Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. JBiocD » ÜGIocDenscbrtn. Seite 523 Spitze, begleitete ihn zur Bahn. Unter anderen waren auch die hiesigen Bankdirektoren Herren Peretz Süßmann und Natan Kern am Bahnhose erschienen, um von ihrem Freund und Lehrer Abschied zu nehmen. Plauui almauni. Hohenstadt (Mähren). Unsere Gemeinde ist von einem schweren Schicksalsschlage heimgesucht worden. Am 22. d. ist nach kurzem Leiden die Frau Johanna Singer, die Schwiegermutter des Herrn Doktor- Bacher, hier im Alter von 92 Jahren gestorben. Eine edle Frau und treue Tochter unseres Bekenntnisses sank mit der teueren Heimgegangenen ins Grab. Nach dem Ableben ihres Mannes Michael Singer, dessen Andenken noch heute im Volke lebhaft fortlebt, hat die Verklärte ihren schönsten Lebensinhalt darin erblickt und betätigt, die Tradition ihrer Ahnen fortzusetzen, vor allem in der Entfaltung der Wohltätigkeit. Die allgemeine Beliebtheit, deren sie sich erfreute, fand Ausdruck bei dem imposanten Leichenbegängnisse am 25. v., an welchem außer der Einwohnerschaft der hiesigen Juden- und Christengemeinde, der Beamten und Betörden der Stadt, auäi noch zahlreiche Deputationen aus verschiedenen Vereinen und Korporationen teilnahmeu. Im Trauerhause hielt vor einer zahlreichen Versammlung Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. G ü n z i g aus L o s ch i tz einen tiefempfundenen Nachruf, in dem er ein treues Bild von dem gottgesegneten Leben der Verblichenen entwarf. (Kewitsü). Herr Leo S ch i m k o w i t s ch. derzeit Kantor, Schochet und Chordirigent in Troppau, wurde in der Kultusausschußsitzung vom 29. Juli l. I. mit einhelligem Beschlüsse zum Kantor, Koreh und Schochet unserer Gemeinde gewählt und tritt mit 1. September l. I. diesen Posten an. Ritualmord-Märchen. B u d a p e st. Ueber ein Ritualmord-Märchen wird aus Nagymarton berichtet: Kürzlich erschien eine Anzahl aufgeregter Bauersleute beim hiesigen jüdischen Restaurateur Tik und forderte die Herausgabe eines Knaben, der von daheim verschwunden war und wahrscheinlich nun schon „durch die Juden abgeschlachtet" sei. Es wurde eine förmliche Hausdurchsuchung abgehalten, bei welcher man den Knaben nicht fand. Die Aufregung stieg immer mehr, bis man am andern Tag den Knaben auf der Straße herumirrend auffand. Dadurch glätteten sich wieder die Wogen der Erregung. Wahrscheinlich wird die Sache noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Jüdischer Bürgermeister. Wie wir erfahren, ist bei der kürzlich in Kimberley (Kapland) erfolgten Neuwahl des Bürgermeisters ein Jude, Namens Sagar, gewählt worden. Er ist der erste Jude, der in Kimberley dieses Amt bekleidet. Jedoch wirkten in anderen Städten Britisch-Süd-Afrikas schon öfters Juden als Gemeindeoberhäupter, wie z. B. in Kapstadt Mr. Langermann. Mr. Sagar ist zwar aus Liverpool gebürtig, scheint aber, wie schon ein Name besagt, aus Rußland zu stammen. Güttingen. (Versagte Bestätigung.) Der vor Kurzem erfolgten Wahl des Herrn Dr. Sonderling in Berlin zum Rabbiner der Synagogengemeinde Göttingen ist die ministerielle Bestätigung versagt worden, weil der Gewählte Ausländer ist. Die Gemeinde hat sich nun noch einmal mit einem Gesuche um Genehmigung an den Minister gewandt. Feuilleton. Das Sanlrt-Andreas Kreuz. E i ii e S! i z z e aus dem r u s s i s ch - j a p a n i s cb e n K r i e g e. Von M. P r u w a n s k y. Deutsch von H. S. Seit Schlomke Epstein ohne einen Arm und ein Bein aus dem Kriege heimgekehrt war, hatte er sich ungewöhnlich verändert; er sah ganz und gar nicht einem Juden ähnlich. Vor dem Kriege und umsomehr bis zur Rekrutenanshebung war Schlomke ein ganz unansehnlicher Mensch und spielte im Leben beinahe gar keine Rolle. Wenn Jemand ihn anblickte, konnte er wähnen, dieser Mensch sei nur durch irgend ein Versehen auf Gottes Welt gekommen, denn er war aus ihr vollständig überflüssig.' * Tatsächlich hatte Scblomke auch nichts mit dem Leben gemein. Er legte seinen Weg zurück, ihn zur Seite lassend, es schien, er sößDur Welt gekommen, nicht um zu leben und zu sterben, sondern um sich bei Lebzeiten gut auf den Tod vorzubereiten, nach welchem er nach seiner unbeugsamen Ueberzeugung das eigentliche Leben beginnen sollte. Und da nach seiner Meinung nur eifrige Talmudstudien ihm ein solches zu sichern vermochten, so tat tr nichts anderes, sondern saß über den Folianten gebeugt und ergründete die in ihnen enthaltene Weisheit. Und er ging so in seinem Studium aus, daß er ganz und gar nicht gewahrte, daß er ins zwanzigste Lebensjahr getreten. Wenn man sich so ausdrücken darf, ging Schlomke in sich und öffnete erst dann die Augen, als er zur Rekrutenaushebung einberusen wurde. Schlomke und eine Assentierung! Konnte es etwas Widersprechenderes, Schrecklicheres geben? Eine Aushebung war nicht das für ihn, was der Militärdienst für andere ist: das Verlassen des Heims der Familie, der Bekannten, das Anlegen einer Uniform und auf Befehl verschiedene Dinge zu vollführen; für ihn war es dasselbe, wie aufzuhören, ein Jude zu sein. Abgesehen davon, daß man als Soldat nicht mehr bei den Büchern sitzen und sich ihre Geistesschätze für die Zukunft aneignen kann, man überdies beinahe ganz mit dem Judentum brechen muß. Von dem Soldatenmantel angefangen bis auf die militärische Kost, all dies ist eine Verletzung der Ritualvorschriften. Es ist auch leicht begreiflich, daß die Einberufungskarte aus ihn wie ein Donner vom klaren Himmel fiel. Was war aber zu tun? Die Kommission erklärte ihn für diensttauglich. Und so geschah es eines Morgens, daß Schlomke Epstein ausbörte, ein guter Talmudist zu sein, ein Mensch nicht von dieser Welt, und sich in einen regulären Infanteristen des neutscherkessi'chen Regimentes verwandelte. Aber Schlomke begann rasch die neue, ihm bisher ganz unbekannte Weisheit, über die er sich innerlich lustig machte, sich anzueignen. Selbst dann, als man ihm eine Flinte in die Hand gab und ihm zeigte, wie mit ihr umzugehen, begriff er rasch, worauf es ankomme, und machte sich bald mit ihrem inneren Mechanismus bekannt. Es war ganz und gar nicht lächerlich; im Dienste erwies er sich sogar überlegter als andere. Nichtsdestoweniger war er nur der Schlomke, der die russische Sprache durch einen schrecklichen Akzent verstümmelte, und so ist es leicht begreiflich, daß die Kameraden sich über ihn lustig machten. Am häufigsten lachten sie zwar gutmütig, ohne Bissigkeit, aber sie lachten. Als er sich schon in die neue Lage hineingelebt, an die russische Sprache und die Gesichter seiner Gefährten gewöhnt hatte, begann er sich für die Umgebung, in welcher er auch deren Charakter entdeckte, zu interessieren. Die Gespräche der Soldaten hörten auf, ihm wie zu Anfang gedankenlos und ihre Spässe immer dumm vorzukommen. Er machte auch die Wahrnehmung, daß sie ganz und gar nicht so schlecht find und daß man bei vielen häufig viel Gutmütigkeit und Herzensgüte findet. Anfangs verwunderte ihn das, denn früher hatte er sich all dies in einem ganz anderen Lichte vorgestellt. Nach seiner Ueberzeugung waren nur die Hebräer gutmütig und herzlich; „jene" besaßen nicht diese Eigenschaften. Jetzt aber zeigte es sich unverhofft, daß „jene" sie gleichfalls besitzen. In Schlomkes Seele ging, ihm unbewußt, eine Wendung vor sich. Dieses Gefühl der Selbsterhaltung, das ihm hieß, aus Furcht wegen Unversehrtheit seiner Haut sich von den anderen fern zu halten, schwächte sich jetzt bedeutend ab. Zwischen ihm und manchen Soldaten begann sich eine Annäherung herauszubilden, die sie immer mehr mit einander verband. Und je mehr die Annäherung zwischen ihm und der Umgebung Fortschritte machte, desto mehr verschwand seine Einseitigkeit. Im Laufe der drei Jahre, die er in der Kaserne zubrachte, war er im vollen Sinne des Wortes ein guter Soldat, er war in der Ausübung seiner Obliegenheiten so pünktlich und gewissenhaft, daß man ihn nicht nur nicht tadelte, sondern anderen als Beispiel hinstellte: „Schaut, das kann Jud, und wie vortrefflich