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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-24 · 34 (24.8.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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2/ir. 84 Dr. 35locb's MocdenscvrM. Seite 563 die ja lächerlich schwach sind. Gewann endlich die heißersehnte Gunst der Junker und bezahlte die Gunst redlich mit reaktionärer Unverschämtheit. Gab es irgendwo ein jüdisches Unglück, so kam sicher sein Eselstritt dazu und er schaute immer ängstlich, ob ein hoher p. t. Adel dazu applaudiere, wenn er zwischen Jause und Theater den Stammesgeuossen jenseits des Taufbeckens eine Gemeinheit zufüge. Damit beeilte er sich in seinem Blatte, als endlich Dreyfus sein blutiges Recht nach Jahren der Qual erreicht hatte, und nicht einmal die wahnwitzigen Greuel russischer Judenpogroms bringen seine Lügen zum Schweigen, als er vor Sargen stand. Statt wie ein Donnerer flammenden Protest zu erheben, sucht der Mann mit dem vielen Geist in seinem schraubenlockigen Kopf Wendungen zusammen, um einem kämpfenden, strebenden Volk voll heißen Lebens auf gefahrlose Art ernste Wunden hinterrücks beibringen zu können. Sah wohl vor sich das alte Rezept mittelalterlicher Barbarei. Auch die Hexen wurden Form Rechtens nach einem Paragraph gehenkt. Der Harden druckte den Paragraph, nach welchem die russischen Juden massakriert wurden. Ob er die blonden russischen Riesen, die er entschuldigend an sein ehrliches Herz drückt, auch verteidigt hätte, wenn sein Vater von Posen nach Lodz ausgewandert wäre, statt nach Berlin? Nägel in den Augen, gespießte Kinder, Flammentod und Martern — aber Harden verteidigt. Jedes Argument einen Fußtritt wert, den die wirklich menschliche Gesellschaft noch hoffentlich nachtragen wird. Die Junker applaudierten wirklich. Man sagt auch dem Henker, wenn man ihn braucht: Hast Deine Sache brav gemacht! und verachtet ihn im Innersten. Harden ist glücklich für den belohnenden Schlag auf die Schulter. Aerzte her! Mich interessiert der Wahnwitz der Getauften und solcher, die es werden wollen . . . Ein Wort noch an die lobenden Liebhaber des wedelnden Skribenten. Sie und ihre Kollegen um die Throne der ganzen Welt herum haben es verhindert, daß man den Ansiedlungsrayon vor weiteren Aeußerungen christlicher Liebe durch energische Worte bei Stolypin beschütze. Sie hören es gerne, wenn den Opfern auch noch die Schuld beigemessen wird, denn sie hassen die Juden, wie ja die menschliche Bestie jeden auch noch haßt, dem sie schweres Unrecht zufügte. So vereinigten sie sich zum Schweigen, als das Blut zum Himmel schrie. Europa stimmte den Hooligans durch Schweigen zu, lutr der edle Harden und andere seines Schlages auch noch durch lauten Ausdruck. Man vergaß nur an eine Kleinigkeit : daß auch anderswo als in Rußland die Völker einander hassen uud die brutale Majorität das russische Radikalmittel gegen Andersgläubige auch anderswo leicht erlernen kann ... Anchialos, die ostrumelische Hafenstadt, wo die schwächeren Griechen von den stärkeren Bulgaren überfallen, massakriert und ausgeplündert wurden, war nur eine Fortsetzung der Methode, die in Rußland begann. Man wird doch die armen Hooligans diesmal nicht ausnahmsweise bestrafen, nachdem man vor zwei Monaten für ihre russischen Kollegen nur wohlwollendes Schweigen hatte? Es war nur eine Folge der gerechten Denkart des Volkes, das für alle das gleiche Recht wünscht — für Bulgaren uud Kosaken. Europa mischt sich in die Spaziergänge des Pöbels mit Gewehr und Fackel nicht hinein. So modernisierte sich Bulgarien russisch. Eine Regierung, die ihre blutigen Hände in Unschuld wäscht. Anklage gegen die Opfer. Belohnung der Täter. So garnichts war anders, daß man die Greuel auch mit dem russischen viamen bezeichnete: Die Pogroms von Anchialos. Diese ritterliche Austragung des Nationalitütenstreites braucht Europa nicht zu genieren, solange die Völker unter dem Längen- und Breitegrad der Türkei aufeinanderschlagen. Aber wer kann sagen, welche gut bewaffneten Majoritäten sich die vortreffliche, einträgliche und sichere Methode noch aneignen werden, die sich an den russischen Inden so glänzend bewährte? Die vornehmen Gesinuuugsgeuossen uud Hintermänner des Herrn Harden haben ja auch feindliche Volksstämme in den Gebieten, die ihrer Fürsorge unterstellt sind. Die werden vielleicht den ausgezerchneteu russischen Anschauungsunterricht mit Nutzen genießen wie die Bulgaren, und welcher innere oder äußere Krieg die Folge sein kann, wird kein Prophet beantworten. Es ist nun'schon einmal ein Eigensinn des verletzten Rechtes, daß es eine Seuche von Unrecht um sich verbreitet, wenn mau nicht den Krankheitsherd geheilt hat, auch wenn es nur das Recht der Juden war, das verletzt wurde. Unter diesem Gesichtswinkel waren die Pogroms denn doch nicht eine interne russische Angelegenheit, wie eine kurzsichtige Diplomatenzunft behauptete, als sie mit faulem Herz und Willen unseren Bitten eine Antwort gab. Die Pogroms sind zum Beispiel sitzt eine bnigarische Angelegenheit geworden und können noch Anderer Angelegenheit werden. Der Brand von Anchialos mag den schweigenden und redenden Verteidigern der Hooligans ein Flammenzeichen sein. I. U p r i m n y. Wunder des Hudens. Der moderne Antisemitismus birgt eine bittere Satyre. Er ist vom Hochverräter Schönerer erfunden und hat uns patriotische Juden um unseren staatsbürgerlichen Kredit gebracht. Man hat unsere Ansprüche an einem Berg von Lügen zerschellen lassen, die mit einer Art Scharfsinn des Wahnsinnes erfunden wurden. Man begnügte sich nicht damit, uns jede Tugend abzusprechen, man ging weit über das Ziel hinaus und dichtete uns alle möglichen Laster an. So seien wir nicht nur nicht Patrioten, sondern wir verkaufen und verraten das Vaterland; wir hätten nicht nur keine Spur von Nächstenliebe, sondern schlachten auch noch Christenmädchen; wir seien nicht nur lauter Kaufleute statt Arbeiter, sondern außerdem noch Wucherer. Es würde zu weit führen, den ganzen Schatz antisemitischer Propaganda zu heben. .Aber schon aus den angeführten Beispielen kann man sehen, in welche nachteilige Verteidigungsstellung wir geschickt him ingedrängt wurden. Wir haben nicht zu beweisen, welche guten Eigenschaften wir haben, sondern welche schlechten Eigenschaften wir nicht haben. Wir müssen froh sein, wenn man unsere Unschuld glaubt, und bringen es nie dazu, unsere positiven Fähigkeiten im allgemeinen Staats- und Gesellschaftsleben zur Geltung und Verwendung zu bringen. Wir müssen der Gewalt eines Lueger, Stöcker und ähnlicher Gesellen weichen und können weder in Deutschland noch mit wenigen Ausnahmen in Oesterreich daran denken, die militärische Laufbahn bis zu einem nennenswerten Rang zu verfolgen. Staats- und Kommunalbeamte oder Lehrer zu werden. So oft Jemand diefe gemeine Brutalität in einem öffentlichen Vertretungskörper vorbringt, dann erhebt sich der zuständige Reffortleiter und erledigt die Anfrage mit hochmütigen Phrasen, in denen mehr oder minder verschleiert die gesamte antisemitische Heilslehre enthalten ist. Dagegen helfen weder die Statistik unserer unverhältnismäßig hohen Steuerleistung, unseres Rekrutenkontingents, noch die unzähligen Beweise unserer bereitwilligen Staatsbürgerpflicht. Alles dieses fällt ins — Taufwasser, wenn ein Jude sich der Laufbahn in einem öffentlichen Amte widmen will. Ganz trostlos brauchen wir deswegen nicht zu sein. Wenn wir statt der bisherigen jüdischen Hofkriegsräte, Traumichnichts und Scharwenzler ein paar Vermittler und Wortführer mit dem Mund und Herz am richtigen Fleck bekommen, wenn wir einmütig hinter ihnen stehen, dann wollen wir denn doch sehen, ob Lueger für den Judenpunkt in unserem Staatsleben nicht nur der Herrgott ist, sondern auch bleibt. Dieser Lügenbrut über die Judengefahr in öffentlichen Aemtern könnten wir aber sür jeden Fall schon jetzt ein paar Dokumente auf den Tisch legen, die ihr den unermüdlichen Mund stopfen würden, wenn sie ein bischen Ehre im Leib und den mindesten Respekt vor der Wahrheit hätte. Diese Hoffnung muß man aber auch vor der Pforte des antisemitisel en Inferno fahren lassen, wie vor Dantes Hölle. Zu unserem eigenen Selbstbewußtsein und mutigen Stolz aber mögen die

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