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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 518 Dr. Llocb's Miocbenscbrttl. Nr. 31 selbständige Auslreten der Juden im politischen Kampfe sür ein Verbrechen halten, wird zu solchen Mitteln, wie Judenhetzcn, gegriffen. Hierbei gibt es nur einen Ausweg und eine Abhilfe: das ist die volle Gleichberechtigung der Juden. Die rechtlose Stellung der Juden ist die Quelle aller Erniedrigung und Schande: sie muß daher aufgehoben werden. Nur die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden kann der unleidlichen Lage der Dinge ein Ende machen. Diese Gleichberechtigung^ fordert ebenso das Volksgewissen wie der öffentliche Nutzen, denn mit der Gleichberechtigung schwindet jenes Ungetüm aus Rußland, welches man die Judenfrage nennt." Zur Lage der Juden in Ungarn. Die derzeitige Lage der Juden in Ungarn scheint eine durchaus bedenkliche und die politische Situation infolge der Etablierung der Koalitionsregierung nicht ohne Gefahr. Einen wichtigen Bestandteil der Koalition bildet bekanntlich die antisemitische Volkspartei und wir in Oesterreich haben die Erfahrung gemacht, daß bei einer solchen Bundesgenossenschaft mit antisemitischen Elementen nach und nach die übrigen Parteien antisemitisch verseucht werden. Nicht die fortschrittlichen Elemente beeinflussen die Antisemiten, sondern umgekehrt jene werden infiziert. Die Krankheit ist ansteckend, niemals aber die Gesundheit. Das zeigte sich auch bei dem jüngsten Wahlkampf im VIII. Budapester Wahlbezirk zwischen B a r a b a s und E ö t v ö s. Wiewohl B a r a b a s niemals zur antisemitischen Partei gezählt wurde und er jeden Verdacht des Antisemitismus zweifellos mit Recht entschieden ablehnen wird, wurde dennoch der Wahlkampf mit antisemitischen Waffen geführt nnd die antisemitische Idee hat den ganzen Wahlkampf beherrscht. Die Agitation B a r a b a s gegen Eötvös hat sich antisemitischer Waffen bedient. Die Agitation entwickelte sich nach bewährten antisemitischen Vorbildern. Die Wähler des Karl Eötvös, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, wurden auf offener Straße mit antisemitischen Beschimpfungen insultiert, wie „Nieder mit dem Verteidiger der Juden!". „Abzug Tisza-Eszlar!" „Hinweg nur. dem Vertreter der Schächter!" Als der demokratische Abgeordnete Dr. Ernst B r o d y in einer Wählerversammlung die Wahl des Karl Eötvös empfahl, ertönten plötzlich die Rufe: „Eine Judenschule ist das!" „Nieder mit den Judenhunden!" „Nieder mit Eötvös!" „Eljen Barabas!" Derjenige aber, der diese Rufe ausstieß, war e i n Polizist Nr. 614, Josef Schasranik. Selbstverständlich haben diese Vorgänge in Kreisen jüdischer Wähler ungeheuere Verbitterung hervorgerufen und die Wählermafsen für den Kandidaten Karl Eötvös entflammt. In der Tat wrnde Eötvös mit 3518 Stimmen gegen 2562, welche auf Bela Barabas entfielen, gewählt. Die Wahlvorgänge zeigen jedenfalls, welche Leidenschaften im Hintergründe der Volksseele schlummern, und unsere Glaubensgenossen werden gut tun, sich auf alle Eventualitäten vorzubereileu. Korrespondenzen. Oesterreichs in tiefer berechtigter Sorge um ihre unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland an Eure Exzellenz die Bitte gerichtet, gemeinsam mit den Repräsentanten anderer Mächte an die russische Regierung die Mahnung richten zu wollen, daß dieselbe den seit Jahren und Jahrzehnten sich wiederholenden Pogroms, bei welchen Tausende und Tausende unserer Glaubensbrüder organisierten Mörderbanden schutzlos preisgegeben werden, endlich Einhalt gebiete. Die Erregung, welche solche Vorgänge — Kischenew, Homel, Schitomir, Kiew u. a. — in der ganzen gesitteten Welt hervorriefen, ist noch nicht gewichen, und wieder dringt zu uns die Kunde von neuen grausamen Verfolgungen. Noch vernehmen wir täglich und stündlich das Wehklagen der aus Rußland flüchtenden Opfer früherer Exzesse, und schon schließen sich ihnen in gleich namenloser Bedrängnis die zu Bettlern gewordenen Hinterbliebenen der jüngst in Bialystok Ermordeten an. Diese Exzesse sind um so nichtswürdiger, gefährlicher und empörender, als deren Vorbereitung und Durchführung — allen bei uns einlaufenden Nachrichten zufolge — geradezu auf die Urheberschaft und tätige Mitwirkung der kaiserlich russischen Negierung, nämlich jener öffentlichen Autoritäten, welche die Regierung zu repräsentieren berufen sind, Hinweisen. Einige Zeit vorher ist der Ausbruch des Pogroms an dem betreffenden Orte aller Welt bekannt: den bedrohten Juden, welche kompetenten Ortes um Schutz bitten, wird derselbe verweigert; dort, wo sich dieselben als Abwehr organisieren, werden sie von den Behörden zwangsweise entwaffnet. Polizei und Militär nehmen eine Haltung ein, welche nicht allein als keine Abwehr, sondern als eine Unterstützung der Räuber und Mörder erscheint, die Amtspersonen, Polizeimeister, Offiziere, Generale, Befehlshaber, Gouverneure, welche jene Exzesse unterstützen, werden seitens der kaiserlich russischen Regierung nicht zur Verantwortung gezogen, ja sogar, wie die Kunde geht, nicht selten befördert. Die Mordbrennerbanden, die Huligans, gebärden sich, als ob sie eine anerkannt kaiserlich russische Regierungsinstitution wären. Eure Exzellenz! Angesichts der erschütternden Ereignisse wiederholen wir unsere Bitte um Intervention der hohen k. u. k. Regierung, bitten wir dringendst, daß dieselbe im Verein mit den anderen Mächten ihren gewichtigen Einfluß geltend mache, daß Rußland dem Bandenunwesen, welchem es im Verein mit Oesterreich-Ungarn in anderen Staaten erfolgreich zu steuern bemüht ist, doch endlich im eigenen Laude ernstlich entgegentrete. Die enge Freundschaft, welche nach der vor wenigen Tagen verkündeten allerhöchsten Thronrede Oesterreich-Ungarn mit dem russischen Reiche verbindet, und das, nach einem Ausspruche Eurer Exzellenz, „zu einer erfreulichen Intimität sich verdichtende Verhältnis zum russischen Nachbarreiche" können es nicht als unberufene Einmischung erscheinen lassen, wenn die hohe k. u. k. Regierung, den Geboten der Menschlichkeit und Gesittung folgend, ihre mahnende und warnende Stimme erhebt. Für den Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien" David R. v. G u t m a n n in. p., Präsident. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien Dr. Alfred Stern m. p., Präsident. Dr. Lieben m. p., Sekretär. Französische Schiffe sür die Odessaer Juden. Wien. <R a ch d e n E r e i g n i s s e n v o n B i a l y- Das Schreiben, mittels dessen das Pariser Zentralkomitee st ok.) Es ist gemeldet worden, daß wenige Tage nach den der Alliance Jsraslite Universelle das französische Ministerium Ereignissen von Bialystok seitens des Vorstandes der Wiener des Auswärtigen ersucht hat, Schiffe nach Odessa zu schicken, israelitischen Kultusgemeinde im Vereine mit dem Vorstande der um den von einem Pogrom bedrohten israelitischen Einwohnern Israelitischen Allianz an den Minister des Aeußern Grafen dieser Stadt eine Zuflucht zu gewähren, hat folgenden Wort- Goluchowski eine Eingabe gerichtet wurde, in welcher die Bitte laut: Paris, den 24. Juli 1906. um einen gemeinsamen Schritt der Mächte in Petersburg er- &crr Minister! neuert wird. Heute liegt uns der Wortlaut dieser Eingabe vor. Mitteilungen aus Rußland lassen uns eine neue Metzelei Sie lautet: in Odessa befürchten. Der Gouverneur dieser Stadt hat böse Eure Exzellenz! Vor wenigen Monaten, im Dezember Aeußerungen getan. Die israelitische Bevölkerung ist in Schrecken 1905, haben unter der Führung des Vorstandes der israelitischen versetzt. Wir müssen fürchten, sie zum anderen Male Räubern Knltusgemeinde in Wien die Vertreter von 427 Kultusgemeinden und Mördern überliefert. gu sehen. Die Bevölkerung weiß nicht,

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