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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-31 · 35 (31.8.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Llocv s MlocbensLvrln. Sette 585 Hieraus folgt, daß die Jsraelitengemeinde Austerlitz als selbständige Ortsgemeinde bereits vor dem Jahre 1864 bestanden hat, daß in diesem Bestände eine Aenderung nicht eintrat, daß sie somit durch die Gemeindeordnung als politische Ortsgemeinde in Geltung belassen wurde, wie denn auch dieser Bestand durch das dem angefochtenen Beschlüsse nachgefolgte Gesetz vom 27. Februar 1905. L.-G.-B. Nr. 2 ex 1906 betreffend die Landtagswahlordnung für Mähren dadurch von Gesetzes wegen anerkannt wurde, daß in § 4 unter Post Z. 17 und im § 5 unter Post Z. 13 die Christen- und Judengemeinde Austerlitz als solche angeführt sind, deren Wähler je nach ihrer Nationalität im Wahlkörper der Städte böhmischer beziehungsweise deutscher Nationalität wahlberechtigt find. Ob dieser Bestand der Vorschrift des 8 1 der provisorischen Gemeindeordnung vom 17. März 1849, R.-G.-Bl. Nr. 170, entsprochen hat, ist belanglos und hatte keinen Gegenstand der Entscheidung der Reklamations-Kommission zu bilden, da dieselbe bei ihrer Entscheidung nur von dem tatsächlichen Bestände der erwähnten Jsraelitengemeinde auszugehen hatte und dieser Bestand, wie oben dargestellt, erwiesen ist. Da hiernach die nach der Reklamation des Rudolf Kratochwil und Genossen aufzunehmenden Steuerträger der israelitischen Stadtgemeinde Austerlitz in der Christen-Stadtgemeinde mit einer Steuer nicht vorgeschrieben find, bezüglich dieser Personen auch nicht behauptet wurde, daß ihnen ohne Rücksicht auf die Steuervorschreibung das Wahlrecht zusteht, verstößt die Ausnahme dieser Personen in die Wählerlisten der Christen-Stadtgemeinde Austerlitz gegen die strikte Bestimmung des 8 1 der zitierten Wahlordnung, erweist sich demnach als gesetzwidrig, weshalb sie unter Stattgebung der Beschwerde aufgehoben werden mußte. Wien, den 5. Juli 1906. I a c o b i. A p f a l t r e r n. Koirboirer Judentum. London, 19. August 1906. Nur 28 Stunden ist London von Wien entfernt und doch ist es uns Oesterreichern so unbekannt, daß wir nahezu keine Ahnung von seinem Wesen haben. Zumal wir Juden sind ganz im Unklaren über die Organisation und die Verhältnisse unserer Glaubensbrüder in London. Nun in Wirklichkeit sind diese Verhältnisse ganz eigenartig, zum Teile besser, zum großen Teile aber ärger. Das Londoner Judentum (etwas mehr als 200.000 Seelen) besteht zum großen Teile aus in letzter Zeit zumeist aus Rußland eingewanderten Juden. Diese bilden die Masse, doch nur in Zahlen, die führenden Elemente sind zumeist englische und — in früheren Jahren eingewanderte, jetzt schon ganz assimilierte Juden. In London sieht man es augenscheinlich, wie leicht der Jude sich akklimatisieren kann, wie treu er zu dem Volke hält, das ihll menschlich behandelt, ihm menschliche Freiheiten gibt. Juden, deren Väter noch echte russische, langbärtige Chassidim sind, haben sich englische Sitten und Gewohnheiten so sehr angeeignet, wie wir es in Wien zum Beispiel nie finden, wo man nach Jahrzehnten und bei den Kindern noch deutlich die Fremdartigkeit der Sprache, der Bewegungen, der Sitten heraus fühlt. So wie alles, hat auch dies seine Schattenseite. Die Assimilierten find nur zu leicht geneigt, diejenigen, deren Kreise sie entstammen, verächtlich zu betrachten. Ich habe einen Glaubensbruder hier getroffen, von dem ich ganz bestimmt weiß, daß er in Deutschland geboren wurde und erst seit 15 bis 16 Jahren in London lebt, der dies durchaus in Abrede stellen wollte. „Ich war immer in England, bin ganz und gar Engländer", sagte er mir. Der englische — und vielleicht noch mehr der nach England vor kurzer oder längerer Zeit eingewanderte — deutsche, russische oder polnische Jude, so er ein halbwegs anständiges Englisch spricht, betrachtet den Ausländer, ganz gleich, ob er aus Frankfurt oder Krakau, aus Berlin oder aus Warschau stammt, als „Foreigner“ — als Fremden, auf den er verächtlich hinabzublicken das Recht zu haben glaubt. Das ist eine gerechte Vergeltung für uns! Sind wir denn anders? Der Frankfurter sagt: „Es gibt nur ein Frankfurt! und: „Wie kann denn e Mensch nit von Frankfurt fein!“ trotzdem er in seinem schönen Frankfurt um viel mehr verachtet ist, als sein Glaubensbruder in Krakau oder Lemberg, den er „Bollak" schimpft, selbst wenn er aus Wien oder Budapest, ja selbst aus Breslau oder „Hinter Berlin" stammt. Und auch in Wien selbst ist der „polnische" Jude als ein Wesen zweiten oder dritten Grades angesehen, ohne daß man sich die Mühe nimmt, zu untersuchen, wie hoch der Betreffende in menschlichem und geistigem Werte steht. Doch ist es in dieser Beziehung in London noch besser als bei uns. Hat man sich die englische Sprache voll und ganz angeeignet, so steht einem jedes Feld offen und ehrliche Arbeit findet immer ihren Lohn. Der überwiegende Teil der Londoner jüdischen Bevölkerung besteht, wie gesagt, aus russischen — nicht assimilierten — Juden. In Whitechapel, dem Judenviertel, hören wir denn auch aus Schritt und Tritt den russisch-jüdischen Jargon. „Vier Ümorkes a Penny!" „Hier, schöne Waiblich, feine Spitzen, sehr billig". Solche und ähnliche Ausrufe schwirren uns in der „Lane", einer engen Straße, die ganz von Warenständen angefüllt ist, in einer Unmenge von ohrenzerreißenden schreienden Stimmen entgegen. (In ganz London übrigens hören wir dieses wilde Geschrei der Verkäufer, die ihre Waren anpreisen, gleich den Wunderbuden im Wurstelprater.) Hier sehen wir solche Armut, wie sie in den ärmsten Straßen Wiens oder Budapests nicht zu finden ist. Eine Frau mit dem Kinde im Arm, steht mit zwei Zitronen in der Hand, die sie seilbietet, kleine Mädchen in zerlumpten schmutzigen Kleidern, einen Apfel, ein Paar defekte Strümpfe in der Hand, warten aus den Glücklichen, der imstande ist, sich diese kostbaren Güter anzueignen, Almosen aber nehmen sie keine an. Es wurde mir erzählt, daß es Familien gebe, die mit 2 bis 3 Shillings die Woche (2'/z bis 3‘/-> K) auskommen müssen, Familien von 6, 8 und noch mehr Personen. Auf der anderen Seite wieder, im eleganten Westen, sehen wir einen Reichtum und nicht nur bei Einzelnen, sondern einer ganzen großen Menge, wie er bei uns nur sehr selten zu finden ist und wir müssen diesen unseren Glaubensbrüdern die Anerkennung zollen, daß sie sich ihrer armen Brüder im Eastend mit starkem gutem Herzen und offener Hand annehmen. Jeder Wohlhabende ist gerne bereit, bei den Wohlfahrts-Anstalten hilfreich mitzuwirken. So sehen wir junge Männer aus den besten Häusern an bestimmten Tagen als Bibliothekare an der Volksbiblivthek, im neuerrichteten Beth-Hamidrasch, als Aufseher in den Klubs, wo 200 bis 300 jüdische Knaben an freien Tagen im Turnen und Körperübungen unterwiesen werden, in der Board of Guardians usw., überall finden wir die Fürsorge der Reichen für die Armen. Undank bleibt dafür natürlich nicht aus, so brachte das hebräische Wochenblatt „Hajehude" in vorwöchentlicher Nummer einen Schmähartikel gegen „unsere Protektoren, die uns Gutes tun wollen, ohne uns zu fragen!" Die Gemeindeverwaltung, Stellung der Gemeindemitglieder, der Rabbiner, Kantoren und Schächter ist auch eine für den kontinentalen Juden ganz eigenartige, trotzdem es augenscheinlich ist, daß die synagogalen Sitten und Gebräuche ganz denen der deutschen und hauptsächlich süddeutschen Gemeinden nachgeahmt sind. Der Kaddisch am Freitag abends und Samstag morgens ist derselbe, das Thora-Vorlesen und Hafthora- Sagen ist ganz süddeutsch, ebenso der geschmacklose Chor der immer in halblauter Tonart unharmonisch die Gesänge des guten oder (wie zumeist) schlechten Vorbeters oder Chasans stört, das ist alles ganz süddeutsch — orthodox. Hingegen anglikanisch unjüdisch find: das Vorlesen eines Psalms nach dem Gottesdienste — in englischer Sprache — das Ablesen der Predigt, das nicht nur die leeren Kantoren-Rabbiner, sondern sogar der Chief-Rabbi übt, das laute Rezitieren der ganzen Schmone- Eßre und der meisten Gebete, das ist durchaus nicht den Sephardim nachgeahmt (die es überall tun), sondern rein englischchristlich. Was wir von den englischen Juden lernen könnten, das ist die Ruhe und Ordnung in der Synagoge. Während

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