Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 537 An die österreichischen Rechtsgelehrten richtete Herr Doktor Max Nordau den Appell, eine Revision des Hilsner-Prozesses durchzusetzen. Hiezu fehlte die Handhabe, „ein neuer Umstand", der bei dem Prozesse entweder nicht bekannt oder nicht beachtet wurde. Auf einen solchen Umstand glaube ich hingewiefen zu haben, und ich appelliere an den Vorstand des Vereines „Union", an den Verteidiger Hilsners, Herrn Dr. Aurednieek, sowie an Alle, die in dieser Angelegenheit das Recht zur Geltung bringen wollen, und stelle das Ansuchen, dahin zu wirken, daß auch wegen der fünf Frauenmorde, die Dittrich laut seinem Bekenntnisse in Böhmen beging, eine regelrechte strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet wird. Die natürliche Folge hievon dürfte sein, daß die Revision des Hilsner-Prozesses sich von selbst ergeben würde. Prag, 4. August 1906. I. S. Kraus. Arischer Blutabergla«-«». Taten, inspiriert vom finstersten Aberglauben, bildeten den Gegenstand der Verhandlung vor der Strafkammer in Schrimm (R.-B. Posen). Angeklagt war der Landwirt Franz Ogrodowski aus Roheim, dem die Anklage zur Last legt, zahlreiche Leichenschändungen verübt und Friedhofsanlagen und Gegenstände, die zur religiösen Verehrung bestimmt sind, in zahlreichen Fällen vorsätzlich beschädigt, beziehungsweise zerstört zu haben. Die erste Leichenschändung wurde im März 1905 in Moschin verübt. In der Nacht vom 28. Februar zum 1. März 1905 wurde auf dem jüdischen Friedhofe in Moschin das Grab des etwa drei Wochen vorher beerdigten Tischlermeisters und Handelsmannes Markus Rosenberg gewaltsam geöffnet und aus dem gleichfalls geöffneten Sarge von der Leiche der Kopf abgetrennt und entwendet. Man stand vor einem Räthsel. Feinde hatte der 82 Jahre alt gewordene Verstorbene nicht gehabt, im Gegenteil, er hatte sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Der Verdacht lenkte sich auf den Angeklagten, dem dann noch andere Leichenschändungen zur Last gelegt wurden. O. sollte aus Aberglauben eine Anzahl von Köpfen um mitternächtliche Zeit aus gewaltsam geöffneten Gräbern geraubt und in seinem Pferdestalle verscharrt haben, um Glück in der Viehhaltung zu haben. Er äußerte auch öfters, Kuchen, der von einem Juden stammt, wäre für das Vieh gut zu verwenden und dergleichen Redensarten. Die Beweisaufnahme fiel zu Ungunsten des Angeklagten aus. Der Kreisarzt begutachtete, daß weder ein Intelligenzdefekt, noch eine Bewußtseinsstörung bei dem Angeklagten vorliege. Der Staatsanwalt beantragte für jeden der vier Fälle das Höchstmaß von zwei Jahren Gefängnis und eine Gesamtstrafe von sieben Jahren und fünf Jahren Ehrverlust. Der Gerichtshof erkannte demgemäß. Budapest. Unterrichtsminister Gras Apponyi hat in Anbetracht des Umstandes, daß die Regulative betreffend den Unterricht in den israelitisch-konfessionellen Schulen teils lückenhaft sind, teils aber deren Textierung mit dem Gesetze in Widerspruch steht, für diese Regulative einen einheitlichen Text festgestellt und diesen den Munizipien zugehen lassen. Diese Verfügung des Ministers, von welcher bei Gutheißung von Statuten israelitischer Kultusgemeinden und Bethausvereinen nicht abgesehen werden darf, besteht aus zwei Teilen. Er umschreibt die Agenden und den Organismus des Schuljahres; sein Zweck ist die Sicherung der wirksamen Einflußnahme und Kontrolle seitens des Staates, in erster Reihe durch Jnaugurierung einer größeren Publizität. Ferner hat Graf Apponyi, und zwar anläßlich eines konkreten Falles verfügt, daß jene Mitglieder einer israelitischen Kultusgemeinde, die im selben Orte in den Verband einer anderen israelitischen Kultusgemeinde eintreten, die auf sie vorschriftsmäßig ausgeworfene Steuer noch fünf Jahre nach ihrem Austritte zu bezahlen haben. Berlin. In der letzten Sitzung des Ausschusses der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums waren anwesend die Herren: Adler, Brann, Cohen, Karpeles, Lukas, Philippson, Porges, Simonsen, Weiße. Entschuldigt die Herren: Bacher, Bärwald, Baneth, Bloch, Guttmann, Kroner, Maybaum, Posnansky, Rosental, Schwarz, Steckelmacher, Werner. Professor Philippson eröffnete die Sitzung mit herzlichen Dankesworten für die Adresse des Ausschusses zu seinem 60. Geburtstag und begrüßte den jüngst in den Ausschuß gewählten Rabbiner Doktor Porges. Es folgte die Beratung der Tagesordnung. Zunächst referierte Professor Philippson über die Lösung der Beziehungen zu der Leipziger Verlagsfirma Veit und Komp, sowie über Verhandlungen mit anderen Firmen. Er machte von den Anerbietungen Mitteilung, die verschiedene Buchhändlerfirmen gemacht haben. Die Versammlung beschloß, es dem Vorstande zu überlassen, mit einem der in Betracht kommenden 'Verleger für den „Grundriß" abzuschließen und begrüßte es freudig, daß als erster Band des „Grundriß der Wissenschaft des Judentums" die Apologetik von Dr. M. Güdemann bereits in nächster Zeit erscheinen wird. Sodann wurden Briefe der Herren Dr. Bloch und Dr. Kroner verlesen, die eine weitere Ausgestaltung der Generalversammlung fordern. Es sollen deshalb die nachfolgenden Herren ersucht werden, in der nächsten Generalversammlung Vorträge zu halten: Professor Cohen über die „inneren Beziehungen Kants zum Judentum", Dr. Brann über die „Geschichte der „Monatsschrift'', Dr. Eschelbacher über die „Auffassung des Judentums in der christlichen Theologie der Gegenwart". Bezüglich der „Germania Jmlaica'* wurde mitgeteilt, daß das Register zum ersten Band erschienen ist. Auf Antrag von Dr. Adler wird Professor Krakauer-Frankfurt in die Kommission neu hinzugewählt, lieber das „Maimouideswerk" berichtete Professor Simonsen, daß im Herbst dieses Jahres der Druck begonnen werden kann. Professor Cohen regte die Ausgabe von Sonderabdrücken der einzelnen Beiträge an. Dr. Brann machte einzelne technische Vorschläge. Zum „Corpus tanaiticnm^ wird die Subvention für Herrn Jawitz und seinen Gehilfen auf sechs Monate weiterbewilligt. Es folgt sodann das Kapitel der Subventionen, deffen Einzelheiten sich der öffentlichen Berichterstattung entziehen. Leider mußten viele der Förderung in hohem Maße würdige Anträge abgelehnt werden, da die verfügbaren Mittel der Gesellschaft für dieses Jahr fast erschöpft find. Es ist mehr als bedauerlich, daß unsere jüdischen Mäcene die Gesellschaft bisher so wenig bedacht haben, daß diese nicht all den großen Aufgaben, die an sie herantreten, gewachsen ist. Zum Schluß machte Dr. Brann die erfreuliche Mitteilung, daß von den gesammelten Aufsätzen des seligen Professor David Kaufmann (drei Bände in deutscher, einer in hebräischer Sprache) der erste Band binnen Jahresfrist erscheinen wird. Der Ausschuß nahm diese Ankündigung mit Freude und lebhaftem Dank für Herrn Dr. Brann entgegen — und alle Leser werden das Gefühl dieser Freude sicher teilen. Juden in der französischen Armee. Wie wir im „Berl. B. C." lesen, ist der Name Dreyfus im französischen Offizierskorps gar kein seltener und schon ohne Alfred Dreyfus 38mal vertreten, meist zwar in der Reserve und in der Territorialarmee, aber doch auch im aktiven Heere. Es entzieht sich natürlich der Möglichkeit, auch nur annähernd eine Statistik darüber aufzustellen, wie stark der Prozentsatz israelitischer französischer Offiziere gegenwärtig ist. Aber einige Stichproben aus der neuesten französischen Rangliste dürften in dieser Beziehung vielleicht einiges Interesse beanspruchen. Man ist dabei freilich nur auf die Vermutung angewiesen, daß die Träger bestimmter Namen israelitischer Konfession oder Abkunft sind. Die Waffe, in der man den wenigsten solcher Namen begegnet, ist die Kavallerie, die auch unter der Republik noch vornehmlich von den Abkömmlingen des Adels bevorzugt wird und deren Offiziere mit ihren Sympathien zum großen Teile nicht nach der Republik hinneigen. Man trifft sie dagegen schon ziemlich häufig bei der Infanterie an, wo es u. a. einen Obersten Hollender, mehrere Oberstleutnants Bloch usw. gibt — in den unteren Graden verstärkt sich das Verhältnis noch ganz wesentlich. Besonders zahlreich sind diese Namen bei der