Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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^jmsamant- Bette 554 Dr. Blockes Wochenschrift. Nr. 33 voller Bereitwilligkeit widmete. Wie beliebt und angesehen dcr Heimgegangene, sowohl in unserer Stadt, als auch unter seinen Kollegen gewesen ist, bewies die Trauerseier, die am 20. v. M. auf dem alten Friedhofe auf der Losestraße stattfand. . Zwei Wagen, reich beladen mit Blumenspenden, fuhren dem imposanten Leichenzug voraus, der sich vom Trauerhause nach dem Friedhofe bewegte. Besonders herrliche Kränze hatten der Vorstand der Anwaltskammer und des Konsumvereins, denen der Heimgegangene als Vorstandsmitglied angehört hatte, sowie die Rechtsanwälte des Landgerichts, das Kuratorium der Fränkelschen Stiftungen, in deren Diensten der Verstorbene als Justitiar gestanden hatte, und der Synagogenvorstand gespendet. Zahlreiche Richter des Landgerichts und Kollegen, sowie Mitglieder derjenigen Wohlfahrtseinrichtungen und Vereine, denen der Verblichene angehört hatte, waren erschienen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Rabbiner Dr. Guttmann hielt die Leichenrede, in der er ein anschauliches Lebensbild des Verstorbenen entwarf und ganz besonders die Schlichtheit seiner Persönlichkeit und seinen Wohltätigkeitssinn hervorhob. Dann wurde der Sarg zum Grabe getragen und der Erde übergeben. Sein Andenken sei zum Segen! Paris. In der antisemitischen Presse der Seinestadt herrscht jetzt ein unglaublicher Ton. Die Judenfrage war für diese Preffc wohl immer ein bedeutender Punkt ihrer Tagesordnung, jetzt, nachdem der Kassationshof sein Urteil gesprochen, gibt es für sie in der Welt und im Leben überhaupt nur eine Frage — die der Juden. Vom aristokratischen „Gaulois", dessen Redakteur bekanntlich Arthur Mayer ist, bis zum pöbelhaften „Jntransigeant", von der „Patrie" bis zur „Libre Parole" hört man seit der Befreiung Dreyfus nur ein Wort „Tod den Juden", nur eine Frage gibt es noch im Leben zu lösen — die Judenfrage. Die russische Revolution haben die Juden provoziert, Deutschland dankt seine Macht den Juden, Japan habe nur dank dem jüdischen Gelde. gesiegt. Vermacht ein großer jüdischer Philanthrop größere Geldsummen für gemeinnützige Zwecke, toben die Antisemiten, das Geld sei doch crwuchert. Ueberläßt ein reicher Jude wenig den Armen, da wird erst recht gelärmt. Kurzum, es gibt nur noch eine Frage, ein Uebel, eine Ursache allen Unglücks — die Juden. — Das ist ein gutes Zeichen. Denn die großen Massen, einmal durch hohen Richterspruch überzeugt „que c’est ifes pas le juif qui fait toujours le mal“, daß es nicht der Jude ist, der immer böses tut, haben jetzt, bis eine neue Affaire ausbricht, den Namen Jude aus der Liste ihrer Erbfeinde gestrichen, und böswillig, wie sie oft sind, amüsieren sie sich jetzt über den „tiefen Schmerz" der „Calotte". Im besten Falle bleiben jetzt die. Massen angesichts der sanguinären Sprache der französischen Preßhoolygane gleichgültig, und keine Zeitung, die nicht direkt antisemitisch ist, reproduziert jetzt das blutrünstige Geschreibsel eines Rochefort oder Drumont. Maxim Gorkis Aufruf an Amerika um Unterstützung der russischen Revolution. Maxim Gorki hat von seinem Aufenthalt in Hurricane (Staat New-Aork) in russischer Sprache einen Aufruf an das amerikanische Volk gerichtet, die russische Revolution zu unterstützen. Der Aufruf lautet: Der Zar hat die Duma zerstreut. Der kleine Mann, der auf seinem Throne um Leib und Seele wie ein Espenlaub zittert, hat mit einem Federzug, mit einem Zucken seiner Hand, alles vernichtet, was in Rußland wie Gesetz aussah, und eine neue Kette von Morden, Räubereien und Gewalttaten beginnen lassen Die russische Regierung wird jetzt eine Politik brutaler und bestialischer Vergeltungsmaßnahmen einleiten. Die Henker und Diebe, die den Thron umstehen und ihn mit blutbefleckten Händen stützen, haben in diesen Tagen viele bittere und beleidigende Wahrheiten von den Lippen mutiger und ehrlicher Männer gehört. Sie werden sich dafür rächen und ihre Rache wird scharf sein. Erbittert, an Blutvergießen gewöhnt und durch die Herrschaft der Gesetzlosigkeit ermutigt, werden sie von neuem die Welt durch ihre Tktten in Schrecken setzen. Sie werden damit beginnen, daß sie die Führer des Volkes hinschlachten und ausrotten, und danach werden sie dem Volke den Krieg erklären, dem unbewaffneten und wehrlosen Volke, das von Frieden und Zivilisation träumt, und so ungeduldig auf den Triumph der Gerechtigkeit hoffte. Die schwarzen, blutdurchnetzten Schwingen des Todes werden Monate hindurch über dem Lande rauschen. Die erschöpfte Erde wird zu Tausenden die Leichname von Männern verschlingen, deren einziges Verbrechen der Wunsch war, ein menschenwürdiges Leben zu leben. Frauen und Kinder werden durch Kugeln, Schwert und Keule in Scharen umkommen. Viele schreiende Gewalttaten werden begangen werden. Abscheu und Empörung wird die Welt packen. Hier und da wird man öffentliche Versammlungen abhalten, in denen die Redner den Zaren und seine Bande von Wilden beredt anklagen werden. Beifall wird den Sprechern lohnen, und die Hörer werden die Versammlung in der stolzen Ueberzeugung verlassen, daß sie dem Rufe des unglücklichen Volkes eines fremden Landes entsprochen und so ihre Pflicht gegen die Menschlichkeit erfüllt haben. Zur selben Zeit wird das Blut der Russen in breiten Strömen fließen: Sind wir ein zivilisiertes Volk oder nicht? Ich meine, wir sind es nicht. Wir tun nur so, als liebten wir Leben und Menschheit, als achteten wir das Gesetz und verabscheuten die Verbrecher. Wenn meine Nachbarn menschliche Wesen in ihren Häusern überfallen und quälen und ich. obgleich ich das Stöhnen der Opfer höre, ihnen nicht zu Hilfe eile, wenn ich sie auch bemitleide, bin ich dann ein zivilisierter Mensch? Wenn auf der Erde, auf der ich lebe und meine Kinder aufwachsen, solche Taten des Greuels und der Gesetzlosigkeit geschehen, wie in Rußland und der Türkei, und ich zwar diese Taten verurteile, mich aber mit dem Gedanken tröste, daß in meinem Lande das Leben angenehmer, sicherer und besser ist, und so getröstet, zufrieden in meinem Loche lebe, bin ich dann ein zivilisierter Mensch? Menschen, deren Herzen das Gefühl der Brüderlichkeit der Nationen fehlt, sind nicht zivilisiert, sie sind noch Wilde. Menschen, die ruhig dahinleben, wenn alles um sie herum in Blut schwimmt, von der Gewalt gewürgt wird, sind nicht zivilisiert, sind einfach gesättigte Tiere. Menschen, die Kinder haben und sieinmitten gemeiner Anarchie und Gesetzlosigkeit aufwachsen und ihre Herzen durch den Anblick all der Korruption vergiften lassen, die die Welt entstellt, nein, solche Menschen sind nicht zivilisiert. Die Welt ist für alle, und jedermann hat ein Recht an ihren Freuden. Wer das erkennt, wird kein untätiger Zeuge seiner Mitmenschen bleiben. Die Menschen sind Brüder. Wer das fühlt, wird kein gleichgiltiger Zuschauer bei der Ermordung seines Bruders bleiben, sei dieser Angelsachse, Jude oder Russe. Mehr Liebe und Achtung für das menschliche Geschlecht! Das ist die wahre Zivilisation. Das Streben, die Zahl der gewissenhaften, weisen und ehrlichen Menschen, die an das Gute ihrer Arbeit glauben, zu vermehren, das ist der wichtigste Zug wahrer Zivilisation. Alle wahrhaft zivilisierten Menschen müssen dem duldenden Märtyrervolk Rußlands helfen. Das ist ihre Pflicht, das sollte ihre Freude sein. Denn einem menschlichen Wesen zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen, darin müssen die Menschen das Bewußtsein ihrer eigenen Bedeutung in der Welt, die stolze Rechtfertigung ihres eigenen Lebens finden. Das Leben des Tieres ist sinnlos, das Leben des Viehes ist abstoßend, und unedel und widerlich ist das Leben des Bibers und anderer Tiere, die im warmen Dunkel ihrer unterirdischen Löcher leben. Die Menschen sollten das Leben in einem weiteren und tieferen Sinne erfassen. Die Welt ist mein Hans, und nichts, was darin geschieht, sollte vorübergehen, ohne mein Herz zu treffen. Und wenn sich solche zum Himmel schreiende Schrecklichkeiten ereignen, wie die, die wir gegenwärtig in Rußland mitansehen, können wahre Männer und Frauen nicht ruhig bleiben. Dem russischen Volke bei der Eroberung seiner