Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 548 Dr. Llocos Mocdens^ontt. Nr. 38 — aber ein Kreuz an der Brust eines Juden war so was, das fie es nicht zu fassen vermochten. Sie begriffen, daß bei „ihnen" ein Kreuz solch eine Bedeutung hat, daß es den Verlust eines Armes und Beines ganz aufwiegt — und daß es „ihnen" tatsächlich einfallen konnte, Schlomke ein Kreuz anzubieten. Daß Schlomke aber dieses Kreuz auf der Brust tragen und es zeigen konnte, das konnten sie nicht begreifen. Es kam ihnen nicht nur halbfremd, sondern auch verdächtig vor. Denn ist es denn nicht möglich, daß Schlomke im Kriege nicht nur des Armes und des Beines, sondern auch dessen verlustig wurde, was für einen Hebräer teuerer als das Leben ist? Und jeder, der auf Schlomke zukam, um ihn zu begrüßen (und alle kamen auf ihn zu), betrachtete es als seine Pflicht nach den ersten Begrüßungsworten, mit einem Lächeln aufs Kreuz weisend, zu sagen: „Und was ist das?" „Das ist ein Sankt Andreas-Kreuz!" antwortete Schlomke ruhig und nicht ohne Stolz. „Und ist zwischen diesem und einem anderen Kreuz irgend welcher Unterschied? „Das versteht sich" — sagte Schlomke, den diese Frage sehr empörte. Obzwar diese Antwort sie nicht befriedigte, besaßen sie soviel Diplomatie, um einzusehen, daß es nicht angehe, mit solch wichtigen Fragen geradewegs hervorzutreten. Und so schlugen fie einen anderen Weg ein. Die ersten Schrttte dieser Diplomaten bestanden darin, daß man begann, Schlomke aufmerksam zu beobachten, um sich zu überzeugen, wie er sich der jüdischen Religion gegenüber verhalte, ob er ihr nicht untreu wurde und ob er das Kreuz ablegt. Aber weder das eine, noch das andere geschah. Er wurde nicht, wie es schien, seiner Konfession abspenstig, dachte aber auch nicht daran, aufs Kreuz zu verzichten. Da fanden die Diplomaten es für angezeigt, mit Schlomke in Unterhandlung zu treten. „Schlomke, warum trägst Du dieses Kreuz?" „Dieses Kreuzchen?" antwortete er mit einem Lächeln. „Es ist mir sehr teuer; es hat mich einen Arm und ein Bein gekostet. Nach meinem Tode wird man es mir ins Grab mitgeben müssen. Und wie ich vor dem Thron des Allerhöchsten stehen und Er mich fragen wird: Schlomke. wo hast Du Arm und Bein gelaffen? Dann werde ich das Kreuzchen vorzeigen und Er wird sehen, daß ich den Arm und das Bein nicht aus Leichtsinn und nicht durch eigene Schuld eingebüßt habe." Diese Antwort war für die Diplomaten unverständlich und höchst verdächtig. Als man sich überdies überzeugte, daß Schlomke, selbst wenn er nach der Synagoge geht, das Kreuzchen nicht ablegt, gerieten fie so außer Rand und Band, daß sie nicht wußten, was beginnen: ob Schlomke aus dem Kreis der strenggläubigen Hebräer auszuschließen sei oder die ganze Sache laufen zu lassen. Schließlich beschlossen die Diplomaten, sich zum Rabbiner um Aufklärung zu begeben. Der Rabbiner ließ sich erzählen, dachte eine Weile nach und stellte ihnen die Frage: „Und wer hat ihm das Kreuz gegeben?" „Er sagt, der Oberbefehlshaber selbst" — antworteten die Diplomaten. „Also nicht irgend ein Geistlicher und nicht in der Kirche?" „Nein, gar kein Geistlicher." „So ist die Sache klar." „Ja, aber immerhin ist ein Kreuz..." „Ein Kreuz", unterbrach fie der Rabbiner, „ist dann ein Kreuz, wenn es in der Seele des Menschen und nicht bloß auf seiner Bmst sestfitzt. Man kann auf der Brust ein Kreuz tragen und in der Seele der beste Jude sein." „Er geht aber mit dem Kreuz in die Synagoge!" Der Rabbiner lächelte. „Und ihr glaubt, Gott läßt sich betrügen und wenn er auf Schlomkes Bmst ein Kreuz erblickt, er ihn als Christen betrachten wird? Seid ruhig! Gott sieht die Gedanken und Empfindungen des Menschen und urteilt nicht nach der Außenseite» sondern nach seinen Taten» den verborgensten Gedanken und Gefühlen. Schlomke könnte sich zwanzig Kreuzchen anheften; wenn seine Seele nur jüdisch ist, wird er Gott gegenüber immer ein Jude sein. Obwohl die Diplomaten dieser Antwort nichts vorzuwerfen hatten, vermochten sie dennoch nicht, sich mit dem Gedanken zu befreunden, daß die Dekorierung mit einem Kreuze eine Wonne für einen Juden wäre. Schon Schlomkes Starrsinn und Unnachgiebigkeit waren nicht jüdisch. Die Diplomaten hörten auf, Schlomke zu verstehen .. . (Ende.) Literatur. Jüdischer National- und Jahrzeit-Kalender .(p-w mb) Von Oberkantor M. F a u st, B e l o va r. Der Mangel eines vollständigen, besonders eines jüdischen Wandkalenders ist trotz des großen Aufschwunges der Kalender- Industrie noch immer ein fühlbarer gewesen. Das Judentum hat durch die Anpassung seines Lebens an die Gewohnheiten der Völker, unter denen es zerstreut ist, auch mit Bezug auf die Zeitrechnung den bürgerlichen Kalender angenommen und den Gebrauch des eigenen Kalenders soweit zurückgesetzt, daß dieser nur noch zu rituellen Zwecken verwendet wird, und nur zu oft werden auch Jahrzeiten und Barmizwah nach bürgerlicher Zeitrechnung abgehalten. Mit der Neuerscheinung des jüdischen National- Kalenders ist es gelungen, diesem Uebel zu begegnen. Das jüdische und bürgerliche Kalendarium, samt den dazugehörigen liturgischen und biblischen Erläuterungen, historischen und astronomischen Daten, ist durch die Vollständigkeit und klare Darstellung derselben ein verläßlicher Berater seltener Art. Besonders nützlich ist die praktische Anordnung der 52 Jahrzeit- und Barmizwah-Tabellen zum Äblesen der Gedenktage, sowie die genaue Berechnung für Tag- und Nachtbeginn für 8 Hauptstädte Mitteleuropas. Dieser jüdische Wochenabreiß-Kalender, ist ein unentbehrliches Handbuch für jede jüdische Familie und die Kultusbeamten, und sind wir überzeugt, daß dieser Kalender dem allgemeinen Bedürfnisse entspricht und bald in jeder jüdischen Familie zu finden sein wird. Neue Bücher. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Frankel, fortgesetzt von Profeffor Dr. H. G r a e tz und Dr. P. F. Frankl, neue Folge, im Verein mit Professor Dr. David Kaufmann ins Leben gerufen und herausgegeben von Dr. M. B r a n n. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Fünfzigster Jahrgang. Mai-Juni 1906. Breslau. Koebnersche Verlagsbuchhandlung. (Barasch u. Riesenseld.) Inhalt von Heft 5—6. R. Urbach: Judentum und Christentum. S. I a m p e l: Studien zum Buche Esther. (Fortsetzung.) A. Lewin: Die Blutbeschuldigung in oberbadischen Liedern aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Moritz Steinschneider: Mathematik bei den Juden (1551—1840). lFortsetzung.) L. Geiger: Die Juden und die deutsche Literatur. A. Wolf: Ein Brief David Friedländers an Moses Moser. Notizen von L. Löwenstein und von M. Brann. Besprechung: Lambert, Mayer, et Brandin, Louis. Glossaire höbrew-franQais da XIIIe siede. Von S. Poznünski. S. Pascheles' Israel, illuftr. Bolkskalender ist soeben in seinem 54. Jahrgang im Verlage vom Samuel W. Pascheles, Prag, Zeltnergasse, erschienen. Außer dem kalendarischen Teile und den vielen dem Kaufmanne nützlichen Beigaben enthält dieses allbekannte Jahrbuch zahlreiche Biographien, Aufsätze und Illustrationen» sowie eine interessante Prager Ghetlogeschichtki Hervorzuheben sind das Bild