Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 568 Dr. JSIocD’ö iRUocDenscDcui. Nr. 34 Ob endlich die Mitteilung der „Arbeiter-Zeitung", daß mein Bruder Karl, der seit 12 August 1906 in Salzburg weilt, auch als Streikbrecher mitarbeitete, lediglich auf der Phantasie des klexenden Judenschapsels oder auf Halluzinationen, die ihn für die Aufnahme in die Irrenanstalt befähigen, beruht, oder ob diese lügenhafte Erfindung auf tendenziöse Böswilligkeit der v e r j u d e t e n „Arbeiter-Zeitung" zurückzuführen ist, die einem ihr sonst, Gott sei Dank, unbekannten Lehrer um jeden Preis eines aufs Zeug flicken will, will ich dahingestellt sein laffen; doch scheint mir die letzte Meinung die richtige zu sein. Ich grüße Sie bei denkbar bestem physischen und psychischen Wohlbefinden und verbleibe Ihr unverbesserlicher, auf die Gunst einer hohen k. k. sittenrichterlichen Sozialdemokratte nicht anstehender eauä. jur. L. Bagar. Wenn schon die Söhne so unverschämt sind: wie mögen die Manieren der Väter sein! Und bei dieser antisemitischen „Gesellschaft" kaufen tausende jüdischer Frauen ihre Milch ein! Die Gründung des Wiener Stadttempels*). Eine geschichtliche Monographie, aber keine von denen, bei welchen die Gefühle des Laien sich schließlich zu einem sanften Schlummer vereinigen. Jeder wird mit hohem Interesse die mit glücklicher Hand zusammengestellte Anfangsgeschichte jener Gemeinde lesen, die sich zu einer der größten in der Welt entwickelte. Wir blicken mit dem Verfasser, dessen guter Styl und lebendiger Vortrag hohes Lob verdienen, in ein Stück finsteres Mittelalter zurück, in welchem die Juden ihr Leben und ihr Judentum gegen wahrhaft russische Bevormundung und Drangsalierung verteidigen mußten. Mit einfach närrischer Umsicht wußte man Verbote zu erfinden, die den Juden weiter nichts ermöglichten, als möglichst ergiebige Steuerträger zu sein. Endlich kam das Toleranzpatent des Jahres 1783 und man wird die ftüher herrschenden Zustände am besten aus dem Umstand erkennen, daß das Patent jauchzend begrüßt wurde, obwohl es noch immer verbot, in Wien eine Gemeinde zu errichten, öffentlichen Gottesdienst zu halten, einen Rabbiner anzustellen, ein Gewerbe selbständig auszuüben; auch von der Toleranzsteuer sowie der behördlichen Bewilligung zum Aufenthalt in Wien wurden die Juden nicht befteit. Dagegen wurden sie 1784 den ordentlichen Gerichten überstellt, da 1783 die Rabbinatsgerichte aufgehoben wurden. 1808 gab es in Wien 119 tolerierte Familien mit 305 Kindern und 409 Dienstboten, die nicht weniger als 46.283 fl. jährlicher Steuern an die Regierung zahlten. Im allgemeinen wurde unter Josef II. jeder toleriert, welcher nebst seinem Erwerb ein Vermögen von wenigstens 10.000 fl. Nachweisen konnte. Die Toleranzsteuer betrug für den Einzelnen bis zu 1000 fl. Erwachsene Söhne mußten einen eigenen Erwerbszweig ergreifen oder die Stadt verlaffen. Witwen, die das Geschäft ihres Mannes nicht weiterführten, mußten samt allen Kindern in die Heimat zurück. Die Toleranzbewilligung wurde später zu einer Quelle stetiger Quälereien, indem man Ehen verbot und verarmte Leute unbarmherzig auswies. Der erste Wiener Kultusvorstand wurde im Jahre 1789 gewählt, indem von den Tolerierten in einem Majestätsgesuch verlangt wurde, es möchten vierzehn Vertreter zur Vermittlung zwischen der Regierung und den Juden ernannt werden. Es wurde bewilligt und die Wahl den Juden fteigestellt, doch sollten 1792—1801 nur drei Vertreter gewählt werden, später fünf und ein Stellvertreter. Die Funktionsdauer war sechs Jahre. Alljährlich hatte ein Vertreter auszuscheiden. Sollte mau es glauben, daß die Juden schon im Jahre 1816 sich so saumselig an der Wahl beteiligten, daß die Polizeibehörde die Tolerierten ermahnen mußte? 1819 erhielten die Tolerierten die Bewilligung, sich die notwendigen Gemeindebeamten zu halten. Von besonderem Jntereffe ist ein geradezu klasfisch gehaltenes Majestätsgesuch, das von den Wiener Juden vor dem *) „Gründungsgeschichte des Stadttempels der Israel. Kultusgememde Wien." Mtt einer Einleitung: Die zettgeschichtlichen allgemeinen Verhältnisse der Wiener Juden. Nach archivalischen Quellen von Sigmund H u s s e r l, Archivbeamten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mtt einer Innenansicht des Stadttempels und 14 PortrAS. Wien u. Leipzig. Wilhelm B r a u m ü l l e r. k. u. k. Hof- und Universitätsbuchhäudler. Wiener Kongreß am 12. November 1816 zur Erlangung besserer Zustände überreicht wurde. Das Gesuch blieb vollständig wirkungslos. Weiters fällt ein Dokument vom 1. Dezember 1810 auf, in welchem auch den Juden gestattet wird, die Börse zu besuchen. Daraus geht klar hervor, daß der sogenannte „Giftbaum" wenigstens von den Juden nicht gepflanzt wurde. In die Gründungsgeschichte des Tempels leitet uns die Einrichtung der Armenanstalt im Jahre 1821, in welcher die Bettler zu Neujahr und Ostern beteilt wurden. Es kam aber ein solcher Andrang von Zugereisten, daß man ihnen mit den schärfsten Maßregeln entgegentreten mußte. Tout comme chez nous. Ihren Gottesdienst mußten die Tolerierten in einem unterirdischen, kalten und nassen Gemach im Hause „Zum weißen Stern" in der Sterngasse abhalten. Mit Unterstützung des Regierungsrates La Roze, des ersten wirklichen Liberalen, erhielten die' Tolerierten die Erlaubnis des Kaisers, den Dempfingerhof, das Haus Nr. 528 am Kienmarkt im Stubenviertel, um den Preis von 90.000 fl. vom Besitzer Felix Freiherrn v. Friedental zu erwerben. Zur selben Zeit wurde die Zahl der Repräsentanten auf 12 erhöht. Die Verwaltung des Dempfingerhofes wurde einem eigenen Ausschuß übertragen. Das notwendige Kapital wurde aus freiwilligen Beiträgen zusammengebrachl, der Rest in einem amortisierten Attlehen sichergestellt. Dann ging es schon unaufhaltsam weiter bis zur Berufung Mannheimers und S u l z e r s, bis zur ersten hohen Blüte der Wiener Gemeinde. Es werden sich gewiß sehr viele Leute finden, welche diesen Entwicklungsgang genau verfolgen wollen. Sie seien auf das gute Buch verwiesen, welches historische Genauigkeit mit literarischem Wert verbindet und jeden Leser fesselt. — y. Bret Harte ein Jude. Die vor einigen Monaten in verschiedenen amerikanischen Blättern aufgetauchte Nachricht über die jüdische Abstammung des verstorbenen amerikanischen Humoristen Bret Harte findet jetzt volle Bestätigung. Hartes Großvater, Bernard Hart, wurde 1764 als Jude in London geboren und starb 1855 als Jude in New-Iork. Er spielte im politischen und gesellschaftlichen Leben des damaligen New-Iork eine ansehnliche Rolle und war auch Vorstandsmitglied der Gemeinde „Leberitb-Israol" gewesen. Alle diese Angaben stammen von Frl. Ethel Bret Harte, der Tochter des verstorbenen Dichters, und stellen' die Abstammung Hartes vom Judentum außer Zweifel. Korrespondenzen. Die jüdischen Mandate in Galizien. Lemberg, 17. August. Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde hat in Beantwortung der mitgeteilten Zuschrift des Abgeordneten Dr. Seinfeld betreffend die Sicherung der jüdischen Mandate in Galizien diesem Abgeordneten mitgeteilt, daß es seinem Wunsche entsprechend in der zweiten Hälfte des Monats September eine Versammlung der Delegierten aller größeren israelitischen Kultusgemeinden Galiziens nach Lemberg einberufen werde. In dieser Versammlung sollen nach dem Vorschlag des Abgeordneten Dr. Seinfeld die aus die Sicherung der jüdischen Mandate in Galizien gerichteten Wünsche formuliert und ein Komitee gewählt werden, dem die Aufgabe zufallen wird, mit dem Polenklub die Verhandlungen zu führen. Zu dieser Versammlung werden auch die jüdischen Mitglieder des Polenklubs sowie des galizischen Landtages eingeladen werden. Ein Schreiben von Dr. Max Nord au. Anläßlich der ausgezeichneten Ausführungen Dr. Max Nordau's in der „Neuen Freien Presse" vom 29. Juli a. c.*) sandte der Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien *) Unter dem Titel: „Gehet hin mib tut desgleichen".