Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021689--15636-3040413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 533 Erziehung, gar oft, infolge der großen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, ohne daß ihnen von frommer Seite mit Rat und Tat an die Hand gegangen wird — endlich, nachdem sie längere Zeit in Qual und Aerger zugebracht, den Eindrücken erliegen, die sie da von einer religionslosen Umgebung empfangen und nach und nach das religiöse Pflichtbewußtsein einbüßen. Lastet da nicht eine schwere Verantwortung auf den Kreisen, die hier einzugreifen berufen wären, und es gleichfalls unterlassen, den schwachen Söhnen unserer Zeit die stützende Hand zu bieten? Ich unternahm es daher in einem im Frankfurter „Israelit", Nummer 26, erschienenen Artikel nachdrücklichst auf dieses Bedürfnis in Oesterreich-Ungarn hinzuweisen, und gab mich der Hoffnung hin, damit das Interesse des reichsdeutschen Verbandes „Sabbatfreunde" zu erwecken, die Initiative zu ergreifen zur Schaffung einer solchen Organisation für Oesterreich-Ungarn. Wie sehr dieser wackere Verband das in sein ehrliches Streben gesetzte Vertrauen rechtfertigte und sich die Schaffung eines solchen Vereines für Oesterreich-Ungarn in anerkennenswerter Weise angelegen sein läßt, geht aus dem vom Verbände Sabbatfreunde erfolgten, im „Israelit" Nr. 29 veröffentlichten Antwortschreiben hervor. Zunächst wird darin, unter dem Hinweis darauf, daß tatsächlich bei der Zentrale des Verbandes fortgesetzt Bewerbungen eiugehen, in denen, oft in herzbewegender Weise Klage darüber geführt wird, daß die Erlangung einer Stelle, in der am Sabbat nicht gearbeitet zu werden braucht, in Oesterreich-Ungarn immer schwieriger werde, ja vielfach bereits zur Unmöglichkeit gehöre, die aber vom Verbände aus den angeführten Gründen nur in den seltensten Fällen Berücksichtigung finden, der Schaffung einer Stellenvermittlung in Oesterreich-Ungarn in ernstester Weise das Wort geredet. Der Verein lehnt jedoch die Zumutung ab, der Verband rnitf naiip möchte sich mit der Aufforderung zum Jnslebenrufen von rep nair Vereinen an einflußreiche Persönlichkeiten unter den Gefetzestreuen Oesterreich-Ungarns wenden, von der richtigen Erwägung geleitet, daß bei einer von außerhalb bewirkten Gründung oft nicht die richtigen Männer an die Spitze treten, und darunter würde die Entwicklung und Wirksamkeit des Vereines sicher zu leiden haben und gelangt zu dem Schluffe, daß die Initiative in dieser Angelegenheit den Nächstbeteiligten gewahrt bleiben müsse, wo dann je ein Bureau in Wien und Pest zu errichten wäre, denen die Erfahrungen des reichsdeutschen Verbandes „Sabbatfreunde" gern und freudig zur Verfügung stehen würde und somit eine rasche und sichere Entwicklung von vorneherein gewährleistet erscheint. Um doch dem Unternehmen auf die Beine zu helfen, erläßt die Zentrale des Verbandes die Aufforderung an alle, die sich berufen fühlen — Kaufleute und Nicht-Kaufleute, Prinzipale und Angestellte — in dieser hochwichtigen Sache mitzuarbeiten, ihre Adresse der Zentrale: „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit, Frankfurt a. M., Schützenstraße 16" mitzuteilen. Sobald eine genügende Anzahl von Anmeldungen erfolgt ist, werden die ersten Schritte zur Verwirklichung des Projektes geschehen können und dann nach und nach in die richtigen Bahnen geleitet werden. „Aller Anfang ist schwer" lautet das bekannte alte Sprichwort, aber auch nur der Anfang ist schwer, ist er erst gemacht, so wächst das Werk gar schnell zur Freude derer, die es fördern. Der Anfang ist nun einmal getan. Der reichsdeutsche Verband erschien auf dem Plane. Möge jeder jüdische Kaufmann, der seinen Stolz darin findet, zu den gelichteten Reihen der Gesetzestreuen zu zählen, seine Adresse dem Verbände mitteilen. Ja, vielleicht noch mehr, sollten diejenigen zu einem derartigen Verein zählen, die dessen Bestrebungen zwar zu würdigen wissen, für ihre Person aber im praktischen Leben die Konsequenzen schmerzlich vermissen. Möge diese meine Anregung zu solchem Anschluß auf empfänglichen Boden fallen. So verdienstlich ein solcher Anschluß, so verantwortungsvoll ist die Abweisung einer solchen Anregung, deren Nutzen und heilsame Folgen in ihrer Bedeutsamkeit sich gar nicht ermessen lassen. D»ann 'auaa nrr6 lrar rnwii Hochachtungsvoll Ihr ergebenster Berisch Winter, Rabbiner in Choroftkow. „Zweierlei Ehre". Unter vorstehender Ueberschrift bringt die „Germania" aus Sao Panlo vom 30. Juni einen Artikel, dem wir nachstehende Ausführungen entnehmen: Unseren Lesern ist der Streik aus der Paulista-Bahn noch in frischer Erinnerung. Sie entsinnen sich, daß die Drangsalierung einer relativ beschränkten Zahl von Werkstatt-Arbeitern durch einen groben Ingenieur an 4000 Menschen zur Niederlegung der Arbeit veranlaßte, daß das Personal der Mogyana-Bahn und dasjenige zahlreicher Betriebe der Hauptstadt und des Innern sich anschlossen, und dies aus keinem andern Motive, als aus proletarischem Solidaritätsgefühl. Daß die Streiter schließlich nach ausdauerndem Kampfe unterlagen, kommt hier nicht in Betracht, vielmehr wolle man ausschließlich berücksichtigen, daß 4000 Menschen, Angestellte der Paulista-Bahn, großenteils Familienväter, die mit den Ihren von der Hand in den Mund leben, ausständig wurden und ihre Familien wochenlang der Not, ihre Zukunft dem Zufall preisgeben, nur weil einer Minderzahl von ihnen Unrecht geschehen war und weil ihre Ehre nicht duldete, arbeitende Brüder brutaler Behandlung preiszugeben! Und weiter wolle man berücksichtigen, daß alle Polizeibrutalität diese Leute nicht su Streikbrechern machen konnte und daß sich keine nennenswerte Zahl von externen Arbeitern fand, die den kämpfenden Brüdern in den Rücken gefallen wäre, so daß erst die Not im Verein mit dem uesetzwidrigen Vorgehen der Polizei dem Ausstande ein für die Arbeiter ungünstiges Ende bereitete. So handelten Proletarier, die es sich an einer ganz gemeinen Menschenehre genügen lassen müssen, so handelten Leute, die, materiell durchaus abhängig, kaum getadelt werden konnten, wenn sie nach dem Grundsätze „Jeder kratze, wo's ihn juckt" zuerst an sich und ihre Familien und erst dann an die Klassensolidarität gedacht hätten. Und Beispiele dieser Art gibt es im internationalen Befreiungskampf der Arbeiter unzählige. Und nun vergleiche man mit diesem Vorgehen einer nach Ansicht der Edlen rohen und minderwertigen Proletarierschar dasjenige der jüdischen Geldaristokratie gegenüber ihren Glaubens- und Stammesbrüdern in Rußland! Das Bruderband des Rassenblutes und der Religion ist zweifelsohne ein natürlicheres und verpflichtenderes, als das der Arbeit. Dazu kommt im Gegensatz zur Abhängigkeit des Proletariers die freimachende Wirkung des Besitzes. Auch die Momenle der höheren Bildung, der verpflichtenden gesellschaftlichen Vorzugsstellung und der behaupteten Sonderehre verfeinerter Qualität kommen in Betracht und zwingen zu der Folgerung, daß die jüdische Geldaristokratie einmal befähigter, und zum andernmal verpflichteter war, ihren leidenden Brüdern zu helfen, wie die Proletarier, über denen sie sich so turmhoch erhaben wähnt. Und nun schaue man den nackten Tatsachen ins Gesicht. Die Scheußlichkeiten von Bialystok, die Vergewaltigung von Frauen, die Zerschmetterung von Kindern, die ganzen grauenhaften, organisierten Metzeleien bilden das vorläufig letzte Glied einer schon langen Kette ähnlicher Verbrechen, deren Schauplatz das Zarenreich und deren Anstifter, offen zugegeben, die russischen Behörden waren. Und diese Blutbäder, die der Kulturwelt die Schamröte ins Gesicht treiben sollten, sind mit Waffen, mit Munition, mit Henkerknechten angerichtct worden, deren Bezahlung großenteils ans den Taschen des internationalen Geldjudentums kam! Dieselben Geldfürsten, die beute Entrüstung posieren, haben gestern vielleicht des schmierigen Gewinnes halber, russische Anleihen plaziert, dieselben glänzenden Summen, die heute für die Familien der Opfer „großmütig" gestiftet weiden, sind vielleichterst gestern und sicher in vielfacher Höhe als Ertrag eines „Geschäftchens" mit russischen Werten eingegangen. Hätten diese Leute auch nur eine Spur von der ganz gemeinen Proletarierehre des Arbeiters in sich, so wäre das Reich des Zaren schon lange seinem mehr als verdienten Schicksal verfallen, so würden sie die Zumutung, den Peinigern ihrer Brüder Geld zu deren Vernichtung zu verschaffen, als schmachvolle Beleidigung von sich weisen. Aber die Anleihen bringen Kommissionen und die russischen Werte sind Spekulationspapierchen, an denen man verdienen kann. Würde man sie abstoßen, so gäbe das Verluste und soweit geht die Stammes¬ und Bruderliebe denn doch nicht! Da gibt man denn doch schon lieber einen „angemessenen" Prozentsatz des letzten Fischzuges an die Ueberlebenden und zu Krüppeln Gesäbelten ab und beteiligt sich an der nachträglichen Entrüstung! — Man sieht, die Ehre unserer Geldfürsten unterscheidet sich wirklich und wesentlich von derjenigen unserer Proletarier, die Qualität der letzteren ist uns aber lieber! - Katholizismus und Kibetkritik. Von Rabbiner Dr. Ludwig Lev Y-Brünn. Wüßte man nicht, wie wachsam die führenden Geister des Vatikans find, wie trefflich sie sich den veränderten Zeiten anzupassen wissen und wie vorsorglich sie modernen Erscheinungen, die sie für bedenklich halten, begegnen, so könnte man diese Umsicht schon an der neuesten Entscheidung würdigen lernen,