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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-24 · 34 (24.8.1906) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 676 - Dr. Llocv s Mwcoenscdntl. Nr. 34 Waschung vorzunehmen, nahm .sein rotwangiges Gesicht einen frommen Ausdruck an. Als das Nachtessen beendet war und Asriel und Tamara das Abendgebet verrichtet hatten, nahm Flora ihre Novelle zur Hand, um sie zu Ende zu lesen. „Fort mit dem ungläubigen Zeug während des Gebetes," schrie der alte Mann zornig. Flora gehorchte bestürzt. Sie hatte sich an seine neuen Gewohnheiten gewöhnen müssen, aber so strenge war er bis nun nicht mit ihr verfahren und sie fand es unerträglich. „Sie können das Buch später lesen, die Weisheit läuft Ihnen nicht davon," sagte Tamara mit Ironie. Tamara war eine Witwe im Alter von etwa vierzig Jahren. Sie und ihr verstorbener Gatte waren im ganzen Ghetto wegen ihrer Frömmigkeit bekannt gewesen, und deßhalb wie auch ihrer Kochkunst halber hatte Asriel sie als Haushälterin ausgenommen. Asriel intonierte dann in dröhnenden Tönen ein Dankgebet. Immer stärker und stärker wurde seine Stimme und Tamara begleitete ihn flüsternd und neigte ihren perückenbedeckten Kopf kummervoll. Flora war beim Anblick dieser Szene tiefbewegt; sie sah zu mit jener mitfühlenden Sympathie, wie sie Christen empfinden, wenn sie etwa am Versöhnungstag die Synagoge besuchen. Endlich erstürben die feierlichen Töne zu einem leisen Gemurmel. Stille senkte sich über das kleine Zimmer. Die Feier schien zu Ende. „Flora," sagte Stroon plötzlich. „Ich bin entschlossen, nach Europa zu reisen." „Nach Europa? Ist es möglich, meinst Du es ernst?" „Ich werde die Reise nach Peßach antreten. Ich muß meine Heimat, Prawly, Wiedersehen." „Aber Du warst ja seit vierzig Jahren nicht mehr dort. Du erinnerst dich ja kaum mehr. Du wirst dich dort nicht auskennen." „Ich mich dort nicht auskennen? In Prawly? Besser wie in der Mottestreet, besser wie auf meiner Nase. Ich bin dort geboren, Tochter," sagte er und strich über ihre Haare. Er war selten so zärtlich mit ihr und sie war ganz gerührt darüber. Es war ihr schon im Vorhinein bange nach ihm. Tamara war über Asriels beabsichtigte Reise erstaunt. „Werdet ihr wirklich reisen?" frug sie. „Was wirst Du dort tun?" ftug Flora dann mangels anderer Argumente. „Das macht nichts, mein Kind. Ich muß ja nicht zu Fuß hingehen." „Aber die russische Polizei wird Dir Schwierigkeiten bereiten." „Der Kern einer hohlen Nuß?" erwiderte Asriel. Flora hatte sich so an seine Methaphern gewöhnt, und wunderte sich stets von neuem, wie ihm so etwas einfalle. „Gib einem trefenen Gendarmen eine koschere Münze und er wird sich sofort ehrfuchtsvoll verbeugen. Es lebe der amerikanische Rubel," sagte Asriel. Sie blickte ihn noch immer erstaunt an und sagte schließlich: „Ich hoffe, Vater, Ihr überlegt es Euch noch." „Tamara, reiche mir das Gebetbuch," gab der alte Mann brummig zurück. Als das Mädchen das Zimmer, verlassen hatte, frug Tamara: „Und Flora, werdet Ihr sie auf die Reise mitnehmen?" „Wozu? Damit sie sich über unsere dortigen Gebräuche belustige, und man sie „goisches Mädchen" schimpfen soll? Sie kann hier bleiben und das Haus beaufsichtigen. Ich habe sie, als ich in Prawly war, nicht gekannt und ich will sie auch jetzt nicht dort haben. Ich will mich dort fühlen, wie ich mich einstens dort gefühlt habe. Ich muß die Gräber meiner Eltern wiü>ersehen, mein Herz verlangt danach," sagte er im ernsten Ton und wandte sich dann den Psalmen zu. II. Kapitel. Seitdem Asriel Stroon sich von seinen Geschäften zurückgezogen hatte, ängstigten ihn Todesgedanken. Früher hatte er niemals Zeit gehabt, sich solchen Gedanken hinzugeben. Sein Mehlhandel, seine Bäckerei, seine sonstigen Geschäfte hatten ihn so in Anspruch genommen, daß er an nichts anderes denken konnte. Damals war es nie vorgekommen, daß er an Wochentagen ins Bethaus gekommen wäre. Und selbst an Sabbathen, wenn er, in seinen Talles eingehüllt, seinen Sitz am Bast Wall eingenommen hatte, verbrachte er die meiste Zeit im Halbschlaf und nickte unbewußt zu des Kantors Improvisationen; oder er hatte schwere innere Kämpfe zu bestehen, um das Mehl seinen Gedanken fern zu halten, denen es anhaftete wie seinem langen Sabbathrock. Eines Tages war ein neuer Rabbiner angelangt und hatte die Predigt gehalten. Das war zu der Zeit, als Asriel es für gut befunden hatte, seinen Mehlhandel zu verkaufen und sich von den Geschäften zurückzuziehen. Der neue Rabbiner sprach über das Leben der Bösen nach ihrem Tode. Als Asriel dies hörte, fiel es ihm plötzlich schwer auf die Seele, daß er alt und schwach sei. „Ich bin der Sünden so voll, wie eine Melone an Körnern," sagte er sich, als er aus der Synagoge schritt. „Du mußt darauf gefaßt sein, abberufen zu werden," hatte der Prediger gesagt. Leider war er immer so mit irdischen Dingen beschäftigt gewesen, daß er solchen Taten, die ihm ein Anrecht auf das zukünftige Leben gesichert hätten, wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Und während seine Wertpapiere si.. er zwischen den Wänden eines eisernen Schrankes ruhten, war seine Seele den Flammen des Scheol ausgesetzt. Mit einemmale fing er an, sich wieder Pejes und einen langen Bart wachsen zu lassen, und sein Herz, das sich nach den alten Geschäften sehnte und sich über die begangenen Sünden quälte, riet ihm, seine Mußestunden mit Gebeten und Psalmen zu verbringen. Wie herrlich war es, einen Abschnitt nach dem anderen in der Bibel zu lesen! Und wie gerne erinnerte er sich an den Sing-Sang in seinem Vaterhause — vor vierzig Jahren. Asriel Stroon verstand zwar nicht die Bedeutung der Worte, die er so emsig sang; in seiner Jugend war er kaum mit dem Lesen des Pentateuch fertig geworden, als ihn schon sein Vater zum Flachsspinnen in Anspruch nahm. Aber die Melodie der heiligen Worte, die ererbte Betonung und das Bewußtsein, daß es Psalmen sind, brachten es mit sich, daß ihm jedes Wort wie Zucker vorkam. So hatte er es seiner Haushälterin beschrieben. Asriel Stroon wurde mit jedem Tage frömmer und gottesfürchtiger. Es wurden Gefühle in ihm wach, die ihm seit drei Jahrzehnten fremd waren. Er litt auch an starkem Heimweh. Es waren fünfunddreißig Jahre vergangen, daß er seine Vaterstadt verlassen hatte und in dem Wirbel des amerikanischen Lebens hatte er seit dreißig Jahren kaum mehr an Prawly gedacht. Jetzt im 58. Lebensjahre begann er plötzlich Sehnsucht nach seiner Vaterstadt zu empfinden. War es das Feuer ffeines erwachten religiösen Gewissens, das die unterbrochene Kette der Erinnerungen wieder vereinte? So viele wahrhaft fromme Menschen Asriel auch in Amerika antraf, ihm schien die echte Frömmigkeit und der Begriff des echten Judentums unzertrennlich von Prawly. Während seines ganzen Lebens hatte er das Gefühl nicht los werden können, daß die amerikanische Frömmigkeit sich ebenso von der echten Frömmigkeit unterscheidet, wie der amerikanisch zubereitete Fisch und die amerikanisch gesäuerten Gurken sich von den heimatlichen unterscheiden. Trotz seiner großen Begeisterung für Amerika fand er doch, daß diese beiden Artikel unstreitbar besser in der Heimat schmeckten. (Fortsetzung folgt.)

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