Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. BlocD s Mlocvenscvnn. Seite 577 Literatur. Napoleon I. und Papst Pins Vis. Die Korrespondenz zwischen dem römischen und französisch-kaiserlichen Hose. Dokumente zur Anfangsgeschichte des Kulturkampfes in Frankreich. Herausgegeben von I. W—r. Leipzig. Deutsche Verlags- Aktiengesellschaft. Der Geschichtsschreiber hat die Wahl, den historischen Rohstoff in künstlerisch abgerundeter Darstellung ohne Bruch und Sprung zu verarbeiten und seinen konzentrierten Architekturtrieb durch die Meisterung und Bewältigung des amorphen Materiales zu bewähren, oder er kann denselben auch unvermittelt in möglichster Ursprünglichkeit auf den literarischen Markt Wersen. In letzterem Falle aber muß er sich einer peinlichen Akribie befleißen, und besonders über die Provenienz, den Fundort, die Textkritik, kurz über das archivalische Um und Auf die gewissenhafteste Auskunft geben. Der Verfasser hat den letzteren Weg gewählt, jedoch dabei den eben erhobenen, methodischen und technischen Forderungen nicht immer genügt. Es wäre aber undankbar, diese Mängel allzusehr zu betonen gegenüber dem unleugbaren Verdienste, das er sich erworben hat, indem er einen Ausschnitt aus der Geschichte Napoleons, dem mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Vorgänge in Frankreich ein brennendes, aktuelles Interesse zugesprochen werden kann, durch höchst interessante Dokumente beleuchtete. Vom jüdischen Standpunkte aus dem Inhalte hervorhebenswert wäre die vom Kardinal Gabrielli ausgesprochene Hoffnung : „Der Gott Israels wird dazu Tugend und Kraft seinem Volke geben!" und die Stelle in der päpstlichen Instruktion an alle Bischöfe der von der französischen Regierung usurpierten Provinzen, in der das stärkste Mißvergnügen ausgesprochen wird über „die Eidesformeln, welche diese (die französische) Regierung vorschreibt, ihre Konstitutionen, ihre Gesetzbücher, ihre öffentlichen Verhandlungen, die überall wenigstens den Geist der Gleichgiltigkeit gegen die Religionen atmen, selbst die jüdische nicht ausgenommen, welche doch eine unversöhnliche Feindin des Christentums ist". In mancher Beziehung interessant ist auch, daß in Rom die Pally (so heißen die Fahnen, die das schnellste Pferd im Wettrennen gewinnt) beim Karneval des Jahres 1808 gewaltsam aus der Juden st adt geholt wurden. Die pievv de resistance der ganzen Publikation ist der Bericht über die merkwürdige Audienz Napoleons in Breda vom 6. Mai 1810, die uns den Napoleon in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit und göttlichen Brutalität ohne alle Retouchierung zeigt. Aus dem „Vorwort" wollen wir nur gegenüber dem Ausspruche: „Kaiser Napoleon war ein guter, frommer Katholik", unsere Bedenken nicht unterdrücken. und dieser Behauptung folgende Aeußerung Napoleons entgegenhalten: „Ich glaube nicht an die Religionsbekenntnisse, die Gottesidee jedoch, das ist etwas anderes. . . . Die Rastlosigkeit des Menschen ist so groß, daß er die schon vorhandenen Legenden nicht entbehren kann. Gäbe es noch keine, so würde er vermutlich andere ersinnen, wie sie ihm gerade einfielen und die wahrscheinlich noch seltsamer wären Nur die positiven Konfessionen verhindern den Strom seiner Einbildungskraft, aus den Ufern zu treten, die sie umgrenzen und umschreiben, das Natürliche genau; .... es ist besser, dies in der Religion zu suchen, als bei betrügerischen Wahrsagerinnen! . . . eine Religion, die Fuß gefaßt hat, bildet eine Art Impfung, die' uns gegen Quacksalber und Geisterbeschwörer schützt, indem sie unserer Vorliebe für das Wunder entgegenkommt; die Priester sind den Cagliostros, den Kants und allen übrigen Schwärmern Deutschlands vorzuziehen." Zum Schluffe noch die Frage: Warum wählte der wahrscheinlich ohnehin in den weitesten Kreisen unbekannte Verfasser einen durch die Abbreviatur verschleierten Namen? Zur wissenschaftlichen Einführung bedarf es ja keines Chaperons und übertriebene Bescheidenheit ist hier sicherlich nicht am Platze. Prof. Josef Frank. Unionkalender. Soeben ist der neue Jahrgang des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen „Kalenders für Israeliten" erschienen, welcher die Vorzüge dieses in Amt und Familie bereits weit verbreiteten Nachschlagebuches aufs Neue bewährt. Der „Unionkalender" ist bekanntlich der einzige jüdische Zeitweiser, welcher zugleich einen wertvollen Führer durch die ö st erreichisch-ungarischenKultusgemei irden bildet. Auch in dem neuen Jahrgange ist der Schematismus über den Personalstand und die Einrichtungen aller Kultusgemeinden des Reiches, ferner aller jüdischen Vereine mit der größten Genauigkeit und Sorgfalt zusammengestellt worden. Durch die Neuaufnahme der rituellen Speisehäuser (Kvschergasthäuser) erhält der Kalender auch für unsere reisenden Glaubensgenossen einen erhöhten Wert. — Der literarische Teil enthält eine Erzählung aus den jüngsten Freiheitskämpsen in Rußland, aus der Feder Julius Uprimnys. Die Erzählung trägt den Titel „Auf der Barrikade" und liest sich wie ein unmittelbar aus der Zeitgeschichte gegriffenes Stück Leben. — In einem ausgezeichneten, das „Judentum als Kulturwert" betitelten Essay bekämpft Herr Rabbiner Dr. Simon Mandl in wärmster Weise die von Houston Stewart Chamberlain verkündete Theorie, daß Humanismus und Judentum unvereinbare Begriffe wären. Der geschmackvoll gebundene „Unionkalender" ist vom Bureau der „Oesterreichisch - Israelitischen Union", Wien, IX., Universitätsstraße 8, und allen Buchhandlungen zum Preise von JL 1*60 zu beziehen. Neue Bücher. „Ost und West". Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben und redigiert von Leo Winz (Verlag von „Ost und West", Berlin W. 8, Leipzigerstraße 31/32). Inhalt des VII. Heftes: Die Kolonien in Argentinien. (Spezialbericht des beratenden Bureaus des Zentral-Komitees der „Jca".) Ludwig K l a u s n e r— Dawoc: Moderner Geist im alten Judentum. Prof. Doktor Henryk von Struwe. Warschau: Joses Gabowicz (mit 8 Illustrationen). Dr. Bernh. Münz: Gustav Glvgaus Briefwechsel mit Steinthal. Jaroslav VrchlickF: Akibas Gesicht der Zeiten und der Kaddisch. Jehuda H a l e v i: Zion (Gedicht). Dr. Hans Mühsam: Der Dornenweg des jüdischen Wanderers (mit 2 Illustrationen). Dr. Emil Cohn: Josef, das Kind. Rabbiner Dr. Freund, Ostrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. August Wunsche. Schöpfung und Sündenfall des ersten Menschenpaares im jüdischen und moslemischen Sagenkreise mit Rücksicht auf die Ueberlieferungen in der Keilschrift-Literatur. Band II, Heft 4 der Sammlung Ex Oriente Lux, herausgegeben von Dr. Hugo Winckler, Professor an der Universität Berlin. Preis brosch. Mk. 1.60, geb. Mk. 2.—. Verlag von Eduard Pfeiffer, Leipzig 1906. Tr. L. Landau, Professor an der Handelsschule. Das apologetische Schreiben des Josua Lorki an den Abtrünnigen Don Salomon ha-Lewi (Paulus de Santa Maria), herausgegeben nach drei Handschriften mit einer ausführlichen Einleitung und deutscher Uebersetzung, nebst zwei Anhängen versehen. Verlag von Teitelbaum L Boxenbaum, Lange Kievitf.raat 22, A n tw e r p e n 1906. Rabbiner Dr. Schiffer, Karlsruhe. Die Ausübung der Mezizoh. Referat, erstattet in der Generalversammlung der Rabbiner-Kommission der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" am 7. Juni 1906 in Frankfurt a. M.