Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 535 Nr. 32 Dr. Ltocv's Mocbenscbrin. und in den Grundton des Anfangs leise verklingen. — Solche Lebenserinnerungen (und das sind die eigentlichen) kann aber jeder nur selber schreiben. Man steht im Mittelpunkte, aber man sieht nicht sich selbst, man sieht den Kreis um sich herum, und von dem erzählt man; nicht Handlungen, sondern Beziehungen sind das Thema, Zusammenhänge werden erkannt und aufgedeckt, das Einzelne verschwindet : Alles fließt. — Nun kann es aber geschehen, daß Jemand seine Lebenserinnerungen, die dann unbedingt so geworden wären, nicht persönlich schreiben kann; es fehlt Zeit oder Kraft oder Beides. Und doch fühlt er, er hätte Wertvolles mitzuteilen gehabt. Da gibt es einen Ausweg: die Erinnerungen werden erzählt, einem Anderen erzählt, und der Andere soll sie niederschreiben. Das scheint sehr leicht und ist doch ganz unglaublich schwer und wird umso schwerer, je näh^r und inniger die Beziehungen sind, die den Erzählenden und den Niederschreibenden verbinden. Ist der Erzählende aber gar ein verehrungswürdiger Mann und werden seine Erinnerungen von der Frau, die ihn liebt, niedergeschrieben, dann tritt eine Verschiebung des Ganzen, eine Veränderung des Tones ein, was ebenso begreiflich wie bedauerlich ist. Für die liebende Frau ist der erzählende Mann natürlich das wichtigste; nicht wie die anderen auf ihn wirkten, sondern wie er auf die anderen wirkte, ist ihr interessant und will sie berichten, ganz im Innern ist sie sogar überzeugt, daß andere ihn gar nicht beeinflußen oder fördern konnten, daß er nur gab und gab aus nie endenwollender Fülle heraus, sich mit königlicher Freigebigkeit verschwendete und keinen oder nur kärglichen Dank empfing. Nicht wie er wurde, nein, wie er ist, wie sie ihn stark und glücklich empfindet, wird ihr zur Hauptsache; aus den erzählten Einzelheiten versucht sie nicht ein farbenprächtiges Zeitgemälde oder ein stimmungsvolles Lebensbild zu schaffen, sondern alles Material dient ihr nur dazu, Glanzlichter auf ein Porträt zu setzen, das sie dann strahlend dem Geliebten zeigt: Siehe, . Dieses bist Du! Der Frau und besonders der liebenden Frau fehlt eben jede künstlerische Objektivität, fie ist subjektiv und nichts als subjektiv, und im Grunde genommen, will sie auch nichts anderes sein. Die Lebenserinnerungen Moritz Lazarus find in der eben angedeuteten Weise entstanden. Lazarus erzählte und seine Gattin, eine ungewöhnlich kluge, begabte warmfühlende Frau, schrieb das Gehörte nieder. Im Vereine mit einem Schüler Lazarus, Alfred Leicht, hat sie nun die gesammelten Mitteilungen zu einem stattlichen Bande vereinigt, der in sehr schöner Ausstattung in Berlin bei Georg Reimer erschienen ist. Was ist das nun für ein Buch? Es wäre töricht, es leugnen zu wollen, das Buch hat Fehler; es hat alle die Fehler, die es aus seinem Entstehen heraus haben muß, aber — und das sei gleich und nachdrücklichst betont, — es hat auch die Vorzüge seiner Fehler. Das Buch ist im letzten Sinne nicht künstlerisch, dafür ist es ungemein lebendig, es hat Mängel in der Form, in der technischen Anordnung, dafür ist es reizvoll, eigenartig und fesselnd, es ist zuweilen entschieden ungerecht, dafür spürt man überall den Pulsschlag starken und aufrichtigen Empfindens. Gewiß. Lazarus selbst hätte das Buch anders geschrieben, ruhiger, abgeklärter, vollendeter, aber so wie es ist, ist es doch sehr schön und eine wertvolle Gabe für die Verehrer des Begründers der Völkerpsychologie. Ueber den tatsächlichen Inhalt des Buches hier zu sprechen, ist fast unmöglich bei der Fülle des Gebotenen, denn, wo beginnen und wo enden? Man muß da den Leser auf die eigene Lektüre verweisen, die ihm einen vielfachen und großen Genuß bieten wird. Eines der reizendsten Kapitel: „Das kleine Diner als Kulturelement" sei aber doch erwähnt, ebenso die Erinnerungen an den preußischen Hof, an Kaiser und Kronprinz rc. Für Leser dieses Blattes werden die Wiener Erinnerungen von besonderem Reiz sein. In ihnen wird auch der vom „Politischen Volksverein" im Jahre 1897 veranstalteten Lazarusfeier gedacht und einer anmutigen Dame der Wiener Gesellschaft, Frau Julie Fialla (der Gattin des Präsidenten des Politischen Vvlksvereins Dr. H. Fialla), verdienterweise liebenswürdige Erwähnung getan. Faßt man zum Schluffe den ganzen Eindruck des Buche, in eine Formel, dann muß man sagen: es ist ein reiches Buch Reich und mannigfaltig war Lazarus' Leben; es hat ihn mit vielen und bedeutenden Menschen in nähere und fernere Beziehungen gebracht und der Glanz seines reichen Lebens spiegelt sich in den Erinnerungen wieder. Reich ist aber auch die Liebe und Verehrung gewesen, die dieses gewiß oft schwierige Sammelwerk unternahm. Alles ist zusammengetragen, das Bild des Helden zu schmücken und zu zieren und rührend schön und ergreifend find die Schlußworte, mit welchen die Herausgeberin Abschied nimmt von dem, der der Sonnenschein ihres Lebens war. Reich wird auch die Freude und der Genuß sein, den das Buch verbreiten wird. Mancher, der darnach greift, wird anderes erwarten, enttäuscht wird kaum einer sein. Es ist ein menschliches Dokument im besten Sinne des Wortes, und wenn Bücher ihre Schicksale haben, so möge das Buch das Schicksal haben, das es verdient. Das ist kein kleines Wort; wo vermag man das sonst reinen Herzens zu wünschen, ohne fürchten zu müssen, daß dunkle Mächte erwachen, die unser und unserer Werke Geschick bedrohen. Hier aber sei es gewagt und der Erfolg möge den Wunsch rechtfertigen. Korrespondenzen. Das neue Heldenstück der Lueger-Garde. An einer anderen Stelle des Blattes wird bereits die Art und Weise beleuchtet, wie die Antisemiten die von ihnen versprochene Rettung des kleinen Mannes und des christlichen Volkes durchführen. Um ihre Anhänger zu befriedigen, unterbinden fie unbesorgt Teile der Industrie und ganze Geschäftszweige, wenn fie dadurch nur ihren Wählern Privilegien verschaffen. Das erreichen sie durch ihren Einfluß im Parlament. Man kann sich denken, wie die Vertreter solcher Grundsätze wirtschaften, wo fie allein die Macht besitzen, wie zum Beispiel im Wiener Magistrat, der die Gewerbebehörde erster Instanz ist. Schon in vielen Volksversammlungen, in Enqueten und von privater Seite haben wir erfahren, mit welch schrankenloser Willkür dieser Magistrat jüdische Gewerbetreibende mit Chikanen belästigt und in jeder Weise verfolgt. Wohin diese Geschästsgebarung noch führen wird, nachdem der letzte Erlaß des Ministerpräsidenten den Behörden erster Instanz einen größeren Wirkungskreis eingeräumt hat, kann von jüdischer Seite nur mit Bangen erwartet werden. Das Traurigste an der Sache ist, daß von den saddistischen Launen der Rathausgewaltigen gerade die armen Leute betroffen werden. Man hat ein Haufiergesetz erlaffen und hat arme Teufel und den bitter arbeitenden Reisenden schwer geschädigt, man bringt immer nur die kleinen Existenzen zum Ruin und zur Verzweiflung; das Großkapital ist mächtig genug, um sich zu wehren und zu schützen, von reichen Juden borgt und kauft Lueger, in ihnen muß er das so bitter angefeindete, so verlogen vergrößerte jüdische Kapital schonen, desto heftiger strampelt er nach unten auf den Armen herum, die mit ihren kleinen Mitteln am äußersten Kreise des Erwerbslebens ihr kümmerliches Dasein fristen. Zu einem solchen Heldenstück haben die hölzernen, herzlosen Barrierestöcke wieder ausgeholt, haben wieder in sieghafter Herrlichkeit gegen Schwache und Kleine getobt, haben wieder eines ihrer zahllosen Verbrechen gegen Menschlichkeit und Kultur begangen. Nach dem Hausierer kam jetzt die nächst höhere Stufe daran, die Dienstmänner! Wahrlich ein Opfer, Luegers Heldenzorn wert! Wieder erfaßte er mit rächender arischer Faust ein paar jüdische Großkapitalisten am Kragen und zerschmetterte fie, weil fie das öffentliche Leben, vergifteten, das christliche. Volk betrogen und ein arbeitsloses Leben führen. Die Dienstmänner! Wer kennt und schätzt nicht diese armen Teufel und Sklaven der Arbei?. die im Sonnenbrand und Winterkälte aus der Gasse von früh