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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 524 Dr. Bloch's Wochrnfthrrfk. Nr. 31 er weiß, was zu ihm gehört!" Aber solch eine Belobung schmeichelte ganz und gar nicht Schlomkes Eigenliebe, im Gegenteil, er fühlte sich von ihr verletzt. Warum soll er, der Hebräer, immer nur schlechter und nie bester als andere sein? Und so konnte er von seinem Judentum, das man ihm auf Schritt und Tritt zum Vorwurf machte, sich nicht aufrichtig befriedigt fühlen. Er hatte die Empfindung, als hätte er seinem Vorgesetzten und Kameraden gegenüber etwas verschuldet, als hätte er noch etwas, was ihm oblag, nicht ausgeführt. Und diese fortwährende Sorge beraubte ihn bis zu diesem Maße der Ungezwungenheit, daß es ihm schien, er könne nicht allen frei in die Augen schauen. * * * Da brach der Krieg aus. Was ein Krieg eigentlich ist, das wußte Schlomke sehr gut und noch von früher her, ehe er Soldat wurde. Er wußte, daß der Krieg hier auf Erden nur zum Schein ausgefochten wiü» . . . Hier kämpfen die Masten miteinander, aber der hauptsächliche und entscheidende Kampf findet immer dort in der Höhe zwischen den Schutzengeln der sich befehdenden Nationen statt. Und schließlich siegt nicht diese Nation, welche mehr Soldaten und Kanonen besitzt, sondern jene, deren Schutzengel stärker ist.*) Seitdem er zum Militär gekommen war, hatten sich seine Anschauungen sehr geändert. Der Gesichtskreis seiner Begriffe hatte sich erweitert; er begann viele Dinge zu begreifen, für welche er vorher kein Verständnis hatte. Er begriff nämlich, wozu jene Märsche und die verschiedenartigsten militärischen Formationen, die er vorher als Unsinn betrachtete, notwendig find. Trotzdem glaubte er, daß der Tod im Kriege nur von Gott abhänge, und als sein Regiment Marschbefehl erhielt, erschreckte ihn ganz und gar nicht die Eventualität des Todes. Wenn ihm bestimmt sei, zu sterben — wird er sterben, und wenn nicht, wird er unversehrt aus dem Kriege heimkehren. Dafür beunruhigte ihn etwas anderes. Im Krieg muß man Menschen Men? Wie wird er, Schlomke, im Stande sein, einen Menschen zu töten? Er konnte sich nicht vorstellen, wie Menschen einen gewissen Punkt besetzen, einander gegenüber Posto fassen und sich zu töten beginnen; er bemühte sich auch vergeblich auszumalen, woher er so viel Mut nehmen wird, um daran teilzunehmen. Er vermochte es auch nicht zu fassen, wie ein Mensch auf-dem Fleck ausharren kann, wenn ersieht, daß man auf ihn schießt und ihn mit aufgepflanzten Bajonett attackiert. Es kam chm vor, daß er unter gar keinen Umständen dies vermögen, sondern sicherlich die Flucht ergreifen wird. Er ärgerte sich zwar, wie die Kameraden sich über ihn lustig machten: „Nun, Schlomke, wie du nun den ersten Japaner erblickst, wirst du sicherlich Reißaus nehmen", — im Innern aber fühlte er, daß sie recht haben... * * * Es kamen lange, langweilige, eintönige Tage und Nächte. Unaufhörlich hallte in den Ohren das monotone Getöse des rollenden Eisenbahnzuges, das Geräusch und Lachen der Umgebung. Felder, Städte, Wälder, Dörfer, Berge blieben zurück und verschwanden, die Bänder der Flüsse schimmerten und der Bahnzug rumorte und schnaufte, eilte voran, immer näher und näher diesem schrecklichen, geheimnisvollen Kriege. Und je mehr der Zug sich dem Ziele näherte, desto stärker empfand man das ganze Grauen, die elementare Macht und das Rätselhafte, die den Krieg umgaben. Es schien, daß ein Etwas in der Lust schwebe, das auf die Nerven einwirkt und sie erregt, unbestimmte Empfindungen erweckend, die übrigens mit einer Furcht nichts gemein hatten. Im Gegenteil, wie in Erwartung ungewöhnlich interessanter Ereigniste stieg bei den Soldaten der Mut und die Bravour. Diese ganze Masse, diese ganze Menschenflut, die wie mächtige Ströme von allen Seiten heranfloß, diese fortwährend vorbeipaffierenden Trains mit Vorräten und Kanonen, *) Nach einer Volkssage besitzt jede ihren Schutzengel, der über ihr Wohl wacht. Wenn auf Erden die Nationen einen Krieg miteinander zu führen beginnen, nehmen ihre Schutzengel gleichfalls den Kampf miteinander auf. diese ununterbrochenen Gespräche über den Krieg, die etwas Betäubendes und Geheimnisvolles an sich hatten — all dies brachte bei den Menschen eine gewisse eigenartige Stimmung hervor. Wenn Schlomke diesen schrecklichen Krieg, dem alles entgegenstrebte, sich versinnbildlichen wollte, verspürte er immer die Empfindung, daß dies unendlich Gräßliche irgend ein häßliches Bild sei, wo auf Schritt und Tritt Blut fließt und die Furcht wächst. Er gewahrte aber mit Erstaunen, daß, je näher sie dem Kriege kamen, das Chaos immer größer werde, aber der Schrecken stellte sich noch nicht ein. Allenthalben auf den Stationen wimmelte es von Pferden, Menschen, Wagen und aufgetürmten Bagagestücken, überall herrschte Eile — sonst aber nichts. Es gab keine Furcht. Schlomke fühlte sich innerlich ruhig. Die allgemeine Stimmung, wie auch das Interesse für die Umgebung hatten das Gefühl der Selbsterhaltung ganz betäubt. Es schien ihm, es sei ihm einerlei, ob er fällt oder am Leben bleibt. Der Krieg nahm sein Interesse ausschließlich in Anspruch. Wenn er innerlich die Frage aufstellte, was der Krieg ihn eigentlich angehe und ob es nicht egal sei, wer siegen wird, die Russen oder die Japaner — fand er gar keine Antwort; er fühlte aber in seinem Innersten, daß er nur den Russen aufrichtig einen Sieg wünsche. Es war ein Etwas, daß ihn mit den Reihen dieser grauen Söldner und mit diesem Rußland, in welchem er geboren und erzogen wurde und das er weit hinter sich zurückgelassen hatte, verband. Das ist nicht der eigentliche Krieg, dachte er, sondern erst ein Vorspiel. Wenn es ernstlich beginnen wird, wenn die Kanonen donnern werden, Menschenblut die Wahlstatt tränken wird, dann wird sich auch die Furcht einstellen. Jetzt sind sie aber schon an der Stätte des „eigentlichen Krieges", sie sind nicht mehr in engen und dumpfen Waggons zusammengepfercht, sie weilen nicht in einer fremden chinesischen Stadt, wo der Oberkommandierende eine Revue abgehalten hatte, sondern sie marschieren schon nach ihren Positionen. Der Marsch ist, aufrichtig gesagt, beschwerlich, die Hitze furchtbar, Tornister und Gewehr schwer, der Marsch verursacht wahre Qualen — trotzdem aber gibt es gar keine Furcht. Im Gegenteil, ringsum ist es sehr schön. Man sieht schöne Felder, Berge, auf welchen Soldaten und Kanonen postiert sind. Man begegnet auch Wagen mit Verwundeten, die ächzen und stöhnen, aber Schlomke empfindet nicht aus diesem Anlaß jene Angst, die er erwartet hatte. Und Schlomke wunderte sich über sich selber, woher die Ruhe und Gleichgiltigkeit gegen menschliche Leiden stamme. Und vielleicht beruht das Entsetzen des Krieges darin, daß man schreckliche, entsetzliche Dinge sehen kann, ohne Schrecken zu empfinden? fiel es ihm ein. Sie erreichten ihre Stellungen. Auch hier gab es nichts Schreckliches. Ein von Gräben und Wällen durchzogener Berg, Soldaten, Kanonen, Zelte — all dies konnte ihn nicht erschrecken. Ringsum und in der Ferne dehnten sich gleichfalls Berge und Getreidefelder aus. Das sollte ihn erschrecken! Das ist nur jetzt so, dachte Schlomke, so lange es nicht beginnt; wie das Kanonenfeuer zu wüten beginnt und die Menschen fallen werden, dann wird auch der Schrecken sich einstellen. Und Schlomke erwartete mit einem gewissen Beben und Ungeduld diesen Schrecken. Er fürchtete ihn, gleichzeitig aber wünschte er, ihm Aug' ins Aug' zu blicken. Schließlich begann es. Aber ganz anders, als er erwartet hatte. Er hatte sich vorgestellt, daß das Blut sofort zu rinnen beginnen wird und er gleich von Angesicht zu Angesicht vor dem Feinde stehen wird. Es erfolgte aber nichts Derartiges. Irgendwo in der Ferne donnerten Kanonen, anfangs einzeln mit Intervallen, dann immer häufiger und in größerer Nähe. Er glaubte, daß mit Beginn der Schlacht ihre Reihen in Unordnung geraten werden — aber nichts Derartiges geschah. Die Soldaten lachten, scherzten, die Offiziere rauchten Zigaretten, plauderten, schauten durch Ferngläser. Schlomke beruhigte sich auch vollständig; bis zu „ihnen" wird es gar nicht kommen.

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