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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-24 · 34 (24.8.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 566 Dr. Blocb’s Mocbenscbrm. Nr 34 der klassischen Inschrift: ..‘Ap’.crcov jisv uowp", „das Beste ist das Wasser". Wie geht da dem Antialkoholiker das Herz auf! Pindar hat das Wort vor Jahrtausenden gesprochen, und der Bauer Vinzenz Prießnitz hat's bestätigt. Und so kommen sie denn in diesen einzigen Waldwinkel aus allen Weltenden die mehr oder weniger kranken Weiblein und Männlein, um die Modekrankheit los zu werden — die Nervosität. Unsere Brüder aber im Osten scheinen besonders an diesem Leiden unserer Tage zu kranken, denn selten sah ich so viele Polen und Russen auf einem kleinen Flecke beisammen wie hier. Da erblickt man das ehrwürdige Haupt irgend eines russischen Rabbi im traditionellen Kaftan, dort wieder eine blasse polnische Modedame, hier einen russischen Studenten, der in einem Buche eifrig studiert, das schon an dem feuerroten Umschläge erkennen läßt, daß es keinen talmudischen Traktat enthält, da wieder eine schlankgewachsene, junge, russische Dame, die sich den Doktorgrad an irgend einer Schweizer Universität holen möchte. Sie alle kranken aber auch an dem Lande, das sie als ihre Heimat bezeichnen. Wenn also jemand meinte, die Wälder in unseren herrlichen Sudeten bedeuten die unschuldige Idylle allein, hier herrsche nichts als süßer Friede und beschauliche Ruhe, der würde sich gewaltig irren. Ueberall hin bringen die Menschen ihr Leid, und die grause Sorge, sie sitzt hinter ihnen auch dort, wo die Tannen geheimnisvoll raunen, die Quellen lieblich rauschen, wo die süßen Düfte von den grünen Bergen sanft herniederwehen ins stille Tal. Kaum an einem anderen Orte sieht man aber auch soviel und soviele Zeitungen lesen, wie hier in dieser lauschigen Waldesecke. Polnische, russische, deutsche, österreichische, englische, ftanzösische, ja, hören Sie es nur, Herr Paul Maximilian Schiff, der sie unsere heilige Sprache für mausetot erklären, auch hebräische Zeitungen werden hier gelesen, Zeitungen in wirklich gutem Hebräisch geschrieben. Und diese erzählen nicht sehr Erbauliches von all' dem Revolutionsgeschrei im Osten dieses alten Europa, wie die Sklaven dort erwachen nach langem, schwerem Drucke, sich den Schlaf -aus den Augen reiben und sich erinnern, daß sie sozusagen auch Menschen seien. Es glänzen die Augen, es erbeben die Hände und die Lippen flüstern geheimnisvolle Worte, die, wie mir scheint, wenig zu diesem stillen Naturfrieden passen. — „Unterschreiben Sie für die russische Revolution", mit diesen etwas dunklen Worten naht sich mir ein russisches Mädchen, das aus Czenstochau stammt. Es ist, wie ich höre, nervös geworden, als in dem russisch-polnischen Wallfahrtsorte eines nicht gerade schönen Tages zufälligerweise vor ihm eine Bombe platzte. Diese Nervosität will nun die Arme los werden inmitten des Gottessriedens der Allmutter Natur. Und doch schwebt ihr jene Szene stets vor Augen, da sie wie durch ein Wunder dem Tode entrann. Wie kann Friede einkehren in diese sturmgepeischten Herzen, wie kann in die Seelen dieser aufgeregten Menschen Ruhe einziehen, wenn sie stets zu hören glauben den Ruf: „Tötet sie, mordet sie!", den Hugenottenruf, den Meyerbeer einst in revolutionäre Musik gesetzt. Diese Russen, die hier in meiner Nachbarschaft wohnen, kommen mir wie ein vielgehetztes Wild vor, das für einige Tage Ruhe gefunden in der Mitte dieser duftigen Wälder, grünen Berge und goldigen Felder. „Unterschreiben Sie für die russische Revolution!", wieder tönt mir dieses Wort entgegen, so traurig, so melancholisch, fast möchte man darob weinen. Die Russen, die mit dieser rätselhaften Aufforderung an uns herantritt, meint aber wohl, wir mögen unser Scherflein beitragen zur Unterstützung jener Aermsten, die für die Freiheit kämpfen und sterben. So wird man hier allüberall erinnert an das Elend, das so nahe an diesem Grenzgebiete an die Türe pocht.- Im Uebrigen lassen sich es die Polen und Russen hier ganz gut gehen. Es wird zugunsten der armen russischen Juden viel getanzt, deklamiert, gesungen und rezitiert und — leider auch Klavier gespielt. Davon weiß der alte Kursaal in Gräfenberg manches zu erzählen. Deutsche und Oesterreicher, Russen und Polen vereinigen sich, um sich, namentlich über die trübe Zeit, die uns Jupiter pluvius im reichlichen Maße bescheert, hinwegzuamusieren. Am verflossenen Sonnabend, wie die deutschen Brüder den alten Sabbath bezeichnen, aber gedachte man nicht nur der Russen, sondern auch des jüdischen Nationalfonds und der armen, verunglückten Boskowitzer. Man sang, deklamierte, spielte und tanzte. Das ist die häufige Manier des Unglücks, Vergnügen zu wecken. Sie sehen demnach, Herr Redakteur, daß wir uns nicht nur am Waldesrauschen erfreuen, kalte Einpackungen über uns ergehen lassen, „Sauere" trinken und durch Halbbäder und Ganzbäder die etwas unruhig gewordenen Nerven stillen, sondern uns auch unterhalten und — der Wohltätigkeit nicht vergessen. So mannigfaltig gestaltet sich das Leben in diesem Wald- und Quellengebiete. Lange wird es ja nicht dauern, und wir sind wieder zuhause bei den liebgewordenen Penaten. Die Deutschen sind schon vor einigen Tagen in's Reich zurückgekehrt, dort hat der Schuldrill wieder begonnen und die liebe Jugend trinkt nun aus anderen Quellen als den Gräfenbergern, aus denen der Weisheit. Auf keinen Fall schmeckt aber das Weisheitsnaß so so erquickend, wie das der Quellen in unseren Sudetenländern, Manche Ketzer behaupten sogar, man könne von einem Weisheitsnaß überhaupt nicht sprechen, dieweil die Weisheit meist ledern sei und trocken.-Doch kehren wir zu unserem lieben Heim zurück, und während wir uns wieder an dieses erinnern, müssen wir schier unwillkürlich an unsere Czenstochauer Nachbarschaft in Gräfenberg denken. Haben unsere Czenstochauer Brüder auch ein Heim? Der russische Knabe mit den klugen Augen, mit dem wir uns gerne unterhalten, kann uns darauf keine erschöpfende Antwort erteilen. Die Eltern, meint er, wollen nach Breslau übersiedeln; dann wieder sagt er, der Vater werde mit ihm nach Czenstochau zurückkehren; bald bebehauptet er, der Vater wolle „sein Haus" verkaufen, bald wieder klagt der kluge Knabe, wie schwer es sei. das heimische Geschäft im Stiche zu lassen. Man sieht: diese armen Leute, die sich jetzt eines kurzen Friedens erfreuen in diesem stillen Paradiese, das die Natur geschaffen, wissen nicht, was aus ihrer Zukunst wird, was sie tun sollen. Und wieder klingt uns das Wort in den Ohren: „Unterschreiben Sie für die russische Revolution!". Wenn schon die Wohlhabenden unter diesen Russen nicht wissen, wie sich ihre Zukunft gestalten werde, um wie viel mehr sind die Armen zu bedauern, die an ihrem doppelten Elende so schwer zu tragen haben und gar nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Merkwürdig, wie man hier, um mit dem Propheten Eliahu zu sprechen, zwischen den Gegensätzen „hinkt", dem Frieden und der Seligkeit in der Natur und dem Kampfe und der „Unsälde", die Menschen sich bereiten. Deßhalb begebe ich mich am liebsten in den stillen Waldeswinkel, „Zur griechischen Quelle", die da verkündet: .,'Apiaxov |aev uowp- „Das Beste ist das Wasser". Es erquickt den Durstigen, es kühlt und erfrischt den Matten, es stärkt den Kranken. Wie herrlich sind doch die Gaben, welche Allmutter Natur in verschwenderischer Fülle spendet! Luft und Duft, Licht und Wasser — ein wahrer Ueberfluß an Reichtum ist es, den Wälder, Berge und Quellen über uns ergießen. Und die Menschen? Sie trüben sich das kurze Leben und das bischen Freiheit durch den leidigen Neid und ihr wüstes Gezänke. Weg also mit der Politik und dem Pokerspiel. Jä; es gibt hier Leute, welche die Wälder mit ihrer Politik nicht nur, sondern auch ' mit ihrem Pokerspiel verpesten. Wie wollen diese ihre Nervosität los werden? Und die blassen Damen aus Rußland, die mit den rotgebundenen Büchern, den unmöglichen Hüten und den dünnen Spazierstöckchen, wie verzerrt sind ihre Züge, wenn sie, die Karten in der Hand haltend, im „Angehen" ihre Gegnerinnen zu „umgehen" trachten! „Unterschreiben Sie für die russische Revolution", wieder höre ich diesen Ruf, aber immer mehr entfernt er sich, denn schon befinde ich mich in meinem lauschigen Waldwinkel, wo keine Revolution herrscht, sondern süßer, holder Friede. Aus diesem Frieden grüßt Sie heiter Ihr wohlaffektioniertcr „Moscheh ben Ahron“.

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