Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite f>64 Dr. Bloch's Wochenschrift. dir. 34 hohen Ehrenzeichen beitragen, die sich Brüder unseres Stammes in Italien erworben haben. Italien, das nach dem abessynischen Krieg am Rande des Staatsbankerottes stand, ist in den letzten Monaten in die Lage gekommen, seine vierperzentige Staatsschuld in eine dreieinhalbperzentige zu verwandeln. Das Verdienst an diesem finanziellen Triumph gebührt einem patriotischen Juden, dem ehemaligen Schatzminister, jetzigen Deputierten Luzzatti, welcher die Verhandlungen führte, den Gesetzentwurf ausarbeitete und im Parlament das Referat erstattete. Angehörige aller Parteien gaben ihm aus diesem Anlaß ein Festbankett, und die Gastgeber, der Finanzminister Majorana sowie alle Blätter feierten Luzzatti als hervorragendsten Finanzier des Reiches. Als Schatzminister hat der Gefeierte schon bei Abschluß der Handelsverträge von Wilhelm II. das Großkreuz des Roten Adlerordens bekommen. Was seine Arbeit bei der Rentenkonversion anbetrifft, so wird sie am besten beleuchtet durch einen Brief, welchen der Deputierte Luzzatti anläßlich der Rentenkonversion vom deutschen Botschafter Grasen Monts erhalten hat. Der Brief lautet: „Der deutsche Reichskanzler Fürst Bülow, ein Bewunderer des Genius Euerer Exzellen;, beauftragt mich. Ihnen seinen aufrichtigen Glückwunsch für den glänzenden Erfolg der von Ihnen erdachten großartigen Operation der italienischen Rentenkonversion zukommen zu taffen. Diesen angenehmen Auftrag erfüllend, bitte ich Sie, mit jenem des Reichskanzlers auch meinen persönlichen, lebhaftesten Glückwunsch und den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung zu genehmigen. Euerer Exzellenz ergebenster Monts." .Ist cs nicht der schwerste Jammer für unsere Ehrlichkeit und unser Ehrgefühl, daß derselbe Kaiser und sein Kanzler für einen Juden ihre höchsten Orden und Bewunderung haben, die es zu Hause für undenkbar halten würden, einen Stammesgenoffen Luzzattis in ein höheres Amt aufrücken zu lassen? Stöcker und Liebermann find in Deutschland mächtiger als die Wahrheit, die einen Juden im Glanze internationaler Berühmtheit zeigt, als besten Diener seines Vaterlandes, das ihn ohne Hindernis an den Platz ließ, dem seine Fähigkeiten entsprachen. Und hier in Oesterreich müssen Sektionschefs zum Tauskessel und zu den Klerikalen gehen, auch wenn sie die berühmten Gründer der neuen Zivilprozeßordnung sind. Ja, wenn man es noch durch Qualifikation bis zum Sektionschef brächte; aber das sind nur Andenken an eine gute alte Zeit. Heute kommen schon die Gesuche jüdischer Bewerber um bescheidene Beamtenposten, garniert mit Zeugniffen und Doktordiplomeu, mit ablehnendem Bescheid zurück und auf gar manchem steht auf der Rückseite die mit Bleistift geschriebene, geheimnisvolle Bemerkung, die man vergessen hat wegzuradieren: „Petent mosaisch". Ist aber Gesuchsteüer der Schützling eines antisemitischen Barrierestockes oder gar sein Sohn — ja, Bauer, das ist was anderes! Dann darf er, z. B. bei den Landesbahnen, auch ungestraft ein bißchen an der Kassa manipulieren, wenn er dafür nur ein tüchtiger christlichsozialer Wahlagitator ist, LuMtti und die vielen tadellosen jüdischen Staatsbeamten Italiens einerseits — die Skandaleim deutschen Kolomalamte und die typischen österreichischen Defraudantenprozeffe von Beamten andererseits — in dieser Zusammenstellung ist die Wahrheit aller Gründe enthalten, die man gegen jüdisches Beamtentum vorbringt. Damit ist aber das Wunderland Italien für uns noch nicht erschöpft. Hört nur die Leiden der jüdischen Lehrer in Oesterreich! Seit Jahren verirrt sich von uns kaum einmal ein weißer Rabe in die Lehrerbildungsanstalten. Weiß er doch, was seiner harrt: Bekommt er schließlich eine Stelle, so wird er mit allen möglichen Mitteln zurückgesetzt und drangsaliert, bleibt womöglich bis an sein Ende Unterlehrer. Die Juden könnten ja die Jugend mit ihrem Geiste vergiften, sagt Geßmann, der wohlerzogene Meisterschimpfer des Parlaments. Laffet das ja nicht zu! Sonst wäre vielleicht statt der klerikalen Lehrerin Büchler, die ihren Schüler verführte, ein anständiges jüdisches Mädchen dagewesen, das Denunziantenwesen in der Lehrerschaft hätte nicht so geblüht und das Plattenwesen wäre nicht so emporgeschossen, seitdem Lueger nur seine ProtSges anstellt. Wer jetzt noch nicht von der spezifischen Verderbtheit jüdischer Lehrer überzeugt ist, von denen man niemals eine Klage hört, dem ist nicht zu helfen. Gänzlich verloren und offenbar Eigentum der „Alliance Jsraslite" ist Italien, das einen jüdischen Lehrer, nein höher! — Oberlehrer, noch höher! — Direktor, noch höher! — ich wage es in Oesterreich kaum auszusprechen — das einen jüdischen Unterrichtsminister hat. Die Italiener scheinen also nicht zu fürchten, daß ihre Jugend in ein paar Jahren fließend hebräisch spricht und den Schulchan Aruch besser kennt als Ernst Schneider. Sie haben die „heiligsten Volksinteressen verkauft", wie unsere Antisemiten sagen würden, und nicht einmal das päpstliche Organ, der „Osservatore Romano", knüpfte eine Bemerkung daran. Offenbar hat sich der jüdische Unterrichtsminister, frühere Ministerialdirektor Rava, während seiner zehnjährigen Verwaltung enorme Verdienste erworben. Wieder ein hervorragendes Talent, das in unserem Staate ganz sicher auf dem heiligen Altar des Antisemitismus geopfert worden wäre. Erinnern wir uns noch an den früheren italienischen Kriegsminister Ottolenghi, der an hohen Feiertagen den jüdischen Tempel besuchte und dabei noch Zeit fand, die italienische Armee zu großer Stärke zu erheben; und sprechen wir das Wort nicht mehr aus: Es gibt keine Wunder. Daß Juden bis zum höchsten Rang im Staate gelangen, ist kein Wunder; sie sind klug, lieben das Vaterland und lieben die Ehre. Daß aber trotz der angeführten und vielen anderen glänzenden Gegenbeweise die antisemitische Verleumdung über jüdische Staatsdiener geglaubt und beachtet wird — das ist ein Wunder, das mit allem erklärt werden kann, nur nicht mit Gerechtigkeit und Logik. —y. Ig«a; Kurandaiiber Jüdische Kolonisation. Der nachfolgende Artikel, welchen der „Generalanzeiger" neuerdings abdruckt, stammt aus der Feder von Ignaz Kura n d a, der im Jahre 1841 von seinem damaligen Wohnsitz Brüssel aus die von ihm gegründete Zeitschrift: „Die Grenzboten" redigierte, eine Zeitschrift, die dann später an Gustav Freytag und Julian Schmidt überging und die sich namentlich in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eines großen Einflusses auf das politische und literarische Leben Deutschlands erfreute. In dieser Zeitschrift nun veröffentlichte Kuranda den nachstehenden hochinteressanten Artikel und zwar im Mai des Jahres 1843. „Die Herren von Rothschild haben, wie die Zeitungen melden, 250.000 fl. zur Erbauung eines neuen jüdischen Gotteshauses in Frankfurt und 100.000 Fr. zur Begründung eines jüdischen Hospitales in Jerusalem gespendet. Frankfurt ist die Vaterstadt dieser reichen Finanzfamilie, Jerusalem das Symbol des mosaischen Glaubens. Wir finden es natürlich, daß ein Mann an der Stelle, wo seine Wiege stand, und an dem Orte, welcher als die Wiege seines Glaubens betrachtet wird, ein Denkmal seines Daseins und seiner Pietät hinterlassen will. Es ist dies eine Privatsache, gegen die etwas einzuwenden Niemand ein Recht hat. Wohl aber hat man ein Recht, zu fragen, warum der Deutsche, dem Kräfte und Verbindungen zu Gebote stehen, wie nie ein deutscher Handelsherr sie je besessen; der Israelit, der eine Macht in Händen hat, wie sie keinem seiner Glaubensgenossen je geworden; warum, kann man fragen, verwendet dieser Mann seinen Einfluß und seine Mittel nicht zu einem Werke, wofür ihm Deutschland im Allgemeinen und seine Glaubensbrüder insbesondere Dank wissen würden? Wir wollen uns deutlicher erklären. Oft und dringend ist in den letzten Jahren von der Notwendigkeit einer plangemäßen Organisierung deutscher Auswanderung gesprochen worden. Man hat das traurige Los der schutzlosen deutschen Emigranten, die auf gut Glück sich einschiffen und oft nur schweres Unglück finden, mit den lebhaftesten Farben geschildert, während andererseits mit jedem Tage (wie die Not im Erzgebirge erst wieder gezeigt hat) das Bedürfnis der Emigration sich neu herausstellt. Ist es nun nicht natürlich, wenn, indem man die Kräfte und