Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. DLocv's Mocdenscdrrn. Seite 547 biete hat die „Alliance" in einem Jahr 753 Knaben (Kosten 61.017 Fr cs.) und 770 Mädchen (350 in Saloniki, Kosten 25.000 Frcs) heraugebildet. Den Abschluß des allgemeinen Teiles bilden die Berichte über die landwirtschaftlichen Betriebe in Mikmeh Israel bei Jaffa und in Djedeida. Mit großer Zähigkeit und Energie geht man an beiden Orten daran, dem Herzenswunsch aller Juden zu entsprechen und möglichst viel jüdische Landarbeiter heranzuziehen. Mikweh Israel hatte einen Bestand von 72 Schülern, einen Betriebsüberschuß von 8000 Frcs. (Investitionen nicht gerechnet). Die Schüler bleiben größtenteils beim Beruf, sind arbeitsfreudig und zufrieden, wenn sie Arbeiter werden. Auch Kolonistensöhne kommen zur Ausbildung in die Anstalt. Die Anstalt in Djedeida war von Unglück verfolgt. Dürre und Viehsterben haben ein Defizit von 2000 Frcs. gebracht, aber auch die jüdischen Pächter der „Alliance" ruiniert und entmutigt. Man hat ihnen unter die Arme gegriffen. Der Schülerbestand betrug 60 Zöglinge. Im allgemeinen wird festgestellt, daß ein Stadtkind 5 bis 6 Jahre brauche, ehe es zur Landwirtschaft tauglich wird. Nur in flüchtigen Umrissen konnte das Bild der „Alliance" gegeben werden, ein riesiges Panorama, das die Welt umspannt. Eine Pflegerin jüdischen Lebens, seiner ehrlichen Arbeit, seiner brüderlichen Liebe, gewinnt sie die Herzen der Geber und der dankbaren Empfänger. Ausdrücklich sei es gesagt — nicht der Empfänger von Almosen, sondern von Fürsorge und Bildung. Das ist ein unbeschreiblich hohes, unbeschreiblich großes Segenswerk, welches jedem Juden die Verpflichtung der Mitarbeit auferlegt. Es wäre sehr wünschenswert, daß die „Alliance" ihren Willen und ihre Erfahrung in noch größere Taten umsetzen könnte, wenn ihr alle jüdischen Brüder die Kraft dazu geben. Etwas über die Trachten der Inden iw Mittelalter. Wenn wir unsere nach neuester Mode und im reichsten Luxus gekleideten Damen betrachten, so drängt sich uns unwillkürlich die Frage auf: „War es ehedem wohl ebenso im Deutschen Reich, oder ist diese Prunk- oder Gefallsucht nur ein — ich möchte sagen, krankhafter Zug unserer Tage? Leider fließen die Quellen, welche diese wahrlich nicht aus Neugierde aufgeworfene Frage beantworten können, nur sehr spärlich; Modezeitungen und Journale aus der Zeit des Mittelalters sind uns nicht aufbewahrt, und wären sie es auch — von den Juden wurde in dieser Beziehung sehr wenig Notiz genommen. Es mag dieses der Vergangenheit sehr zu Nutzen kommen und ihr den Namen der „guten, alten Zeit" vielleicht mehr zuwenden, als sie es verdient. Hiermit soll keineswegs der Aufwand, wie er in der Jetztzeit sich kund gibt, entschuldigt werden, in einer solchen auffallenden und mit Recht oft gegeißelten Weise haben es unsere durch die Umstände an Einfachheit und Schlichtheit gewöhnten Altvordern auf deutschem Boden nicht getrieben, wiewohl auch sie im Großen und Ganzen ihrer Zeit Rechnung getragen haben. Die jüdischen Frauen kleideten sich während des Mittelalters schlicht und recht wie die Christinnen, nur ihr Kopfputz war verschieden; die jüdischen Männer hatten keine andere Tracht, als die einfache ihrer christlichen Mitbürger. Sie kennzeichneten sich durch nichts anderes als durch den gelben, trichterartig geformten Judenhut, diesen Hut, dem in einer Geschichte der Juden des Mittelalters ein ganzes Kapitel eingeräumt werden müßte. Der Judenhut fehlte nirgends. Nicht allein das Haupt des schachernden und feilschenden Juden, sondern auch das des frommen Beters vom jüdischen Stamme ist mit dieser Coiffure gezeichnet, die wahrlich nicht ihn schändet und ihrer Bestimmung gemäß nicht ihm zur Entwürdigung gereicht. Die Bilder einiger betender Juden, drei an der Zahl, befinden sich als Miniaturgemälde in einem Machsor. Sie find nach dem in der Universitätsbibliothek zu Leipzig aufbewahrten Original von Hefener-Alteneck, dem Herausgeber des Prachtwerkes „Trachten des christlichen Mittelalters" gezeichnet und seiner schätzbaren Sammlung einverleibt worden Das Machsor besteht aus einer Pergament-Handschrift in zwei großen Bänden, deren ganze Ausschmückung im Geschmack der christlichen Miffalien aus derselben Periode behandelt ist. Es ist reichlich mit Gemälden, sowie mit vergoldeten und ornamentierten hebräischen Initialen versehen. Höchst auffallend findet es Hefener-Alteneck, daß die orientalischen Gefichtszüge und Geberden dieser Juden karikaturartig übertrieben find; auch das ist ein charakteristisches Zeichen jener Zeit. Der christliche Künstler, welcher dieses großartige Werk seltener Art für die Juden anfertigte, schafft seinem etwa beschwerten Gewissen dadurch Erleichterung, daß er den ihm mit schwerem Golde lohnenden Juden statt Bildern Karikaturen lieferte. Nur um ein weniges unterscheiden sich die Trachten der auf diesem Gemälde erscheinenden Juden von der christlichen Haustracht: der eine ist in einen weißen Mantel gehüllt, welcher nach damaliger Sitte mit roten Streifen besetzt ist, der andere trägt ein gelbes Unterkleid und einen trübroten Mantel. Die Zeichnung einer anderen Gruppe aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts findet sich in der handschriftlichen Chronik des Ulrich von Reichenthal auf dem Rathause zu Konstanz. Es sind Juden im feierlichen Auszuge. An solchen Huldigungszeremonien hatten es die Nachkommen Israels das ganze Mittelalter hindurch nicht fehlen lassen. Bei dem großen Feste der Besitznahme eines erwählten Papst! s von dem apostolischen Stuhle mußten die Juden Roms in festlicher Deputation ihm entgegenkommen. Mit ihrem heiligsten Kleinod, dem Pentateuch, erschienen sie dann an dem Wege, wo der päpstliche Triumphzug vorüberkam; sie sangen Loblieder, boten dem Kirchenfürsten, gleichsam als die Bibliothekare der christlichen Religion die Gesetzrolle dar, gewöhnlich nahm er sie an, las eine Weile darin oder stellte sich, als ob er lese, reichte sie dann hinter sich und sprach einige Worte, welche in den meisten Fällen die Herzen der um Erneuerung des Schutzes bittenden Juden wie Dolchstiche verwundeten. Diese Feierlichkeiten waren ein Vorrecht der Juden in der alten Weltstadt; nur einmal war es über die Juden in Konstanz verhängt, in die Rechte ihrer römischen Brüder einzugreifen, und zwar bei der Weihe des in ihrer Stadt während der großen Kirchenversammlung gewählten Papstes Martin V. Keiner seiner Vorgänger und Nachfolger ist je so feierlich geweiht worden. Er ritt auf einem weißen Roffe, das der Kaiser Sigismund und der Kurfürst von der Pfalz, beide zu Fuß, beim Zügel führten. Eine Menge von Fürsten und die ganze Kirchenversammlung bildeten den Zug. Ulrich von Reichenthal, welcher um diese Zeit als Domherr in Konstanz lebte, war Augenzeuge dieser 1417 stattgefundenen Feierlichkeit und beschreibt sie folgendermaßen: „Do er kam für das hus zum schlegel by sant laurenzen, und gingen im die Juden entgegen mit vil großen brinenden kertzen und hetten all ihren Habit an als sy an irem langen tag Hand — und trugen ire zehn gebott under ainem güldnen tuch mit vier stangen an einem küffen, das was rot samatti und hett vier zipfel und an jeglichem zipfel zwo schellen und wenn sy den stecken an ainem kuffe rürten, so lütten die schellen, und sungen vast hebräisch und da sy zu dem babst kamen, da knüweten sy alle nider und butten ihm die zehn bott und batten in, daß er inen ihr freyhait bestätte, als sy denn von andern babsten bisher gehapt hatten, do wolt der babst der gebott nicht — aber unser Herr der kung (Kaiser Sigismund) empfing sy und sprach: moyses gebott sind gut und rächt, aber sy wollen sy nit Version noch rächt halten. Do redt der babst etwas heimlichs. dos nit jederman verston kond und kart sich herumb zu den Juden und sprach lut, das es meneklich Hort: Omnipotens deus avertat velamen ab oculis vestris» afc possitis videre lumen eteme vite*) und segnet sy und sprach: *) „Möge der allmächtige Gott die Binde von euren Augen nehmen, auf daß ihr das Licht des ewigen Lebens schauen könnt."