Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Dr. JBiocD’s Mwcvensevnn. Seite 519 Nr. 31 von Wem sie Schutz erwarten darf. Es gibt immerhin einen Schutz, den die französische Regierung den Unglücklichen, die ihn suchen wollen, gewähren kann, indem sie in den Hafen von Odessa Schiffe schickt, um die Unglücklichen aufzunehmen und ihnen unter der französischen Flagge eine Zuflucht zu geben. Keine politische Rücksicht könnte solche Maßnahmen hindern und Menschlichkeit. verlangt sie. Wir kennen Ihre persönlichen Gefühle zu gut, um an der freundlichen Aufnahme unseres Gesuches zu zweifeln. Genehmigen Sie, Herr Minister, den Ausdruck unserer ehrerbietigen Achtung. (Folgen die Unterschriften.) Ermordung des ehemaligen Dumaabgeordneten Michael Herzenstein. Petersburg, 1. August. Wie den Blättern aus Terijoki (Finnland) gemeldet wird, wurde gestern abends das ehemalige Mitglied der Duma Michael Herzenstein, als er mit Frau und Tochter am Meeresstrande spazieren ging, durch Schüsse, die aus einem unbewohnten Gebäude abgefeuert wurden, getötet. Die Tochter wurde an der Hand verwundet. Der Mörder entkam. Der Mord ist ein politischer Meuchelmord. Die Mitglieder der patriotischen Vereinigung, der sogenannten „echt russischen Männer", haben schon längst den jüdischen und radikalen Deputierten mit dem Tode gedroht. Jetzt haben sie mit Herzenstein, der jüdischer Abstammung war, den Anfang gemacht. Auffallend ist, daß in Moskau schon gestern nachmittags sich das Gerücht verbreitet hatte, Herzenstein sei in Terijoki ermordet worden. Der ehemalige Dumaabgeordnete Dr. Jollos fragte gestern um 6 Uhr nachmittags telephonisch in der Redaktion der „Rjetsch" aus Moskau an, ob es wahr sei, daß Herzenstein ermordet worden ist. Der „Vossischen Zeitung" wird aus Petersburg berichtet: Herzenstein wurde durch zwei aus dem Hinterhalte abgeseuerte Kugeln niedergestreckt. Bemerkenswert ist, daß ein Moskauer Blatt die Nachricht von seinem Tode bereits vor der Verübung der Tat gebracht hatte. Herzenstein war Abgeordneter von Moskau, wo er eine Professur der Nationalökonomie innehatte. Er gehörte zum linken Flügel der Kadettenpartei, in welcher er zusammen mit Petrunkewitsch, Professor Petroschycka und dem Advokaten Winawer zu den anerkannten Führern der Partei in der Duma gehörte. Als hervorragendes Mitglied der „Kadetten"-Partei war Herzenstein mit der Ausarbeitung des von der Partei der Volksfreiheit in der Duma eingebrachten Agrarprojektes betraut, welches er in glänzenden und geistreichen Reden in der Duma mit durchschlagendem Erfolg verteidigte. Seine Schöpfung mißfiel den reaktionären Adelsparteien, so daß das Organ der „Schwarzen Hundertschaften", die „Moskowskija Wjedomosti", einen Kampf gegen Herzenstein eröffnete und verletzende Insinuationen gegen ihn schleuderte. Die Borgänge im sächsischen Garten in Warschau. Berlin, 31. Juli. Aus Warschau, 29. Juli, berichtet der Korrespondent der „Vossischen Zeitung": „Gestern um 7 Uhr abends befand ich mich in der Wohnung eines meiner Bekannten auf der Nikolaistraße 14. Das Haus grenzt an den Sächsischen Garten, und die Fenster der Wohnung gehen auf den Garten. Der Garten war wie gewöhnlich am Samstag von jüdischem Publikum überfüllt. Plötzlich fiel im Garten ein Schuß. Ich trat ans Fenster und sah, wie das Publikum, zwar offenbar beunruhigt, jedoch ohne Uebereilung den Garten verließ. Eine Weile war es ruhig. Nach etwa fünf Minuten aber fielen vier oder fünf Schüsse, und dann folgte Knall auf Knall. Ich erblickte Männer, Frauen und Kinder, in wilder Flucht der Niealastraße zueilend und von einigen Polizisten, die unaufhörlich feuerten, verfolgt. Ich eilte hinunter und fand im Hausflur einen etwa 36jährigen Mann mit durchschoffenem Kopf in den letzten Zügen und auf dem Hofe einen jungen Mann mit durchschoffenem Bein, das einige Mitleidige zu verbinden suchten. Ich telephonierte sofort an die Freiwillige Rettungsgesellfchaft, die 10 Minuten später auf dem Platze erschien. Wie ich erfahre, find noch fünf Personen — zwei sollen inzwischen gestorben sein — verwundet worden. Der Polizeibericht spricht von einigen Schüssen, die „Unbekannte" abgegeben haben sollen, und erwähnt nichts von den Polizisten. Ich stelle als Augenzeuge fest, daß die Polizisten es waren, die gefeuert und den Mann — er hieß Nute Schlack und war Schneider — auf der Straße vor dem Tore des Hauses Nr. 14 erschossen und den jungen Mann verwundet haben. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß der erste Schuß von einem Provokateur abgefeuert wurde und daß man es mit einem der vielfachen Versuche, einen Pogrom herbeizuführeu, zu tun hat. Moskowitische Art. Unter dem Titel „Moskowitische Art" berichtet der Londoner „Daily Graphic" über eine Unterredung, die sein Odeffaer Korrespondent mit dem Gouverneur von Odessa, General Kaulbars, hatte. Der General gestand zu, daß die Lage in Rußland eine sehr ernste sei, und sprach dann von den „unerträglichen, arroganten Prätentionen der Duma", deren Auflösung er als ganz gerechtfertigt bezeichnete. Es heißt dann in dem Bericht: „Mit starrem, unbilligem Rassenvorurteil gab Kaulbars den Juden die Hauptschuld an den beklagenswerten Zuständen in Rußland. Er erklärte, er werde die größten Anstrengungen machen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, fügte aber hinzu: „Allerdings kann ich nicht dafür garantieren, daß es keinen Pogrom geben wird." Amtliche Aufforderung zur Veranstaltung einer Judenhetze. Petersburg, 27. Juli. Die „Rjetsch" meldet aus Wladikawkas: Die amtliche Zeitung „Terskija Oblastnija Wjedomosti" fordert die Kosaken auf, sich die judensreundlichen revolutionären Abgeordneten vom Halse zu schaffen. Man macht sich in der Stadt auf eine Judenhetze gefaßt. Petersburg, 27. Juli. Dem „Dwadzaty Wjek" zufolge werden in Odessa viele Mitglieder des dortigen jüdischen Selbstschutzes verhaftet. Wie die „Rjetsch" meldet, befinden sich im Odeffaer Krankenhause elf schwerverwundete Juden, von denen viele kaum mit dem Leben davonkommen dürften. Die Odeffaer Zeitung ..Rußkaja Rjetsch" hetzt maßlos gegen die Juden und fordert die Bevölkerung auf, den Juden den Garaus zu machen. Die Juden flüchten in Massen. Eisenbahnfahrkarten werden bereits für alle Züge der nächsten Tage im voraus verkauft. Die Polizei verhaftete schon gegen hundert Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes, die in den Polizeiwachstuben mit Gummiknütteln und Totschlägern barbarisch geprügelt werden. Marienbad. (H e rz l -G e d e n k f e i e r. — Trauergottesdienst für Bialystok. — Prvtest - Versa m m l u n g Bialystok. — Zionistische Familienabende.) Am 12. v. M. fand, wenn auch nicht offiziell, in der Synagoge in Verbindung mit dem Abendgebete unter Teilnahme zahlreicher Gäste, auf vielfach geäußerten Wunsch eine Jahrzeitfeier für Theodor Herzl statt. An dieselbe schloß sich die Gedenkfeier im Saale des Restaurant Stein, bei welcher Herr Rabbiner Dr. Goldberger einer ansehnlichen und distinguierten Versammlung in meisterhafter Rede das Lebenswerk Herzls vorführte und für seine Ausführungen begeisterten Beifall erntete. Nachdem Schriftsteller Brainin eine Charakteristik der Persönlichkeit Herzls mit Benützung noch unveröffentlichter Briefe gegeben, wurde die Abhaltung allwöchentlicher Familienabende beschlossen. — Mittwoch den 18. v. M., abends halb 8 Uhr, strömten viele Hunderte von Männern und Frauen in die Synagoge, woselbst die israelitische Kultusgemeiudc Marien-