Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021688--15617-3040393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 31 Sr. Blortz's Wochenschrift. Seite 515 zwanzigsten Jahrhundert einen Hexenprozeß, ging als ein scheußlicher Blutsauger und Mörder in die Judengasse, holte sich dort ein ahnungsloses Opfer und verblieb erbarmungslos als Verfolger, lüstern nach dem Blute eines Menschen. Wie, wenn sich auch die Menschheit in Oesterreich ihrer Menschlichkeit erinnern und beherzt das schmutzige Gewebe antisemitischer Lügen zerreißen würde? Davor zittert Vergani und es zeigt sich, daß in der Redaktion des „Deutschen Volksblatt" volle Kriegsbereitschaft herrscht. Denn heuer fehlen die Reiseberichte fremder Autoren, die Vergani sonst von der Ferne zu senden Pflegt, mit seinem Namen unterzeichnet. Der Meister selbst wacht mit Zaubergewalt über den Feldzug zur Verteidigung der besten antisemitischen Eroberung. Ein zweitesmal wird es ihm nicht gelingen, die Bevölkerung mit seinen Lügen zu verhetzen; das fühlt er wohl, weil man die Antisemiten in ihrer Größe gesehen und dabei in ihrer Niedrigkeit durchschaut hat. Umso wütender verteidigt er den eigenen Besitzstand, der ihm viel heiliger ist als jener der Mühldorfer. „Juden- und Gaunertum" heißt sein jüngster Leitartikel in dieser Sache. Der Titel ist immerhin eine Anerkennung. Wir zum Beispiel werden nie schreiben „Antisemiten- und Gaunertum", sondern ganz kurz Antisemitentum. Würde übrigens jemand den Titel allein lesen, so könnte er wohl glauben, Vergani wolle davon sprechen, daß alle Sträflinge um Hilsner herum rohe Antisemiten waren. Der Artikel aber dreht natürlich die Wahrheit um — im „Deutschen Volksblatt" muß mau alles von rechts nach links lesen. Vor allem wird Max Nordau als Abschaum der Menschheit hingestellt. Der Jnd', Jud', Jud' hat sich erfrecht, mit seinem klaren, hämmernden Pathos der Gerechtigkeit auch den Weg zu Hilsner zu bezeichnen. Er hat an die Gesetze appelliert, aber das kann Vergani nicht dulden, der durch die österreichische Gesetzlosigkeit reich geworden ist. Und so führt er einen alten Wauwau aus dem Stall, damit dieser durch sein Bellen die Antisemiten auf die drohenden Gefahren aufmerksam mache. Er tobt gegen die jüdische Solidarität. Ach, wenn Du recht hättest, Du Ehrenbürger, wie wollten wir froh sein! Aber leider, leider ist die jüdische Solidarität auch bei den Antisemiten eine dumme Lüge, bei den Juden ein frommer Wunsch. So oft das Recht den Juden zu teil wird, heißt es bei Vergani Alliance Jsraelite. Dieser Verein aber ist Vergani deßhalb so verhaßt, weil er hauptsächlich Bildung verbreitet. Aber nicht nur unter den Freien sind wir Juden solidarisch, sondern auch mit Verbrechern, die. dem jüdischen Stamme angehören. Wir schützen und behüten sie. Mit diesem Vorwurf aber hat Vergani ganz recht. Warum sind wir nicht auch solidarisch mit den antisemitischen Verbrechern. Obligationenmännern und Stampiglienfälschern rc.? Warum sollen so viele antisemitische Führer, die meist so lange im öffentlichen Leben stehen, bis sie im verborgenen Leben sitzen, unseres mächtigen Schutzes entbehren? Das muß anders werden. Wir versprechen den großen Antisemiten hiemit auf Ehrenwort — nicht auf das des Jro! — daß wir für jeden von ihnen ebenso viele Millionen aufwenden werden, wie für Dreyfus und Hilsner zusammengenommen, wenn die österreichischen Staatsanwälte sich an das ganze Strafgesetz samt den Verleumdungs- und Hetzparagraphen erinnern werden. Als drittes Musikstück am Verganischen Leierkasten liegt die herzbewegende Melodie über die russischen jüdischen Revolutionäre. Warm befürwortet dabei das Blatt des gemütlichen christlichen Volkes von Wien folgende sanfte Maßregel für die russische Regierung, der es die blutigen Kosakenstiefel leckt: „Die russischen Polizeibehörden werden durch einen Ukas von höchster Stelle ermächtigt, für jedes Attentat, das auf einen russischen Beamten verübt wird, hundert russische Juden, und zwar die erstbesten, die -der Behörde in die Hände fallen, ohne irgend ein langwieriges Verfahren an den nächsten Laternenpfählen als abschreckendes Beispiel aufzuknüpfen." Also meinetwegen! Es ist keine hübsche Mode, aber riesig praktisch. Nur möchten wir sie auch in Oesterreich eingeführt sehen, wenn auch nicht ganz so blutdürstig und ungerecht. Wir würden Vorschlägen, für jedes antisemitische Attentat auf die Gerechtigkeit, den Verstand, die Freiheit, den Geschmack, die Bildung, den Fortschritt nur einen einzigen Antisemiten aufzuhängen, Vergani zuletzt. Aber letzteres bedeutet für ihn keine große Hoffnung. Er würde schon übermorgen dran kommen. I. U p f i in n y. Die Fortführung der durch die Pogrome verwaisten Kinder ans Rußland. Der Hilfsverein der deutschen Juden stellt uns den nachstehenden Bericht zur Verfügung: Zu den schwierigsten Aufgaben, die die Hilfsaktion in Rußland zu bewältigen hatte, gehört die, den durch die Pogrome verwaisten Kindern eine neue Heimat zu schaffen. Eine große Anzahl dieser Kinder konnte bei Verwandten untergebracht werden, aber eine Anzahl blieb übrig, für deren Erziehung in Rußland nicht genügend gesorgt werden konnte, und sie aus Rußland fvrtzuführen, blieb eine Notwendigkeit. Die Unruhen, die in Rußland unaufhörlich herrschen, erschwerten es außerordentlich, mit Raschheit die nötigen Dispositionen zu treffen. Ebenso schwierig war es, die nötigen Papiere für die Kinder, die expatriiert werden sollten, zu erhalten. In einzelnen Städten hatten während der Pogrome große Brände stattgefunden, durch die die einschlägigen Papiere vernichtet worden waren. Endlich kam hinzu, daß für die Fortführung der Kinder die Einwilligung derer erlangt werden mußte, die nach dem Tode der Eltern die Bestimmung über das fernere Schicksal der Kinder zu treffen hatten. Nach Ueberwindung all dieser Schwierigkeiten ist es endlich gelungen, die Kinder, die für die Fortführung aus Rußland in Betracht kamen, in Galizien, diesseits der russischen Grenze zu sammeln. Als Tag für die Uebergabe war der 25. Juli gewählt worden. Aus Rußland hatte sich eingefunden zur Erledigung der nötigen Formalitäten Herr Feinberg von der Jewish Colonisation Association in St. Petersburg, der seine bewährte Hilfe allen großen humanitären Aktionen in Rußland stets geliehen hatte, und aus Deutschland waren in Podwoloczyska anwesend: Fräulein Bertha Pappenheim vom Israelitischen Hilfsverein in Frankfurt a. M., die bereits in aufopferndster Weise eine Reise durch Rußland gemacht hatte, um die geeigneten Kinder für die Auswanderung auszusuchen; sodann Herr S. Bergel aus Berlin als Vertreter der Großloge für Deutschland und Herr Dr. Bernhard Kahn, der Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin. Die Transporte der Kinder kamen — ohne Zwischenfall und über Erwarten pünktlich — in Podwoloczyska an. Es trafen ein: 16 Kinder aus Kiew, 28 Kinder aus Ekaterinoslaw, 12 Kinder aus Odessa, 5 Kinder aus Kischinew, 3 Kinder aus Kalarasch, 1 Kind aus Bogopol, und es wurden noch erwartet bei Abfassung dieses Berichtes 8 Kinder aus Semionowka. Ferner trafen ein 34 Kinder aus Bialystok, die durch den letzten Pogrom verwaist wurden. Herr Spiewak aus dem entlegenen Ekaterinoslaw hatte mit großer Umsicht und Hingebung die entfernten Transporte bis an die Grenze geleitet. Die Kinder, die zum großen Teil kräftig und schön find, von denen aber auch einige sich nicht im Besitze vollster Gesundheit befinden, wurden sofort nach Lemberg überführt. Der Empfang in Lemberg war ein geradezu großartiger. Herr Ritter von Horowitz und die Leopolis-Loge hatten auf Veranlassung von Herrn Bergel alle nötigen Veranstaltungen für die Aufnahme der Waisen aus Rußland getroffen. Aber auch die Bevölkerung bewahrte eine wahrhaft bewundernswerte und im höchsten Grade sympathische Haltung. Tausende erwarteten die Kinder vor dem Bahnhof; Pferdebahnwagen standen für dieselben bereit und sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.