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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-10 · 32 (10.8.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 534 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr 32 die im „Osservatore Romano“, im „Univers“, in der „Revue bibliqne“ und anderen Blättern (vgl. die „Zeit" vom 3. August) veröffentlicht worden ist. Als die Bibelkritik auch unter den katholischen Forschern mehr und 'mehr Anhänger fand — ich erinnere besonders an Alfred Loisy in Paris — und auch Verbote und Exkommunikationen nichts mehr halfen, wurde unter Papst Leo XIII. eine Bibelkommission eingesetzt, um zu untersuchen, wie weit Kritik an den heiligen Schriften geübt werden dürfe. Diese Kommiffion hat nun in Bezug auf den Pentateuch und die Autorschaft Mosis die ihr vorgelegten Fragen beantwortet und in den genannten Zeitungen veröffentlicht. Fragen und Antworten lauten nach der Uebersetzung der „Germania": 1. Ob die von den Kritikern zur Bekämpfung der mosaischen Echtheit der heiligen Bücher, die mit dem Namen Pentateuch bezeichnet werden, zusammengebrachten Gründe so gewichtig seien, daß sie unter Hintansetzung der zahlreichen Stellen beider Testamente, in ihrer Gesamtheit genommen, der fortlaufenden Uebereinstimmung des jüdischen Volkes, ebenso der beständigen Ueberlieferung der Kirche sowie innerer Anzeichen, die aus dem Texte selbst eruiert werden, das Recht verleihen, zu behaupten, diese Bücher hätten nicht den Moses zum Urheber, seien vielmehr aus zum größten Teile nachmosaischen Quellen zusammengearbeitet? Antwort: Nein. 2. Ob die mosaische Echtheit des Pentateuch notwendigerweise eine solche Redaktion des ganzen Werkes erfordere, daß man durchaus festhalten muß, Moses habe alles und jedes mit eigener Hand geschrieben oder seinen Gehilfen diktiert; oder ob auch die Hypothese jener Männer statthaft fei, die annehmen, daß er das von ihm unter dem Einfluß der göttlichen Inspiration konzipierte Werk einem anderen oder mehreren zur Absaffung überlassen habe, so jedoch, daß sie seine Gedanken getreu Wiedergaben, nichts gegen seinen Willen schrieben und nichts wegließen, und daß endlich das auf diese Weise zustande gekommene Werk von demselben Moses, als dem ersten und inspirierten Urheber, gebilligt und unter seinem Namen veröffentlicht wurde? Antwort: Nein auf den ersten Teil; ja auf den zweiten. 3. Ob ohne Präjudiz gegen die mosaische Echtheit des Pentateuch zugegeben werden könne, daß Moses für die Herstellung seines Werkes Quellen verwendet habe, nämlich geschriebene Dokumente oder mündliche Ueberlieferungen, aus denen er dem besonderen ihm vorschwebenden Zwecke entsprechend und unter dem Einfluß der göttlichen Inspiration manches geschöpft habe und dieses wörtlich oder dem Sinne nach zusammengezogen oder erweitert in sein Werk selber eingefügt habe? Antwort: Ja. 4. Ob unter Wahrung der im wesentlichen mosaischen Echtheit und Unversehrtheit des Pentateuch eingeräumt werden könne, daß in dem so langen Zeitverlaufe diesen manche Veränderungen betroffen haben, wie: Zusätze nach dem Tode des Moses, die entweder von einem inspirierten Schriftsteller hinzugefügt find, oder die in den Text eingestreute Glossen und Erläuterungen find, Uebertragung gewisser Wörter und Formen aus dem veralteten Dialekt in die jüngere Redeweise, fehlerhafte Lesarten endlich, die dem Versehen der Schreiber zuzuweisen find, die man nach den Regeln der Kunst der Kritik untersuchen und beurteilen darf? Antwort: Ja, vorbehaltlich der Entscheidung der Kirche. Die Antworten haben die Approbation des Papstes erhalten. Wohltuend wirkt vor allem die Ehrerbietung,-mit der die Bibel behandelt wird, eine Ehrfurcht, die den protestantischen Forschern, die doch so auf die Bibel pochen, längst abhanden gekommen ist. Schwankt doch oft der protestantische Professor höchstens, ob der ihm vorliegende Autor zu den Betrogenen oder zu den Betrügern gehört! Die Manie, den selbstverständlichsten Satz zu zerreißen und drei oder vier Quellenschriften zuzuweisen, ganz natürliche Bemerkungen als spätere Glossen zu streichen und überall Tendenz zu wittern, macht manchen Kommentar schon unlösbar und wird lächerlich werden, sobald sich auch außerhalb der Zunft Stehende, die noch nicht im Bann dieser Methode leben, an diese Forschung heranwagen. In angenehmem Gegensatz hiezu steht für den Vatikan die bona ücles der biblischen Autoren fest. Nr. 1 und 2 bedürfen keines weiteren Kommentars, sie statuieren im allgemeinen die Stellung des Vatikans zur Bibelkritik und lehnen die Hauptergebnisse dieser Wissenschaft ab, von der Delitzsch mit wenig Weltkenntnis und viel Selbstachtung prophezeit hat, sie würde in weit höherem Maße als die naturwissenschaftliche Forschung das Denken der modernen Menschheit revolutionieren. Mit Nr. 3 soll die Quellenscheidung in der Genesis unschädlich gemacht werden (mit der Annahme, daß etwa Jahvist und Elohist schon Mose Vorgelegen hätten), in den weiteren Büchern ist sie ja ohnehin schwerer nachweisbar. Der weitaus wichtigste Punkt aber ist Nr. 4, und hier gewahren wir in der Tat Zugeständnisse, wie sie wohl in ftüherer Zeit in der Kirche nicht möglich gewesen wären. Zunächst wird von der nur „im wesentlichen" mosaischen Echtheit gesprochen, dann kommen die „späteren Zusätze", allerdings etwas gemildert durch den „inspirierten Schriftsteller", und schließlich die fehlerhaften Lesarten, Schreiberversehen, .Dialektveränderungen und die in den Text eingestreuten Glossen. Die Kirche hat (wieder temporum ratione habita, wie der Ausdruck des österreichischen Konkordates von 1855 lautet) eine weitgehende Konzession gemacht: die Frage nach der Zulässigkeit der Textkritik ist bejaht worden! Ob die Verbalinspiration dadurch nicht einen schweren Stoß erhält? Jedenfalls hat der Vatikan für eine wichtige religiöse Frage seine Formel gefunden und man kann ihr das Zeugnis nicht versagen, sie ist im großen und ganzen geschickt, wenn auch nicht erschöpfend. Echt vatikanisch ist übrigens der Zusatz „vorbehaltlich der Entscheidung der Kirche"; so ganz wohl fühlt man sich doch nicht dabei. Moritz Hazarus' Keberrserrrnrernngen.*) Die Persönlichkeit des Künstlers wie des Gelehrten dokumentiert sich in seinen Werken. Was er schafft, das ist er; was er schafft, wirkt lebendig wie er selbst, wirbt ihm Freunde, härtet ihm Feinde und überliefert ein Bild seines Wesens auch den fernen Nachgeborenen. Homer ist uns vertraut, als hätte er mit uns gelebt, Shakespeare steht bildhaft deutlich vor unseren Augen, und der Einsame, der sich in das Werk Spinozas vertieft, erlebt bei genügender Konzentration nicht nur die Ethik, sondern auch den Menschen, der diese Ethik schuf, und dieses zweite Erlebnis ist vielleicht das dauerndere und von größerem geistigen Gewinn. Wenn nun das Werk unbeabsichtigt und doch wie mit tausend Zungen Zeugnis ablegt von der Persönlichkeit des Schöpfers, so erzählen Lebenserinnerungen zumeist von dem Weg, den diese Persönlichkeit gegangen, von der Art und Weis", auf die sie entstanden ist, von den hemmenden und fördernden Einflüssen, die bestimmend einwirkten, von den Kampf- und Weggenossen, den Freunden und Feinden, den jubelnden Minuten des Sieges und den traurigen Stunden des Versagens und Unterliegens. Wer Lebenserinnerungen schreibt, will nicht Mitteilen, was er den andern war, sondern was die andern ihm waren, wer Lebenserinnerungen liest, frägt nicht: „Was bist Du?" sondern: „Wie wurdest Du?" Alles Werden ist aber organisch, beginnt mit den kleinsten winzigsten Anfängen, wächst und entwickelt sich, breitet sich aus, erreicht einen Höhepunkt und nimmt dann ab, um zuletzt sich zum Ring zu schließen, der Anfang und Ende vereint. Und wie das Werden, so muß auch der Bericht vom Werden organisch sein, mit dem Ursprung, beginnen, ansteigen, dann abschwellen *) Bearbeitet von Nalnda Lazarus und Alfred Leicht. Berlin 1906 Verlag von Georg Reimer. Preis brosch. Mk. 12«—, geb. Mk. 14 —.

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