerlichen Plan ^ines jüdischen Königreiches. Schiller hat mit der Betonung des Josephus seine Quelle selbst angedeutet; im einzelnen führt Baffermann aus, daß die Schilderung der vierten Plage des jüdischen Volkes in Josephus' Jüdischem Krieg, die des Räuberunwesens, neben Schubart Erzählung „Zur Geschichte des menschlichen Herzens" eine Quelle für Schillers Räuber gewesen find. Die von Bassermann herangezogenen Stellen jüd. Krieg IV. 7 8 2, II. 21 § 1, IV. 2 § 1 ff., IV. 7 § 1, IV. 9 § 10 bringen Vorbilder zu dem Räuberwesen des Schillerschen Dramas und zu dem Charakter Spiegelbergs, in dem Bassermann den Johannes von Giskala des Josephus wiedersieht. Derselbe gewissenlose, unruhige, begehrliche „Projektmacher", der das Zeug zum General, zum Finanzminister in sich zu haben glaubt, der vom Tempel des Nachruhms träumt und nicht bei geraden Fingern verhungern will, aber auch feig verhetzend und verratend ist: Spiegelberg und Johannes von Giskala. Der Ueberfall des Nonnenklosters in Schillers Räubern findet in IV. 7 § 1, und IV. 9 8 10 ein Pendant. — Aber auch für Karl Moor hat Bassermann im Jüdischen Krieg ein Vorbild, und zwar selbstverständlich ein zu Spiegelberg-Johannes gegensätzliches, entdeckt: Simon, des Gioras Sohn aus Gerasa, der stolze, edle Räuberhauptmann, dem IV. 9 8 3 auch „ehrliche Kerle" und Kosinskys folgten. Für die Rollerepisode find bis zum Wortlaut Ähnlichkeiten nachzuweisen (IV. 9 8 4 ff.). Simon „wütet nicht anders als die verwundeten wilden Tiere; Karl Moor „schäumt wie ein Eber". Simon schwört, daß er die Mauern einreißen und alles töten wolle; Karl Moor hat einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt über die Leber lief usw. Handelt es sich hierbei bei Josephus um Simons in die Hand der Feinde gefallenes Weib, so steht bei Schiller das Leben des Freundes Roller in Frage. Ja auch der Keim zu Karl Moors Sühneentschluß liegt in der Erzählung des Josephus, daß Simon sich selbst freiwillig zur längstverdienten Strafe gestellt hat. (VII. 2 8 1)- — Baffermann hat übrigens seine Parallelzitate nur in dem jüdischen Kriege des Josephus gesucht; in der Selbstbiographie des jüdischen Historikers, namentlich 8 25, 27, 28, sind aber auch noch Bestätigungen und Zusätze zu seinen Deduktionen zu finden (Josephus, der Selbstbiograph, tritt ohne Waffen unter die Feinde, wie sich Moor in der Szene mit dem Pater der Waffen entblößt.) Die Selbstbiographie ist gleichsam ein Anhang zur Geschichte des jüdischen Krieges, namentlich ausführlich für die uns interessierende Zeit. — Mit einer weiteren geistvollen Hypothese schließt Bassermanns wertvoller Beitrag zur Schiller-Forschung. In Schillers Hauptquelle, der Erzählung Schubarts, ist von der „Sekte der Zeloten" die Rede. Schiller mag sich über die Zeloten genauer informiert haben, deren Geschichte aufs engste mit den für uns in Betracht kommenden Abschnitten des jüdischen Krieges verwoben ist. So kann ihn Schubart zu Josephus geführt haben. Bassermann zitiert den Josephus nach der Uebersetzung des Johann Friedrich Cotta (Tübingen 1735), da sie Schiller Vorgelegen haben kann. A. Z. Gedanken beim Besuche des alten Friedhofes. Nach alter Gepflogenheit suchte ich am 9. Ab die Stätte der Toten auf, welche die Pietät unserer Altvordercn vor vandalischen Händen durch Zahlung einer bedeutenden Summe an die Behörde gesichert hatte — als sie selbst in trüber Zeit den Wanderstab in die Hand nehmen mußten, und da traf ich gute, fromme Inden und