Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Llocb's Mocbenscbrm. Seite 541 gestalten, hat sich ein Lokalkomitee gebildet, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Teilnehmern am Abituriententage bei rechtzeitiger Anmeldung lustige oder womöglich kostenlose Wohnungen zu verschaffen. Auch für ein Vergnügungsprogramm sind bereits alle Vorbereitungen getroffen. Alle Diejenigen, welche an dem Tage teilnehmen wollen, werden aufgefordert, ihre Adresse nebst genauer Angabe ihrer Ankunft dem Schriftführer des Lokalkomitees Alnt. Walther Teinowitz, Karlsbad, „Haus Tuskulmn" mitzuteilen. Die Mitglieder des Lokalkomitees sind an stahlblauen Schleifen erkenntlich. Für das Lokalkönntee: Med. Walther Kohner. Szczakowa. (Verlobung.) Herr Josef W a l l n e r, Sohn des vor einigen Monaten verstorbenen langjährigen Bahnhofrestaurateurs in Szczakowa (Galizien) verlobte sich mit Fräulein Irma Bella k, Tochter des Herrn Salo B e l l a k aus Mäh r.-O st r a u. Lipto -Szent - Miklos. (Aufruf.) Die Lipto- Szent-Mikloser israelitische Kultusgemeinde feiert in Verbindung mit der Einweihung des neuerbauten Tempels den 60jährigen Bestand ihrer Elementarschule am 9. September 1906. Das Arrangierungskomitee erachtet es für seine Pflicht, hievon die gewesenen Schüler dieser Schule auf diesem Wege zu verständigen und gleichzeitig zu ersuchen, durch Angabe ihrer derzeitigen Adresse dem Komitee es zu ermöglichen, daß ihnen das Programm der Festlichkeit übermittelt werde. Feuilleton. Das Sankl-Arrdreas-Krenz. Eine Skizze aus dein russisch-japanischen Kriege Von M. Pruwansky. Deutsch von H. S. (Schluß.) Erst nach vier Tagen erwachte er im Spital und erlangte wieder das Bewußtsein. Bis zu dieser Zeit, obwohl er auch lichte Momente hatte, war er von den furchtbaren physischen Schmerzen, die sein ganzes Wesen ausfüllten, absorbiert. Für andere Gedanken und Empfindungen war in ihm kein Raum. Wenn in seinem Kopfe irgend ein Gedanke auftauchte, war es wie zufällig, ohne logischen Zusammenhang, ohne Anfang und Ende. Es waren dies keine eigentlichen Gedanken sondern bloß ein Ausdämmern, das kaum aufrauchend, sofort verschwand. Er war sich nur seiner eigenen Leiden und erst dann bewußt, als seine Nerven vom Schmerz abgestumpft waren und er, im Lazarett liegend, frei denken konnte. Was mit ihm geschehen und auf welche Weise er ins Spital gelangt war -- wußte er nicht. Er erinnerte sich nur des letzten Momentes, als etwas Schreckliches über seinem Haupte schwirrte, worauf er ein Gefühl empfand, als krabble ein Ameisenhaufen auf seinem ganzen Körper — und weiter wußte er nichts mehr. Als er begriff, daß gar keine Gefahr sein Leben bedrohe, daß man ihm aber einen Arm und ein Bein amputiert habe, freute er sich nicht, aber der Gedanke beruhigte ihn, daß es noch ein schlimmeres Ende hätte nehmen können: er hätte getötet werden können. Es war also so der Wille Gottes. Es ist seine Bestimmung, ohne Arm und Fuß zu leben. Aber neben der himmlischen Logik und Gerechtigkeit existierte auch eine irdische. Und Schlomke begann den Verlust des Armes und des Beines vom Gesichtspunkte der irdischen Logik und Gerechtigkeit in Erwägung zu ziehen. „Wenn man einen Ochsen oder ein Kalb totschlägt", räsonnierte er, „ist gar keine Logik und Gerechtigkeit notwendig. Wenn man aber zu einem Menschen sagt: Komm und sterbe, so muß man ihm auch sagen warum, wie auch, was für Nutzen er für den Fall, daß er nicht sterben, sondern am Leben bleiben wird, davontragen wird. Sonst ist zwischen einem Ochsen, einem Kalbe und einem Menschen gar kein Unterschied. Mir hat man befohlen, zu marschieren, und das Leben, diesen von Gott erhaltenen teuersten Schatz, ohne jeden Nutzen und Vorteil zu opfern. Kann es für einen Menschen etwas Erniedrigenderes geben?" Und Schlomke fühlte sich sehr erniedrigt und beschimpft. Sein Unrecht war einem Fleck ähnlich, den man nicht los werden kann und der immer von seiner Schmach Zeugenschaft ablegen wird. Da begann einst in der Baracke, in welcher er lag, große Bewegung und Geschäftigkeit zu herrschen. Die Aerzte, die Barmherzigen Schwestern, die Wärter rannten hin und her, augenscheinlich wurde jemand erwartet. Nach einigen Minuten erschien auch wirklich beim Eingang der Oberkommandierende mit einem Gefolge von Generälen und Offizieren. Der Oberbefehlshaber schritt die Baracke entlang, blieb vor den Bettstellen stehen, unterhielt sich mit den Kranken und belohnte manche mit Orden. Als er auf Schlomke zukam, machte er Halt, lächelte und sagte: „Wie geht es dir, Bruder. Wie befindest du dich?" „Exzellenz, es geht mir gottlob schon besser!" entgegnete Schlomke. Der Chefarzt, der den Oberkommandierenden begleitete, beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm etwas zu. „Ach so", sagte der Oberbefehlshaber' und hob den Blick vom Gesicht des Patienten zu dem über dem Bette hängenden schwarzen Täfelchen empor. „Du heißest Epstein?" fragte er. „Zu Befehl, Exzellenz." Da nahm der Oberkommandierende aus der Hand des Adjutanten ein Schriftstück, überflog es mit den Augen, dann zog er aus einem Packet ein weißes Kreuzchen mit dem Bande des heiligen Andreas hervor und sagte: „Mein Bruder, obwohl du ein Jude bist, kannst du das Kn uz, das ich dir verleihe, mit demselben Stolz auf der Brust tragen wie wir alle, ohne Rücksicht aus deine Konfession. Du hast es gut verdient. Ich danke dir!" Bei diesen Worten heftete er das Kreuz an die Bettdecke, an die Stelle, unter welcher die Brust des Kranken sich barg. „Ich werde mir gerne Mühe geben, Exzellenz", Hub Schlomke mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen an. Aber der Oberbefehlshaber lächelte trübe und sagte: „Gib dir nur Mühe, recht bald gesund nach Haus zurückzukehren. Du hast schon genug getan. Na, leb wohl!" Und er ging weiter, von der ganzen Suite gefolgt. Diese Szene machte auf Schlomke solch einen tiefen Eindruck, daß er durch eine geraume Weile sich nicht zu fassen vermochte. Dann langte er mit der gesunden Hand nach dem Kreuzchen, führte es an die Lippen und küßte dieses Symbol der Tapferkeit und der Manneswürde. Dieses kleine, weiße Kreuzchen adelte ihn, hob den Erniedrigten und machte ihn anderen Menschen gleich, ihm Eigenschaften zuerkennend, worauf andere Leute stolz sind. Sein vergossenes Blut, fein Gebrechen fand jetzt eine Erklärung, es erniedrigte, verunglimpfte ihn nicht mehr, sondern richtete ihn empor und umgab ihn mit einer strahlenden Gloriole . . . * * * Vier Monate später erschien Schlomke mit samt seinem Stelzfuß in seinem kleinen patriarchalischen Geburtsstädtchen. SeineHeimkehr war für dasselbe ein Tagesereignis. Vom ersten Moment lenkte er umsomehr die Aufmerksamkeit auf sich, als auf seiner Brust, aus der Soldatenblouse ein weißes kleines Kreuzchen prangte. Alle wußten, daß man im Krieg nicht nur einen Arm und einen Fuß, sondern auch den Kopf verlieren könne, und so verwunderte man sich nicht allzu sehr über das Fehlen dieser wichtigen Körperteile bei Schlomke. Sie bedauerten nur, daß ein netter, junger und gescheiter Mensch solch nnentbehrlicher Gliedmaßen beraubt sein müsse. Die Schrecknisse des Krieges, von welchen Schlomke erzählte, waren gleichfalls für niemanden eine besondere Ueberraschung. Ein Krieg ist eben so; jeder hat Schrecken und Grauen im Gefolge. Als die Römer Jerusalem zerstörten, wurde das jüdische Reich von größeren Schrecknissen heimgesucht. Für die Glaubensgenossen war nur das Kreuzchen auf Schlomkes Brust eine Ueberraschung. Ein Jude — und auf seiner Brust ein Kreuz! Das war etwas Unerhörtes. Sie wußten, daß andere Soldaten, Christen, Medaillen und Kreuze auf der Brust tragen