Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 558 Dr. Bloch's Wortzrnsttzrift< Nr. 33 sehen gelangt, daß er in den Zwanziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Stelle eines Roschhakohols bekleidete. Als solcher erbaute er aus eigenen Mitteln ein jüdisches Spital „am Zuckermandl", welches aber nach einigen Jahren des Bestehens einer Feuersbrunst zum Opfer . fiel. Er besaß eigene Weingärten in Ratzersdorf, nur zu dem Zwecke, um Wein für „Kiddusch" zu bereiten und machte sich eine Ehre daraus, mit solchem Wein den berühmten Oberrabbiner R. Moscheh Sofer und die Dajanim versorgen zu dürfen. An seinem Tische speisten alltäglich, der frommen Sitte jener Zeit entsprechend, mehrere Arme und Talmudfchüler. Diese letzteren Pflegte er überdies mit Geld in der freigebigsten Weise zu unterstützen. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß im Jahre 1830 die ganze Wirtschaft zusammenbrach. Die Schulden wurden jedoch außergerichtlich ausgeglichen und mit geringen Resten seines Vermögens begann Moses Stern, welcher selbst schon an der Schwelle des Greisenalters stand, vereint mit seinem Sohne Aron Lewi Stern, einem tatkräftigen Manne, von Neuem den Juwelenhandel. Sie waren vom Glücke begünstigt und hatten es in wenigen Jahren wieder zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht. Dem damaligen Gebrauche gemäß besuchten sie regelmäßig die Pester und die Debrecziner Märkte. Als Moses Stern im Jahre 1837 in Begleitung seines Sohnes Aron Lewi und zweier Gehilfen aus der Rückreise von Debreczin begriffen war, wurde er in der Nähe von Szolnok von einem heftigen Unwohlsein befallen. Man mußte auf freiem Felde Halt machen und Aron Lewi ritt ins nächste Dorf, um ärztliche Hilfe zu holen. Bevor derselbe jedoch mit dem Arzt zurückgekehrt war, meldete ein ihm entgegenreitender Gehilfe den eingelretenen Tod des Vaters in hebräischer Sprache, damit der mitgekommene Arzt wieder zurückgeschickt werde. Dieser aber war unglücklicherweise ein getaufter Jude, der den Sachverhalt sofort begriff und von Aron Lewi ein bedeutendes Schweiggeld erpreßte, denn nach den strengen Gesetzen jener Zeit hätte der Leichnam, in Ermanglung eines nahen jüdischen Friedhofes, wohl aus dem nächstgelegenen Felde begraben werden müssen. Aron Lewi setzte nun den Körper des entseelten Vaters neben sich, aufrecht angelehnt, in den Reisewagen und hatte die ungeheuere Ueberwindung, durch 48 Stunden neben dem Leichnam zu sitzen, welcher unangefochten die Ofener Schiffsbrücke passierte und in Altofen angelangt unverzüglich aus dem dortigen Friedhofe bestattet wurde. Um Moses Stern trauerten außer der Gattin, welche ihn nur um ein Jahr überlebte, sechs Söhne und sechs Töchter. Zahlreiche Enkel und Urenkel desselben b.ben heute, den verschiedensten Lebensstellungen angehörig, in Wien, Budapest, Antwerpen. Jerusalem, Jaffa, New-Iork, Montreal und Toronto. Do« Meyerbeer und Muffet. „Romantische Interieurs", wie sie iw „Mercure de Francs" vom Jahre 1835 geschildert wurden, zieht Jules Vertäut im „Gaulois" wieder ans Licht. Besonderes Interesse haben für uns zwei hübsche Bilder, die bei Meyerbeer und Muffet einführen: „Meyerbeer wohnt Rue Richelieu im ersten Stock des „Hotel des Princes". „Ein kleiner Mann mit schwarzen Haaren, die wie das Gefieder eines Raben leuchten, wandelt einsam durch die weiten Räume. Seine Zü^e, die Kraft und Energie zeigen, erinnern unwillkürlich an das melancholische Aussehen jener stolzen Fischadler, die auf den höchsten Felsenklippen der Pyrenäen sitzen und sie nur des Nachts verlassen; diese Aehnlichkeit wächst noch durch die glänzenden Brillengläser, hinter deren zwei funkelnde, scharfbohrende Augen hervorblitzen. Die Wohnung, die sich dieser Mann ausgewählt hat, ist nicht luxmös eingerichtet, aber sie ist ruhig. Ein herrliches Klavier ist das einzige bemerkenswerte Möbel; und obwohl er einen großen Teil des Tages an diesem Instrument verbringt, will er von niemandem gebärt werden; daher müssen zwei Diener unaufhörlich die drei Gemächer behüten, die zu dem Allerheiligsten ihres Meisters führen, der mit seinen Tönen viel geiziger ist als mit seinen ungeheuren Reichtümern. Er empfängt sehr wenig Leute und diese nur zu bestimmten Stunden; wenn er ausgeht, dann genügt ihm eine einfache Droschke; des Abends gebt er allein, in Sinnen versunken, spazieren oder lehnt sich, ebenfalls völlig einsam, in den Hinte^g'-nnd einer Orchesterloge in der Oper. Dieser geheimnisvolle Mann ist Mtyrrbecr. Ganz nn Gegensatz zu Herrn v Chateaubriand, der die Katzen leidenschaftlich liebt, mit ihnen sprelt und sie an sich emporspringen läßt, hat Meyerbcer gegen diese Tiere einen unüberwindlichen Widerwillen und bekommt beim Anblick eines einzigen Kätzchens so starke nervöse Anfälle, daß er augenblicklich den Ort verlassen muß. Jüngst besuchte er Herrn Scribe auf deni Lai'd, um bei ihm zu speisen und einige Tage bei ihm sich aufznhalten; kaum sind die Pferde ausgeschirrt, kaum hat man ein wenig im Park gelustwavdelt, da läßt das Erscheinen der Frau Bayard, der Mutter des Herrn Scribe, Meyerbeer erbleichen; augenblicklich gibt er seinem Diener den Befehl, zur Abreise wieder anspannen zu lassen; man umringt ihn, man zeigt sich höchst beunruhigt über seine Gesundheit, man glaubt ihn schwer erkrankt; lange weicht er den Fragen aus, aber endlich gesteht er, daß die die Dame begleitende Katze ihm diesen Schauder eingeflößt habe. Man entfernte augenblicklich alle Katzen aus dem Landhaus, und Mcyerbeer ist nun wieder, wie er aewöhnlich ist, geistvoll, friedfertig und rätselhaft . . ." „Die Wohnung des Herrn Alfred de Muffet gleicht dem Atelier eines Bildhauers, ja fast dem Laden eines Gipshändlers, so viel Figuren und Abgüsse stehen hier überall herum; dazu stelle man sich die größte Unordnung vor, die man sich nur denken kann, nnsgerissene Schranktüren, aufgezogene Schübe, Kleider und W ische auf den Stühlen und dem Boden wirr verstreui, und man findet in diesem Interieur den Poeten wieder, wie man ihn vor fünfzig Jahren in den Lustspielen abnialte. Uebrigens kennzeichnen diese iluovbmuifl und diese Nachlässigkeit in den alltäglichen Dingen ganz wundervoll den geistreichen und zügellosen Dichter von „Eine venezianische Nacht" und den „Kameraden von George Sand". Literatur. Grunwatd M., Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Heft XIX, Jahrgang 1906, Nr. 3, Berlin, Calvary u. Co. Ihrem erweiterten Programm entsprechend, zumal als Organ des hiesigen Museumsvereins, ein Z e n t r a l b l a t t für sämtliche Sammlungen jüdischer Kunstgegenstände zu werden, beginnen die „Mitteilungen" diesmal mit einem Bericht über das Museum der israelitischen Gemeinde Braunschweig, welches der Herausgeber auf einer Reise entdeckt und dem Braunschweiger Landesrabbiner Dr. R ü l f zur Beschreibung empfohlen hat. Die nun vorliegende Skizze ist für Wien darum von besonderer Bedeutung, weil der Gründer des Museums, dessen Portrait uns auf dem ersten Blatt begegnet, Alexander David, aus dem Kreis der Glücket von Hameln, ein Vorfahr der Familie Pappenheim ist, die ja noch heute unter uns würdige Vertreter zählt. Auch bildet eine Zierde des kleinen Museums ein kostbares Geschenk, das Alexander David von der Kaiserin C h r i st i n e erhalten hat. Unter den interessanten Abbildungen fällt vor allem die kleine Megilla-Jllustration S. 94 auf, die uns die Juden — im jüdischen Kostüm des siebzehnten Jahrhunderts mit Lanzen zu Pferde! — im Kampfe mit den Persern zeigt. Dr. Wachstein liefert Redensarten und Sprichwörter aus Ostgalizien. Dr. Grunwald behandelt eine judendeutsche Handschrift aus dem 16. Jahrhundert, die über die Schicksale der oberitalienischen Juden vor und nach der Schlacht bei Marignano, über gewaltsame Taufen in Triest, über R. Schakna und seine Schule in Prag und anderes Ausschlüsse bietet. Von den judendeutschen Grüßen mögen hier zwei Proben folgen: der da hat beschaffen die Hirzen und hind, der sol behiten mein lieb geschwisterkind, das man ir gleichnis nit vieler find, das madlich mensch, das dich Gott sttbbarakll bensch (= Gott, gelobt sei Er, segne!), hajekara wehamaskeleth (= die Teuere und Kluge), Weis' as wie Koheleth. glück un' heil, das sei dein teil, un' gesundheit sei dir zu aller zeit bereit, un' lang leben geb dir, der all ding vermag, un' daß dir Gott bescher alls, was dein Herz begehrt, un' hunderttausend guter Jahr, die muffen dir all werden wahr. Es folgen eine „Fächerinschrift", bei der Seltenheit jüdischer Gerätinschriften umso bemerkenswerter, ferner Rätsel im Genre der Odannkkaketarves, zum Teil mit den deutschen bei Simrock völlig gleichlautend, und ein Kartenkunststück.