Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 686 Dr Dlocv L Mocvenscbrm. Nr. 35 des ganzen Gottesdienstes, der für Wiener Begriffe riesig lange dauert (Thora-Vorlesen und Mußaph-Gebet ganze zwei Stunden), herrscht eine feierliche Stille in der Synagoge. Wer einmal im Tempel ist, der darf erst nach Beendigung des Gottesdienstes wieder fortgehen, jedem wird ein Talis gebracht, den er erst nach Aden-Olam oblegen darf. Ich habe gesehen, daß der „Reverend-Schames" einen Herrn, der nach Olenu während des Aden-Olam feinen Tal's oblegen wollte, direkt aufforderte, ihn doch bis zum Schluffe aufzubehalten. Trotzdem ist der Charakter der unter Leitung des Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler stehenden Synagogen, die United-Synagogue "-Gemeinde ganz orthodox. Der Almemor ist in der Mitte, das Kaiser- Gebet wird vom Rabbiner hebräisch rezitiert, der Talis wird von dem Rabbiner und Funktionären offen getragen, Orgel gibt es in keiner einzigen Synagoge, Mädchenchor (ohne Orgel) in einzelnen Tempeln (Rev. Singer). Auch die Führung der Gemeinde ist othodox, die Schechita ist streng verläßlich, das Beth- D in besteht aus wirklich gelehrten Talmudkennern nach dem alten Schlage. Trotzdem gibt es einen großen Teil, der mit der „United-Synagogue" unzufrieden ist und sich unter dem Namen „Federation" zu einer anderen Gemeinde vereinigt, deren weltliches. Oberhaupt Sir Samuel Montague (Rev. Awigdor Chaikin), der bekannte Millionär steht. Die Federation hat gleichfalls sehr viele zumeist russische Anhänger und besitzt ungefähr 20 bis 21 Synagogen. Ueberhaupt hat London eine ganze Anzahl prachtvoller Synagogen, leider aber stehen diese zumeist das ganze Jahr über leer. Am Freitag abends sind auch sonst, nicht nur jetzt im Holiday (Ferienmonate) August, nie mehr als 20 bis 30 Personen im Tempel, voll sind sie nur am ersten Tage Rosch-Haschanah (der zweite Tag. ebenso wie jeder zweite Feiertag wird nur von sehr wenigen gehalten) und' natürlich am Jom-Kippur. Die Gemcindemitglieder bezahlen wie bei uns eine gewisie Kultussteuer, die nach ihrem Sitze in der Synagoge bemeffen wird. Diese Abgabe ist aber nahezu die einzige, die sie haben. Gebühren für Funktionen sind sehr klein, das Nebeneinkommen der Funktionäre daher sehr klein. Hingegen ist das fixe Einkommen höher als bei uns. Der Mindestgehalt eines Chasan ist 250 Pfd. St. — 6000 Kronen jährlich, die meisten aber haben 400 bis 500 Pfd. St. — 10.000 bis 12.000 Kronen jährlich. Das Ablesen der Predigt kennzeichnet zur Genüge das Wesen und den Wert der Rabbiner. Es gibt nämlich außer Dr. Adler und dem Chacham Dr. Gaster (Oberrabbiner der Portugiesen-Gemeinde), über die ich bisher sehr wenig erfahren habe, keinen einzigen Rabbiner mit solcher Ausbildung, wie sie bei uns selbst in der kleinsten Gemeinde verlangt wird. Es nennen sich denn auch mit Recht alle Chasanim, Vorbeter und Schächter „Reverend", denn der Unterschied zwischen dem Reverend-Rabbiner und dem Reverend- Chasan ist einfach der, daß erster einige Mittelschulklaffen absolvie>t hat. von irgend einem College den Titel M. A. (Magister of Arts) — erlangt hat, von hebräischem Wissen haben sie alle keine Ahnung. Daß die Stellung beider demzufolge keine angesehene sein kann, ist natürlich, ehenso auch, daß ein solcher Reverend besser tut, die Rede irgend eines anderen, zumeist deutschen Rabbiners zu übersetzen und abzulesen, und werden solche Predigten immer lieber angehört, als Predigten, wie sie bei uns gehalten werden. So sehen die Hüter des. englischen Judentums aus, was Wunder also, wenn jüdischer Sinn und jüdisches Gefühl mit jedem Tage schwinden, und es ist noch ein Glück, daß der englische Staat solche Freiheiten seinen Bürgern gewährt, wie sonst nirgends am Kontinente; man fragt nicht nach Religion und doch spielt das Religiöse im Leben eine große Rolle, wie wir es gleichfalls nirgendwo finden. Das englische Volk ist sehr religiös und diesem Umstand ist es zu danken, daß auch der englische Jude sich seiner Religion nicht ganz entfremdet hat. Nicht wenig hat dazu auch der Zionismus beigetragen, der hier einen großen Anhang hat, drei Vierteile der englischen Judenheit ist zionistisch gesinnt/ Die Arbeiterklaffe ganz und gar und die Nachrichten aus Rußland, das M tg inhl mit den Stammesgenossen hat auch die wohlhabenden Klassen ergriffen, die Barrikade, die vorher zwischen Ost und West, Arm und Reich bestanden zu haben schien, ist nun verschwunden. Vielleicht wird dadurch auch ein Hauch religiösen Sinnes vom Osten her auf die Brüder im Westen übergehen. Rabbiner Dr. Duschin sky (Kostel). Vom Aabrmarkt des Lebens. Ernst Schneider nnd die russische Krisis. Herr Schneider hat jetzt eine endgiltige Meinung über Rußland, die er gegenüber einem Mitarbeiter des „Deutschen Volksblatt" äußert. Die Juden kommen dabei sehr gut weg, Herr Schneider schätzt ihren Einfluß in Rußland, sie wissen sich die Schlüssel zu allen Türen zu verschaffen, in den Schulen steht die Jugend vielfach unter dem Einfluß von jüdischen Agitatoren, die Juden haben Einfluß in allen Kreisen und das Geldgeschäft haben sie in Rußland ebenso in der Hand wie überall. Wie genau Herr Schneider russische Verhältnisse kennt, geht aus seiner Aeußerung über den russisch-japanischen Krieg hervor, der „vorzugsweise oder fast ausschließlich nur jüdischen Zwecken gedient hat. Rußland ist in diesen Krieg verwickelt worden, und die Juden hofften, durch die Revolution die vollständige Emanzipation in Rußland durchzusetzen". Die Aeußerungen des Herrn Schneider werden für die Quellenforschung, die sich einmal des russisch-japanischen Krieges annehmen wird, von großem Werte sein. Bisher dachte man nämlich, militärische und bureaukratische Machthaber, besonders die Herren Alexejew und Bezobrazow, die keine Juden sind, hätten den Krieg angezettelt; Herr Schneider belehrt nun die Mitwelt eines Besseren. Psychiater werden die folgenden Sätze endgiltig überzeugen: „Wir sahen den russisch-japanischen Krieg direkt und indirekt angezettelt durch die Juden. Wie viele Tausende und Hunderttausende von Russen sind in diesem Kriege teils durch die Waffen, teils durch die verfälschten Lebensmittel, welche die Juden geliefert haben, zugrunde gegangen! Welchen Schaden hat die russische Armee durch die schlechten Lieferungen in Bezug auf Waffen und Munition erlitten! Wie viele Tausende und Hunderttausende von Menschen mögen durch Krankheiten und andere Uebelstände zugrunde gegangen sein, welchen enormen Schaden haben die Bewohner Rußlands in wirtschaftlicher Beziehung erlitten! Alles nur wegen der Juden. Ich zweifle nicht, daß, wenn heute die russische Regierung sich entschließen würde, für jeden politischen Mord, der in Rußland geschieht, an den Juden Repressalien zu üben, die russische Regierung sehr schnell die Ruhe im Reiche Herstellen würde!" Die Unverschämtheit, mit der Herr Schneider lügt, wird nur noch durch die Unvorsichtigkeit, mit der er und sein Leiborgan den eigenen vor Monaten geäußerten Ansichten widerspricht, übertroffen. Sabbatarier in der Schweiz. Zürich. Ueber den Sabbat beobachtende Christen am Genfer See bringt das hiesige „Jsr. Wochenbl. f. d. Schweiz" einen interessanten Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen : ..Was? Gibt es am Genfer See solche Fromme, die den Schabbes so heilig halten? Ja, lieber Leser, es gibt hier fromme, von echt religiöser Gesinnung durchdrungene Menschen, die den Sabbat heiligen und ihn als strengen Ruhetag beobachten, nur sind es — leider — keine Juden. Christen sind es, die den Sabbat hier heiligen und sich jeder Arbeit an demselben enthalten. Strenggläubige Christen haben seinerzeit (seit wann wissen wir nicht genau) es herausgefunden, daß die Sonntagsruhe biblisch nicht begründet werden kann, daß der Tag, den Gott für die Menschen als Ruhetag eingesetzt hat, nicht Sonntag, sondern Samstag ist und dieser müsse als solcher geheiligt und beobachtet werden. Anfangs waren es ihrer nur wenige, die sich zur Rückkehr zum altbiblischen Gesetze — freilich nur in diesem Punkte — entschließen wollten, heute bilden sie schon eine stattliche Zahl und sind fast in allen Ländern anzutreffen. In Amerika allein sollen sie über