Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 516 Dr. Bloch's Wortzrnsrtzrist. Nr. 31 wurden alsdann sofort in das dortige jüdische Schulhaus überführt, das für die Aufnahme der Elternlosen in allen seinen Teilen hergerichtet und zur Verfügung gestellt worden war. Für die Stimmung in Lemberg ist es bezeichnend, daß das dortige Generalkommando seine Beihilfe für eine zweckmäßige Aufnahme der Kinder in humanster Bereitwilligkeit gewährt hat; es hat aus dem militärischen Depot 120 Matratzen, 120 Decken und 120 Kopfkissen zur Verfügung gestellt, so daß für die Kinder in dieser Beziehung ausgezeichnet gesorgt war. Die Fahrt der Pferdebahnwagen mit den Kindern durch die Stadt gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Die Bevölkerung brachte den Kleinen Ovationen und als die Kinder im Schulhause ankamen, fand eine Bewirtung mit Tee und leichten Speisen statt, während die Bevölkerung noch immer vor dem Hause stand und ihrer Sympathie für die Opfer der Pogrome Ausdruck gab. Vielfach brachte man auch allerlei Gaben für die Kinder, die aber ausnahmslos zurückgewiesen werden mußten, mit Ausnahme von Geldspenden. Sie wurden angenommen, da auf diese Weise das zukünftige Los der Kinder erleichtert werden kann. Es ist dabei zu bemerken, daß auch ein großer Teil der christlichen Bevölkerung Lembergs Geldspenden für die Kinder hergegeben hat. Als Ausdruck der Stimmung der gesamten Bevölkerung kann es endlich betrachtet werden, daß der dortige Stadtrat einstimmig 300 K für die Kinder bewilligte und eine scharfe Resolution der Entrüstung gegen die Urheber der Pogrome annahm. Nach einer gut verbrachten Nacht wurden die Kinder am folgenden Tage wiederum in zweckentsprechendster Weise verpflegt und nunmehr begann für die anwesenden zugereisten Komiteemitglieder und für die heimischen Hilfskräfte, die sich in aufopferndster Weise zur Verfügung gestellt halten, eine außerordentlich schwierige Tätigkeit. Die Kinder mußten durch anwesende Aerzte, die für den Zweck freiwillig arbeiteten, auf das Sorgfältigste auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden. Sie mußten gesondert werden, und es waren Dispositionen zu treffen für die Unterbringung der Kleinen, entsprechend den Bedingungen, die für ihre Aufnahme von Privaten, von Vereinen und von den großen jüdischen Organisationen an den verschiedenen Orten und insbesondere von England und Amerika gestellt worden waren. Diese Arbeit wird in Lemberg noch einige Tage in Anspruch nehmen, da sie mit größter Vorsicht, um allen ausgedrücklen Wünschen entsprechen zu können, ausgeführt werden muß. Es werden dabei aber auch ganz besonders die Intereffen der Kinder selbst zu berücksichtigen sein. Es muß versucht werden, Geschwister in denselben Instituten oder wenigstens in derselben Stadt unterzubringen, und es muß auch in Rücksicht gezogen werden, daß bestimmte Anlagen zu einer gewissen Tätigkeit, die sich bei den älteren Kindern bereits gezeigt haben, in zweckentsprechendster Weise weiter ausgebildet werden können. Ganz selbstverständlich ist es dabei, daß die Kinder ihrem definttiven Bestimmungsort erst dann zugeführt werden, wenn nach sorgfältigster ärztlicher Beobachtung Bedenken in Bezug auf den Gesundheitszustand der Schützlinge absolut nicht mehr bestehen. Es braucht nicht nochmals hervorgehoben zu werden, daß diese mehr als hundert Kinder nicht die gesamte Zahl der Waisen darstellen, denen durch die Pogrome ein so entsetzliches Schicksal bereitet worden ist. Vielfach haben sich die russischen Verwandten von den verwaisten Kindern nicht trennen wollen, vielfach war es auch möglich, die Kinder in russischen Anstalten unterzubringen. Nur dann, wenn unter Berücksichtigung aller Umstände die Fortführung der Kinder als das Geeignetste erscheinen mußte, wurden sie in die Transporte ausgenommen, und auch so beträgt die Zahl derselben über — 100. Die Großloge für Deutschland, in diesem Fall insbesondere der Delegierte derselben, Herr Berget, Fräulein Pappenheim aus Frankfurt und Herr Dr. Kahn vom Zentralberichtsbureau des Hilfsvereines der deutschen Juden sowie Herr Feinberg aus St. Petersburg als Vertreter aller großen in Betracht kommenden Organisationen haben nach außerordentlich mühevollen und langen Vorarbeiten den ersten Teil eines schwierigen humanitären Hilfswerkes in erfreulicher Weise zum Abschluß gebracht. Sie konnten ihr Werk nur lösen, indem sie bereitwillige Unterstützung bei edlen Glaubensgenossen in den verschiedensten Teilen Rußlands fanden. Der zweite Teil der Aufgabe, der nun noch unter der bewährten Leitung der genannten Persönlichkeiten zu lösen bleibt, ist die Unterbringung der Kinder in ihrer neuen Heimat, in der ihnen hoffentlich nach den' entsetzlichen Erfahrungen ihrer Jugend eine bessere Zukunft blühen wird. Wir zweifeln nicht daran, daß die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen nicht Nachlassen wird und daß es möglich sein wird — sollten sich hier und dort Schwierigkeiten ergeben — die Kinder doch ausnahmslos in bester Weise unterzubringen. Die Anmeldungen, die bei Fräulein Pappenheim, der Vorsitzenden der sämtlichen jüdischen Frauenvereine Deutschlands, sowie bei der Großloge für Deutschland und beim Hilfsverein der deutschen Juden in Vervollständigung der Londoner Vereinbarungen eingelaufen sind, lassen es nicht zweifelhaft erscheinen, daß, so weit es in menschlicher Macht steht, die Kinder einer helleren Zukunft entgegengeführt werden. Vom Zabrmarkt des Lebens. Haltet den Dieb! Während unser Blatt in die Maschine ging, explodierte im „Deutschen Volksblatt" noch eine jener Stinkbomben, mit deren Hilfe die Piraten der Gerechtigkeit ihre Diebereien ausführen. Nach „Dreyfus — Hilsner" (Die Verteidiger Hilsners im Lichte der Wahrheit) ist wieder eines jener Glanzstücke der Lüge, die nur ein österreichischer Staatsanwalt ins Volk dringen lassen kann, als hätten gewisse Lumpen einen Freibrief, anderthalb Millionen steuerzahlender, patriotischer Staatsbürger nach Belieben auf das Gemeinste zu schmähen und zu verleumden. Haben die Antisemiten etwa diesen Freibrief bei den Demonstrationen gegen den Kaiser geholt, daß sie mit feigen Drehereien um den Wortlaut des Strafgesetzes herum in der allgemeinen Einleitung sagen dürfen?: Ganz nach dem Muster Dreyfus soll auch bei Hilsner Vorgängen werden. Erst die Begnadigung, dann die Revision! Weshalb die Revision erst nach der Begnadigung erfolgen soll, ist selbst für Nichtjuristen sehr einleuchtend! Die Spuren des Verbrechens, alle Fäden des umständlichen Indizienbeweises zu zerstören, hat man ja dann hinlänglich Zeit. Dort werden Zeugen gekauft, dort Zeugen ins Ausland, eventuell auch in die Ewigkeit befördert, dort Zeugen diskreditiert. Zeugen sterben, das Gedächtnis ist nach zehn Jahren nicht mebr von jener Schärfe wie zur Zeit, als es die ersten Eindrücke empfing, und auch die Sehkraft Pesaks, des Kronzeugen im Hilsner- Prozesfe, die für Hilsner von einer geradezu verhängnisvollen Bedeutung wurde, ist seither gewiß nicht besser geworden. . . . „Zeugen gekauft — Zeugen in die Ewigkeit befördert." „Man" kauft, „man" befördert in die Ewigkeit. Mein Gott, sind wir denn vogelfrei? Das läßt ein- Staatsanwalt drucken, steckt den kleinen Finger in den Mund und fragt: „Mama, was ist ein Verhetzungsparagraph?" Ist „man" darauf angewiesen, sich das Recht mit der Hundspeitsche zu holen? „Man" ist ein lumpiger Verleumder, wenn „man" von jemand anderem behauptet, was die Antisemiten, besonders das „Deutsche Volksblatt" zum Teile tatsächlich getan haben. Sie haben im Hilsner-Prozeß Zeugen in jeder Art präpariert, „man" schwur Meineid auf Meineid, und wenn die unglaubliche Sehkraft dieses Pesak noch um das Zehnfache vermehrt würde, so könnte er in dem „gewissen Prozesse" noch immer kein wahres Wort unter den Zeugenaussagen, keine Spur von Gerechtigkeit, sondern höchstens nur noch einmal die Behauptung Schneiders entdecken, daß der damalige Justizminister v. Ruber, heutige Vizepräsident des Obersten Gerichtshofes, bestochen worden sei. Das ist doch deutlich genug. Nach der Generalverleumdung des Blattes, das davon lebt., daß Lügen geglaubt werden, kommt die „Beleuchtung" eines Spezialfalles, eines Briefes von Dr. Bulowa, welch letzteren Nordau als Vorkämpfer der allgemeinen Meinung von