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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-31 · 35 (31.8.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 582 L>c. JSlocD's WliocDenscDciu. Nr. 35 einen Schatten von Beweis seiner Freiheit zu berauben und an seiner Existenz zu schädigen. Die Wahrheit ist ja bei den blöden Ritualmordsachen immer die Unwahrheit der Beschuldigung. Ob die blödsinnige Magd ins Irrenhaus oder Zuchthaus kommt, ist gleichgiltig. Hauptsache ist, daß nicht wieder heruntergekommene antisemitische Existenzen einen Unschuldigen in Gefahr und alle Juden unter die Last der Verleumdung des Ritualmordes brachten, welche sür sie seit Jahrhunderten die Art einer Seuche besitzt. Wie sehr sich die Juden gegen diese giftige und verleumderische Gemeinheit wehren müssen, zngt die Geschichte des Chotzeuer Ritualmordmärchens trotz seinem verhältnismäßig guten Ausgang. Eine notorisch schwachsinnige Magd vermochte es, mit ihrem albernen Gefasel in kürzester Zeit die Bevölkerung eines ganzen Ortes bis zur drohenden Haltung gegen die jüdischen Einwohner aufzuregeu. Das hat mehr als eine Ursache. Exzesse jeder Art gegen Juden sind mit größter Leichtigkeit zu arrangieren und kommen auch in jedem Moment vor. Vor den Bedrohten selbst hat man ja nicht die geringste Furcht. Sv schwache und gedrückte Leute wie die Juden, sind unfähig zum Widerstand. Aber auch die Folgen der Rache, welche ja ein Rechtsstaat in solchen Fällen wohl oder übel gegen die Täter üben muß, werden beim Volke nicht sehr respektiert und das ist die Folge einer furchtbaren und gefährlichen Erziehung. Das Volk sieht die Rechtlosigkeit der Juden in den antisemitischen Hetzblättern in den mannigfachsten Formen. Es sieht die Langmut und nachsichtige Duldung jeder Hetzarbeit gegen die Juden, sei es durch Beleidigung ihrer Ehre, sei es durch grundlose Aufforderung zum Boykott, diesen indirekten Diebstahl, sei es endlich durch die überaus glimpfliche Behandlung der Heldeuscharen, die schon einmal ihren antisemitischen Gelüsten durch räuberische Ueberfälle des Judenviertels Luft gemacht haben. Vor allem ist es aber das Ritualmordmärchen, welches dem Pöbel jedes Bedenken nimmt und seine tierischen Instinkte schrankenlos aufwalleu läßt. In dieser Beziehung ist im österreichischen Staate besonders stark gesündigt worden und wird es noch immer. Wie kann man immerwährend in Notizen, Anspielungen und Artikeln ein freches Wahugebilde des Mittelalters fortbestehen lassen, welches die innere Wirklichkeit einer fata morgana mit der sichtlichen Gefährlichkeit einer Giftschlange verbindet? Unsere tiefe Erniedrigung besteht darin, über die Möglichkeit überhaupt zu debattieren, daß unsere Religion heimtückischen Mord verlangt. Nerouische Bestialität hat dasselbe von den Christen behauptet, um sich an ihnen austoben zu können. Soll unser Schicksal aus dem gleichen Grunde sich ähnlich gestalten? Heute schützt uns eine starke Hand, morgen kommt ent neuer Ruber, ein neuer Schwer, ein zweiter Hilsuer und Krawalle. Mau schont die Volksstimmung so lauge, bis die Volkswut daraus wird. Die Volksstimmuug existiert aber gar nicht von vornherein, die wird erst in der politischen Küche fabriziert und eine Volksstimmuug des Hasses darf eben nicht fabriziert werden. Man will denn doch nicht Banditen vom Schlage einiger Wiener Christlich-Sozialen das Volk gewaltsam zu Räubern und Totschlägern erziehen lassen? Bis jetzt haben die ordnungsliebenden Staatsbürger die Mehrzahl, aber nicht die Oberhand, weil sie von den terroristischen Desperados überschrieen werden. Das Gesetz ist keinesfalls ein künstlicbes Gebilde, welches eine Klasse von Bürgern der ungerechten Lynchjustiz von Rowdies ausliesert, sondern die geschriebene Formel der allgemein geltenden Moral, daß Pflichten und Rechte gleiches Gewicht haben sollen und daß Leben und Eigentum geschützt sein müssen. Letzteres wird, wie man in Chotzen sieht und hundertmal gesehen hat, in Frage gestellt, wenn man nur nach geschehener Tat mit einer gelinden Bestrafung des Uebeltäters die äußere Form wahrt, statt eine vorbeugende Hygiene des Rechtes zu treiben. Man geht der Malaria zu Leibe, indem man die Sümpfe trocknet; Exzesse werden verhütet, indem man die Anstifter zur Ruhe bringt, indem man ihre Hetzarbeit vereitelt. Namentlich in der gefährlichsten Richtung, dem Ritualmord, mit dessen Beschuldigung schon eine blödsinnige Magd schweres Unheil stiften kann. Glaubt denn einer der Staatsanwälte, welche solche Dinge in den Blättern passieren lassen, an den Ritualmord? Wir hoffen, daß wir wegen Amtsehreubeleidigung belangt werden würden, wenn wir einem österreichischen Staatsbeamten solchen Blödsinn zutrauen würden. Also meine Herren mit dem Rotstift! Unterstützen sie nicht die verkommensten Gestalten aus dem politischen Leben gegen uns jüdische Bürger, die wir uns zumeist mühselig plagen, um Weib und Kind ernähren zu können, die wir Ehre im Leibe haben und Hochachtung vor dem Gesetze. Wenn wir Leute unter uns haben, die sich ihres zufälligen Reichtums im Schaugepräw'e ohne Rücksicht auf den Neid erfreuen, oder Leute, die verbotene Wege geben, so lassen Sie Ihre Sympathien und Ihre Achtung von diesen wenigen Ausnahmen nicht beeinflussen. Eine fleißige, redliche und unterdrückte Gemeinschaft wartet noch immer auf den gebührenden gesetzlichen Schutz. Weg darum endlich mit den gemeinen Hetzereien der antisemitischen Blätter, hinaus mit dem Wahnwitz, dem Ritualmord! Aber auch so wird die Sorge eines neuen Chotzen und eines Polna noch nicht abgeweudet werden. Durch zukünftige Maßnahmen allein wird der Ritualmord aus dem gefährlichen Aberglauben der Christen nicht verschwinden, wenn die Pestsäule, wenn der Prozeß von Polna, nicht verschwindet. Die antisemitischen Hetzer, deren Leben die Lüge ist, haben in Hilsuer immer noch einen Zeugen ihrer verbrecherischen Mordgier, den sie für einen Zeugen ihrer Behauptungen ausgeben. So lauge die Justizbehörde in dieser Beziehung auch nur einen Schein bestehen läßt, der als Wahrscheinlichkeit gedeutet werden kann, werden die Hetzer die Stimme nicht verlieren. Der Herr Justizminister weiß ebenso gut wie wir, wie alle Kulturmenschen, wie schließlich auch Schwer und Baxa, daß ein Unschuldiger hier bald mit Blut und Leben das große antisemitische Geschäft bezahlt hätte und mit Verzweiflung bis zum Tode leiden soll. Gibt es das? Ist dieser Traum ein Leben? Ist es wirklich Hilsuer in der Zelle, statt Schwer? Der Kalender zeigt 1906, als wollte er den Fortschritt des Jahrhunderts verhöhnen. Der Herr Justizminister hat keine Furcht, weil kein Ehrenmann Furcht hat. Ihm sitzt Gerechtigkeit und Recht im Mark der Knochen und er hängt an ihnen und nicht an seinem Amte. Mag er drum den Blick auf das Opfer eines Bluthundes richten, mag er die Leute zerschmettern, die das Reich mit diesem Frevel beschmutzten, mag er laut und ungescheut die Wahrheit sagen. Eine Regierung hat geholfen, uns mit dem wahnsinnigen, unerhörten Vorwurf des Ritualmordes zu beladen und damit den größten Gefahren auszusetzen; eine neue Negierung muß helfen, unsere Ehre und unser Leben von dieser gemeinsten Lüge zu befreien. Wir betteln nicht um das Gesetz, wir fordern es. Auch wir Juden haben ein Recht auf das Recht. —y. Kries aus Petersburg. Petersburg, 24. August 1906. Der politische Terror durchschreitet das weite russische Reich und wächst von Tag zu Tag. Die Berichte über die Schreckenstaten der Revolutionäre, die telegraphischen Meldungen über einzelne mehr oder weniger gelungene Attentate gegen Staatsfunktionäre füllen ganze Spalten der Tagesblätter. Es wechseln nur die -Namen der Städte, der Schauplatz der Schreckenstat ist bald im Osten, bald im Westen, bald im Süden, bald im Norden, allein der Charakter der Geschehnisse bleibt unverändert, ist eintönig, ein trauriges Einerlei: ein politischer Mord aus politischen Ursachen, der terroristische Kampf gegen das terroristische Regime. Eines darf man nicht vergessen! Die erschreckende Aus->

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