Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Dr. Zölocb s Mocbenscbrin. Sette 535 Aber es kam bis zu „ihnen", es kam rascher und von einer Seite, von welcher sie es gar nicht erwartet hatten; es am in Gestalt eines Geschosses, das pfeifend und surrend über ihren Häuptern dahinsauste und diesseits des Berges zu Boden fiel. Da wurde es auch auf den Positionen lebhaft; der General befahl den Batterien, das Feuer zu eröffnen. Als Schlomke nun das Heulen des Projektils vernahm, lief ein riesiger Schauer über seine Schultern und das Herz war wie zusammengekrampft; es schien ihm, daß diese Kugel ihn töten müsse; das währte aber nur einen Augenblick. Als der Nachbar ihn fragte: „Nun, Schlomke, hast du Angst?" — entgegnete er mutig: „Ja, ich fürchte sehr", — fühlte aber gleichzeitig, daß seine Angst bereits vorüber sei. Er blickte dem Kriesgrauen ins Angesicht, wußte, wie es ausschaue, wußte, daß dieses so schrecklich heulende Ungetüm ihn töten könne und daß vor ihm keine Rettung sei. Und daß man sich im Kriege den Tod holen könne, wußte er ja von jeher und hatte Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen. Nach der ersten Kanonenkugel flog eine zweite, eine dritte und mit jeder Minute wuchs ihre Zahl. Anfangs flogen sie weiter oder erreichten nicht ihre Stellungen, aber nach einer kurzen Zeit begannen diese Ungetüme im Zentrum ihrer Positionen niederzufallen, eine Menge Menschen und Pferde erschlagend. Das durch den „eigentlichen Krieg" verursachte Blutvergießen erblickte Schlomke jetzt zum erstenmal in einer Distanz von nur einigen Schritten. Der neben ihm stehende Soldat, welcher vor einer Weile noch gekämpft hatte, starb in einer Sekunde in Stücke gerissen. Aber wiederum empfand Schlome keinen Schrecken, dafür aber durchdrang ihn ein anderes instinktives starkes Gefühl, das Gefühl der Selbsterhaltung: -„Gott sei Dank und Lob, daß nicht ich getroffen worden bin." Die Schlacht nahm mit jeder Minute an Heftigkeit zu. Die Leute fielen Zehner-, Hundertweise, das Donnern der Geschütze, das Surren der Geschosse, das Schreien und Stöhnen der Verwundeten — all dies vereinte sich zu einem furchtbaren elementaren Getümmel. Aber Schlomke empfand keine Furcht. Er war ruhig. Aber nicht infolge eines bestimmten Gefühls, daß der Tod. der in dieser Hölle auf Schritt und Tritt endlose Menschenleichen dahinraffte, ihn verschonen werde. Es stärkte ihn nur die Hoffnung, daß Gott ihn doch erhalten werde. Und diese Hoffnung benahm ihm nicht den Mut; sie regte seine gespannten Nerven an. Es war dies die Leidenschaft eines Jägers oder Spielers, die ihn so beherrschte, daß er dem Tode ruhig in die Augen schauen konnte. Und er hatte den heißen Wunsch, daß man auch sie, die'Infanterie, in den Kampf dirigiere. Schließlich kam die Reihe an sie. Das geschah dann, als das Geschützfeuer eingestellt wurde und die Japaner zum Angriff übergingen. Sie tauchten jäh, unverhofft und in nächster Nähe auf. Auf der Position kam alles in Bewegung. Bis jetzt war der Feind beinahe unsichtbar, es war schwer zu bestimmen, woher die Schüsse fallen. Die Leute taten ihre Pflicht, luden die Gewehre, feuerten gut oder schlecht; als aber der Feind knapp vor den Augen zum Vorschein kam, bemächtigte sich ihrer eine große Erregung. Die Augen entflammten vor Blutgier und Wut, und sie trafen Anstalten, den Angriff verzweiflungsvoll zurückzuschlagen. Und als Schlomke, in einer aufgerollten Linie stehend, sich bestrebte, einen erkorenen Japaner gut aufs Korn zu nehmen, empfand er ihm gegenüber einen schrecklichen Haß, obwohl er ihn bisher nie gesehen hatte. Als er sah, daß der Japaner von seiner Kugel fiel, empfand er eine große Befriedigung. Die Japaner griffen in dichten Maffen an; sie stürmten vorwärts, klommen empor wie schwarzes Gewürm und unter dem Kugelregen kollerten sie haufenweise bergab. Sie rückten aber immer vor, bis es zu einem Kampf auf Bajonette kam. Da verlor Schlomke die Zurechnungsfähigkeit. .Er wollte was beginnen, rannte hin und zurück, rief, aber ganz unbewußt. Erst später als der Angriff zurückgewiesen war, die Japaner zurückwichen und der Kommandant seinen „Kindern" für den tapferen Kampf dankte, erfuhr er, was er vollbracht hatte. Der Kommandant blieb vor ihm stehen, klopfte ihn auf die Schulter und sagte mit einem Lächeln: „Und Du Schlomke bist ein Held gewesen; du hast einen japanischen Obersten ausgezeichnet aufs Bajonett gespießt. Ich danke Dir." Dann erzählten ihm die Kameraden, daß er, Schlomke sehr viele Japaner ins Jenseits spediert'hat. , „Es hat nichts auf sich, daß er ein Jude ist", fügte man zu diesem Lob hinzu, „das Bajonett handhabte er nicht schlechter als wir." Dieses Vorhalten seines Judentums, das ihn früher immer geschmerzt hatte, verletzte ihn diesmal nicht. Er fühlte darin weder einen Vorwurf, noch die Absicht, ihn zu demütigen, sondern eine Toleranz und ein Vergessen an sein Judentum, was ihn mit Stolz erfüllte, seiner Seele ein nie empfundenes Gefühl einhauchend. Für Schlomke war dies ein glücklicher Tag. Nach der Attake verstummte die Kanonade; die Japaner erneuerten an diesem Tage nicht den Angriff. Aber Tags darauf gleich beim Morgengrauen donnerten neuerdings die Geschütze — und nach einer Viertelstunde des Kampfes lag Schlomke schon blutbespritzt aus dem Boden. (Schluß folgt.) Literatur. S. H. Lieben, Handschriftliches zur Geschichte der Juden in Prag in den Jahren 1744—1754. Sonderabdruck aus dem Jahrbuch der Jüdisch-israelitischen Gesellschaft 1904/5. Frankfurt a. M. I. Kauffmann, Preis 4 Mark. Der Name Lieben hat in der Erforschung der Schicksale der Prager Judengemeinde einen guten Klang. In den Fußtapfen .Koppelmann Liebens begegnet uns der Verfasser einer aufschlußreichen Handschrift derPragerJuden-Gemeindebibliothek, die durch ein Manuskript im Besitz des Breslauer Rabbinerseminars wesentlich ergänzt wird. Die deutsche Uebertragung der hebräischen Texte ermöglicht nicht allein weiteren Kreisen die Benützung, sie bewahrt auch vor Jrrtümern in der Lesung der Originale. Läßt doch — ein Freund weist uns darauf hin — ein Wiener Historiker auf Grund eines solchen Mißverständnisses den Wormser Juden den Handel mit „goldenen Stöcken" statt „gülden Stecken" — Goldbrokat verbieten und ein sonst ausgezeichneter Forscher in einer französischen Zeitschrift nach einer falschen Lesung eines hebräischen Manuskriptes der Wiener Hofbibliothek ein Schiff mit „kupfernen Kannen" statt „Kanonen" armieren. Wie leicht kann da der Laie straucheln! Wichtig find in der vorliegenden Publikation die Stellen, die über die Prager Judenaustreibung 1744 neues Material bieten (I. 8, 10, 13, 17; II. 6 vor allem), wobei der Anteil der Wiener Juden an der Rehabilitierung der Prager bei Hofe (II. 21) besonders betont sei, ferner die Bestätigung der bisher bekannten Berichte über den Eybeschütz-Emden-Streit (I. 28) und die Notiz über die von Herrn Minister Rezek so trefflich behandelte Abrahamitenbewegung (II. 31). Herr L., der sich uns übrigens in einer Inschrift als stiller Teilnehmer der Bondy'schen Arbeit entpuppt, möge in der Herausgabe der nun wohl geordneten Handschriften-Schätze der Prager Gemeindebibliothek fortfahren! Die Wissenschaft wird ihm dafür herzlichen Dank wissen. Dr. M. G. Simson. Ein biblisches Drama in vier Akten, aus dem Nachlaße des Verfassers Samson Zuckermandel s. A. aus Ung.-Brod, herausgegeben und mit einer deutschen Einleitung versehen von Dr. M. S. Zuckermandel Auf Konen der Kinder des sel. Verfassers gedruckt und der Ertrag der Chewra-Kadischa in Ung.-Brod gewidmet. Breslau 1966. Kommissionsverlag von H. Fleischmann. In Vorwort und Einleitung, die zusammen etwa den dritten Teil des ganzen Buches umfassen, gibt der verdienstvolle, gelehrte Herausgeber eine äußerst interessante Schilderung der Entstehung des vorliegenden Dramas und der mannigfachen Schicki ule des Manuskriptes.