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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-10 · 32 (10.8.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 536 Dr. Bloch's Wochrnschrrfk. Rr.33 bis abends warten müssen, bis ihnen jemand gnädigst eine schlecht entlohnte Arbeit zuweist. Es find viele, viele Leute darunter, die einst so reich waren wie ein Wiener Gemeinderat und die nach dem Zusammenbruch ihres Vermögens den Stolz besaßen, nicht betteln gehen zu wollen und um wenige Heller, von denen fie noch viele Steuern und Abgaben entrichten, jede Arbeit übernehmen. Sie wollen arbeiten, nichts als arbeiten, sie roboten um Brot für Weib und Kind. Gegen sie zuckte nun aus dem Rathause der vernichtende Blitz, ihr kümmerliches Nichts wurde ihnen erbarmungslos genommen , um Almosen für ergebene Anhänger der herrschenden Partei, für begeisterte Sänger des Lueger-Marsches zu machen. Wie die Blätter melden, hat der Wiener Magistrat den drei in Wien bestehenden privaten Dienstmann-Jnstituten: „Die Wiener Stadtkuriere", Inhaberin Therese Fronz, 1. Bezirk, Bäckerstraße 18; „Expreß", Inhaber William Falk, 1. Bezirk, Sonnenfelsgasse 11, und „Kommissionäre", Inhaberin Marie Folkmann, 1. Bezirk, Haarhof 4, die Konzession entzogen. Die Begründung dieses Erlasses beschränkt sich aus den Hinweis, daß sich die genannten Institute „trotz vorausgegangener, wiederholter Bestrafungen neuerliche Uebertretungen der auf ihr Gewerbe bezughabenden Vorschriften schuldig gemacht haben". Demgegenüber verweisen die Institute darauf, daß von wiederholten Abstrafungen nicht die Rede sein könne. Es seien im ganzen drei Strafen vorgekommen, von denen die eine aufgehoben, die zweite erlaffen wurde, während die dritte noch nicht in Rechtskraft erwachsen sei. Sie machen ferner geltend, daß der Magistrat bei allen möglichen Gelegenheiten, so bei der Anmeldung neuer Mitglieder, bei Ansuchen um Verlegung der Standplätze rc. den privaten Dienstmannunternehmungen Schwierigkeiten bereite. Unter den Dienstmännern, die den drei Hrivatinstituten angehören — es find dies deren gegen fünfhundert — herrscht begreiflicherweise große Erregung. Sie weisen darauf hin, daß der Magistrat, die Gewerbebehörde erster Instanz, es nicht einmal unternommen habe, eine Verfügung, durch welche fünfhundert Wiener Familienvätern ihr Erwerb genommen werde, in eingehender Weise zu begründen. Es handelt sich hier zum Teil auch um ältere Leute, die eine andere Erwerbsmöglichkeit gar nicht besitzen und die, wenn ihnen die Möglichkeit, durch Botengänge ein paar Kreuzer zu verdienen, genommen wird, einfach betteln gehen können. Es wird ferner darauf verwiesen, daß unter den von der magistratischen Verfügung Betroffenen sich auffallend viele jüdische Dienstmänner befinden. . . . Die Institute haben den Rekursweg betreten. Gekennzeichnet wird die Handlungsweise des Magistrates noch durch folgende Tatsache: Außer den erwähnten drei Privatinstituten bestehen noch die „Konzeffionierten Stadtträger" (Dienstmann-Garantiegcsellschaft), I., Ballgasse 6. Jedes einzelne Mitglied dieser Vereinigung ist Besitzer einer selbständigen, ihm vom Magistrat erteilten Kouzeffion. Diese Dienstmänner, die sich der Gunst des Magistrates erfreuen, find selbstverständlich von der Auflösungsmaßregel nicht betroffen. Diese Krastleistung antisemitischer Ethik braucht für keinen anständigen Menschen erst noch besonders benannt zu werden. Für die betroffenen Unglücklichen ist nur lebhaft zu wünschen, daß der Rekurs Erfolg haben werde und daß ihnen das nackte Elend erspart bleibe. Für alle anderen aber ist das Märchen außer Kraft gesetzt, das stellenweise noch geglaubt wird und das erzählt, bei einzelnen antisemitischen Personen und Behörden sei noch Gerechtigkeit und Anstand vorhanden. Der neueste Magistratserlaß ist eine endMige Urteilsschrift über die tiefe Barbarei und die verächtliche Feigheit der angeblichen Retter der Christenheit. — Der Frauenwörder Dittrich und die Hilsner- Affaire Allen jenen, welche die Hilsner-Affaire aufmerksam verfolgten, dürfte es noch bekannt sein, daß die Prager Kriminalpolizei den Verdacht hegte, den Polnaer Mord habe ein aus Deutschland kommender, in Böhmen sich herumtreibender Vagabund begangen, auf welchem der Verdacht lastete, er habe in Böhmen mehrere Sittlichkeitsverbrechen begangen. Dieser Verdacht wurde noch durch nachstehenden Umstand bestärkt. In der Nähe der Leiche der Agnes Hruza wurde ein blutbefleckter Stock gefunden. Eine Zeugin aus einem Nachbardorfe, die Gattin des dortigen Ortsvorstehers, beschrieb deutlich den jungen Mann, der sich im Walde einen Stock abgeschnitten und abgeschält hatte, ähnlich jenem, welcher in der Nähe der Leiche gefunden wurde. Ausdrücklich erklärte sie, dieser junge Mann sei nicht Hilsner gewesen. Nun brachten vor Kurzem alle Zeitungen ausführliche Berichte über den Frauenmörder Dittrich. Derselbe wurde in Triest inhaftiert und an die deutsche Behörde ausgeliefert, ohne daß — merkwürdigerweise — er an jene Behörden ausgeliefert wurde, die über Frauen- und Mädchenmorde Untersuchungen eingeleitet hatten. Dittrich bekennt sich zu vier Frauenmorden in Deutschland und zu fünf Frauenmorden in Böhmen. Als Dittrich im Juni 1906 von Dresden, wo die Untersuchung gegen ihn geleitet ward, nach Berlin eingeliefert wurde, fchrieb ein Berliner Blatt: Ei» Scheusal in Menschengestalt. Gestern nachmittags traf aus Dresden der Massenmörder Max Dittrich auf dem Anhalter Bahnhof au. Unterwegs wußte der Kriminalkommissar ein umfangreiches Geständnis Dittrichs zu bekommen. Dieser gab an, - wo sich das zur Ermordung der Portiersfrau „Schur m" unweit Zeuthen benutzte Messer und die dabei getragene blutige Hose befänden. Beide Gegenstände sind daraufhin auch schon herbeigeschafft worden. Dittrich erzählte, er habe die Frau Schurm schon in einiger Entfernung bemerkt und sei ihr mit gezücktem Messer entgegengeganpen, da sein .Koller" über ihn gekommen wäre. Die Frau hätte flüchten wollen. Er habe sie eingeholt und ihr einen Stich in den Hals beigebracht, so daß sie sofort mit kurzem Aufschrei umgefallen sei. Dann habe ihn eine solche Wut erfaßt, daß er ihr noch zahlreiche Stiche beigebracht habe. Er leugnete auch nicht, daß er ein Sittlichkeitsverbrechen versucht hat. Dittrich erzählte weiter, daß er nach der Tat drei Damen mit dem weißen Hunde auf der Chaussee gesehen habe, die ihn aber wohl nicht erblickt hätten, da er sich in die Fichten „geduckt" habe. Von den Damen und dem Hunde gab er eine genaue, völlig zutreffende Beschreibung. Auch zu dem Morde an der Schiffersfrau „Graßnik" machte Dittrich neue völlig zutreffende Angaben. Er erzählte, daß die Frau zwischen Eichwald und Zeuthen auf dem Moose gesessen und ein Butterbrot» gegessen habe. Dlttrich hat sich zu der Frau gesetzt und wollte „liebenswürdig" werden. Frau Graßnik wehrte ihn ab und benutzte dazu schließlich ihr Brodmesser. Er habe ihr dies mit Gewalt entrissen; es sei zu einem Ringen gekommen, bei dem er in die größte Wut geraten sei. Er wisse deshalb nur noch, daß er ihr mit dem Messer den Hals bis auf den Rückenwirbel durchgeschnitten habe. — Auch die fünf Morde in Böhmen unweit der sächsischen Grenze, derenTäterschaft Dittrich in seinem ersten Ge st ändnis vor dem Dresdner Untersuchungsrichter einräumte, sind von ihm zweifellos verübtworde n. Den Mord des kleinen Mädchens bei Riesa will Dittrich jetzt bestreiten. Ebenso sucht er den Vorgang im Walde bei Königstein als ein einfaches Sittlichkeits- Verbrechen hinzustellen, mit dem der Tod der Frau Opitz nicht im Zusammenhänge stände. Die Dresdner Gerichtsärzte halten Dittrich für geistig gesund. Laut einem weiteren Berichte deckten sich die Ergebnisse der Lokalkommiffion an den zwei Mordstellen bei Zeuthen mit den früher gemachten Angaben Dittrichs. Wie aus diesem Bericht ersichtlich, war das Motiv der hier geschilderten Morde sowie ihre Durchführung ähnlich den Tatumständen bei dem Morde der Agnes Hruza — und Dittrich bekennt sich dazu, fünf ähnliche Morde in Böhmen begangen zu haben. Da wäre es doch angezeigt, daß auch die von Dittrich unbekannten Morde in regelrechte strafgerichtliche Untersuchung gezogen werden.

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