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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-31 · 35 (31.8.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jJu. Ln Dr. Llocv s XKUccDcnscDrm. breitung des Terrors in den letzten Monaten datiert seit der Auflösung der Duma. So lange die Duma tagte, ist vielleicht hie und da ein einzelner terroristischer Akt vorgekommen, allein es war lediglich irgend ein vereinzelter Racheakt. Der Terror als Kampfmittel im Dienste der Revolution ist erst nach dem Auseinanderjagen der Volksvertretung, seitdem der politische Kampf auf gesetzlichem Boden unmöglich geworden, neu in Erscheinung getreten. Der Terror ist ein Kampfmittel der Verzweiflung und die unerträgliche Lage im Reiche hat den Terror geschaffen. Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß bei dem Terror etwa niedere Motive, wie Rachsucht, das Verlangen, dem Feinde Leides zuzusügen, mitspielen. Die Terroristen und Revolutionäre erklären laut und eindringlich, daß sie einen Zustand herbeisehnen, der es ihnen möglich macht, den politischen Kampf aus legalem Boden zu führen. In konstitutionellen Ländern, wo die Freiheit des Wortes und der Presse existiert, da hat der Terror als politisches Kampfmittel keinen Sinn. Die russische Regierung aber glaubt durch eine Gewaltherrschaft, Belagerungszustand. militärische Diktatur dem Terror wirksam zu begegnen und vergißt, daß sie damit nur der revolutionären Partei und Organisation neue Anhänger zuführt. Nur eine konstitutionelle Ordnung im Reiche, welche die Möglichkeit eines politischen Kampfes auf legalem Boden schaffen wird, kann und muß den politischen Terror verschwinden lassen. Noch im Jahre 1881 hat das Komitee der russischen Terroristen in einem bekannten Briese offiziell verkündet, daß, wenn die russische Negierung eine Volksvertretung einberust, der Terrorismus der Revolutionäre sofort aushöre. „Die Regierung braucht", — so steht in jenem Brief — „bis die Volksvertretung Zusammentritt, vorläufig nur zu proklamieren: a) vollkommene Preßfreiheit; b) vollkommene Redefreiheit; c) vollkommene Versammlungsfreiheit; cl) vollkommene Freiheit für Wahlprogramme." „Wir verpflichten uns vor der Oeffentlichkeit gegenüber dem Reiche und gegenüber der ganzen Welt, daß unsere Partei ihrerseits unbedingt den Beschlüssen der unter vorstehenden Bedingungen gewählten Volksvertretung sich unterwirft und keinerlei Widerstand mit Gewalt versuchen wird gegen eine Regierung, welche mit dem Willen der Volksvertretung übereinstimmt." Als im Jahre 1881 der Präsident der nordamerikanischen Republik, Garfield, das Opfer eines Attentates geworden, erschien das offizielle Organ der russischen Revolutionäre und Terroristen mit einem schwarzen Trauerrand und einem Leitartikel, in welchem die Mordtat auf das Schärfste verurteilt ward. In einem konstitutionellen Lande mit legaler Volksvertretung, mit Preß- und Redefreiheit ist der politische Mord ein scheußliches Verbrechen. Bei den Zuständen in Rußland ist der Terror ein notwendiges Hebet, welches verschwinden muß mit dem Einzug eines freiheitlichen. Regimes in das russische Reich. Der politische Attentäter G e r s u n i hat in einer Schrift, welche er dem Prokurator überreicht hat, wörtlich geschrieben: „Es ist ein ewiger Fluch des russischen Regimes, daß es die Revolutionäre zwingt, sich der terroristischen Kampfmittel zu bedienen. Während in ganz Europa der politische Kampf gesetzliche Formen angenommen und durch kulturelle Mittel geführt wird, stellen ihn die Bedingungen des russischen Regimes vor andere Notwendigkeiten. In der Macht der Regierung ist es, diese Bedingungen zu ändern, den Terror als politisches Kampfmittel entbehrlich zu machen. Solange aber die Regierung sich dessen weigert und in den Repressionen die letzte Staatsweisheit sieht, ist sie verantwortlich für die Resultate." Heute wie damals stehen die Vertreter des Zarismus und der Bureaukratie auf dem Standpunkt, durch Kerker und Galgen, durch Gewalttätigkeit gegen Schuldige und Unschuldige die Revolution zu unterdrücken. Allein je mehr dem einzelnen Bürger das Leben unerträglich gemacht wird, desto größer wird der Zulauf aus den Kreisen derer, denen das Leben wertlos geworden, die nichts mehr zu verlieren haben. Die gleiche Staatsweisheit aber leitet die Bureaukratie bei ihrer Judenpolitik. Allein diese ist überdies vermengt mit einem großen Ausmaß gemeiner häßlicher Heuchelei. Seit Geschlechtern Weue ö83 und Jahrzehnten verfolgt uns die Bureaukratie. Alljährlich kommen neue Ausnahmsgesetze, welche den Strick um unfern Hals immer enger zusammenschnüren, daß wir kaum noch atmen können, von Zeit zu Zeit veranstaltet sie gegen uns die blutigsten Pogrome, die jüdischen Opfer der Maffakres zählen bereits nach Hunderttausenden. Die Bureaukratie aber hat jederzeit die Räuber und Mörder in gnädigen Schutz genommen und die Juden als die einzig Schuldtragenden vor dem Lande und Europa denunziert und doch haben die Häupter dieser Bureaukratie, die uns bis aufs Blut Haffen, die eiserne Stirne, von Zeit zu Zeit uns mit süßen Trostworten zu bedenken und ihre baldige „Hilfe" in Aussicht zu stellen. Sie haben von der Unterredung unseres Ministerpräsidenten S t 0 l y p i n mit Herrn Dr. Paul Nathan gelesen. Er beteuert, „ein Freund" der Juden zu sein, deren Leiden ihm nahe ans Herz gehen. Allein den Juden Gleichberechtigung zu gewähren, kann er sich nicht entschließen, angeblich im Interesse der Juden. Es würden sonst neue Pogrome entstehen. „Das russische Volk", sagte Herr S t 0 l y p i n, „hat eine Abneigung gegen die Juden". Und dieser im Volke angeblich vorherrschende Judenhaß hindert all seine guten Absichten für die notleidende jüdische Bevölkerung Nun aber hatte Rußland bereits durch wenige Monate eine Volksvertretung und Herr S t 0 l y p i n wiederholt Gelegenheit, aus dem Munde der Volksvertreter zu hören, wo das russische Volk seine Feinde sieht. Die Volksvertreter haben kein Geheimnis daraus gemacht. Haben sie vielleicht beschränkende Gesetze gegen die Juden gefordert? Oder haben sie nicht vielmehr verlangt, daß man die Minister wegjage, welche die Blutschuld von Bialystok auf ihrem Gewissen haben? Herr S t 0 l y p i n betrachtet aber die Volksdeputicrten nicht als die eigentlichen Vertreter des ruffischen Volkes, nur die antisemitischen Anführer der Räuberbanden, die „Schwarzen Hunderte" find ibm die wahren Vertreter des russischen Volkes! Und mit solchen Phrasen will Herr St 0 lypin Europa täuschen. Einem französischen Redakteur gegenüber äußerte er, daß er aus Mitleid mit den Juden ihnen die Gleichberechtigung vorenthält. Man würde mit einem solchen Grsctze den Juden einen „schlechten Dienst" erweisen. S t 0 l y p i n fürchtet, daß auch eine neue Duma, wie die alte, für die Gleichberechtigung der Juden sich aussprechen könnte, ohne Furcht vor Pogromen, die überhaupt nicht stattfinden, wenn die Regierung sie nicht vorbereitet und leitet. Er sagte deswegen: „Man soll die Juden selber fragen, ob sie nach der Gleichberechtigung verlangen." Allerdings hatte die alte Duma nahezu ein Dutzend jüdischer Volksvertreter, welche alle ohne Ausnahme für das jüdische Volk laut und eindringlich das gleiche Recht gefordert haben. Allein Herr S t 0 l y p i n erkennt diese nicht als die wahren Vertreter des jüdischen Volkes an. Seit jeher haben wir uns gewundert, wie es kommt, daß die Regierungsorgane, anstatt gegen die jüdischen Revolutionäre sich zu kehren, lieber auf jüdische alte Leute schießen, aus Frauen und Kinder, gegen welche man mit der größten Grausamkeit vorging, insbesondere gegen Familien, welche sich jeder Politischen Betätigung ferngehalten haben. So war es bei allen Pogromen, besonders in Bialystok. So geschah es in den letzten Tagen in Warschau. Anstatt 28 Polizeileute zu rächen, die während einer halben Stunde in verschiedenen Gassen erschossen wurden, anstatt sich gegen die revolutionären Elemente zu kehren, hat man auf alle Leute geschossen, aus Frauen und Kinder. Man will die neutralen jüdischen Elemente zu einer Aktion zwingen, dahingehend, öffentlich das Verlangen nach Gleichberechtigung zu desavouieren. Die alten Juden sollen schreien: „Seid barmherzig, wir wollen keine Gleichberechtigung, wir wollen keine Konstitution, laßt uns das nackte Leben!" Allein Herr S t 0 l y p i n irrt sich. Die Zeiten haben sich geändert. Unsere alten Leute haben von der Jugend gelernt. Sie stehen alle voller Staunen und Bewunderung vor diesen heiligen Märtyrern der Freiheit. Die Freude und die Zuversicht, mit welcher unsere Jugend in den Tod geht, ist aber auch die Zuversicht, daß der Kampf nicht anders enden wird, als mit dem Sieg des Rechtes und der Gerechtigkeit.

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