Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 514 Dr. JBiocD s TRäocbenscörirt. Nr. 31 Vor mehr als 30 Jahren, als der liberale Dusel die^ jüdischen Köpfe verdrehte und die Afsinnlanten das große Wortx führten, da wendeten sich einige Dutzend jüdischer Familienväter anH den Kultusvorstand mit einer den Paul Schiff'schen Anträgen analogen Petition. Der Kultusvorstand hatte nichts Eiligeres; zu tun, als das Hebräische aus dem Lehrplan der Mittelschulen zu eliminieren. Welcher Ar: die Erfolge waren, erhellt daraus, daß schon nach wenigen Jahren der Beschluß wieder ausgehoben und nach Abhaltung wiederholter Enqueten zuerst in den Untere klaffen, dann in allen Klaffen das Hebräische wieder eingeführt wurde. Es wäre nicht ratsam, das mißglückte Experiment von Neuem zu beginnen. Wien, im Juli 1906. Dr. Maximilian Steiner, Nachschrift der Redaktion: Herr M. Paul-Schiff erfreut sich mehr als manch anderer seiner Standes- und Stammesgenossen wegen seiner speziellen „ausgefallenen Einfälle" einer gewissen Notorität und genießt den Vorzug, daß man über feine — Seltsamkeiten sich nicht verwundert und über ihn nie sonderlich in Harnisch gerät. Zufolge eines bedauerlichen Irrtums, an welchem Schreiber dieser Zeilen nicht ganz ohne alles Verschulden war, „wirkte" Herr Schiff eine kurze Zeit in der Vereinsleitung der „Oest.-Jsrael. Union" als' Präsident; er mußte aber bald einsehen, daß seine „Ideen" in diesem Kreise keiner rechten Würdigung, nicht einmal einem gehörigen Verständnis begegnen; er verließ ungnädig — „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe" — den Vorstand und wünschte aus der Liste der beitragenden Vereins Mitglieder gestrichen zu werden. Man hat ihn ruhig ziehen lassen. Dessenungeachtet darf seine neueste „Aktion", für welche er sich nicht einmal mit der nötigen Kenntnis der Materie, des Schul- und Lehrplanes, ausgerüstet hat, nicht vollständig unbeachtet bleiben. Die Haranguierung der staatlichen Polizei, den jüdischen Religionsunterricht umzugestalten, verrät dermaßen eine erzreaktionäre Gesinnung, daß sie nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann. Durch alle Zeiten der Leiden haben wir unsere religiöse Autonomie aufrecht erhalten, eine staatliche Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten wurde bis nun nicht einmal versucht und wird gewiß auch in Zukunft trotz allen Auf- und Anreizungen nicht gewagt werden. Herrn M. Paul-Schiff mangelt indeß auch die Legitimation, in Sachen des jüdischen Religionsunterrichtes bei der Behörde zu intervenieren. Schon das Gebot des Anstandes hätte es ihm nahelegen müssen, in Fragen der religiösen Erziehung der jüdischen Jugend eine größere Zurückhaltung zu beobachten und nicht als Wortführer aufzutreten. Herr M. Paul-Schiff läßt seine Kinder nicht beschneiden! — Gewiß ist das seine eigenste Angelegenheit, über welche er niemandem zur Rechenschaft verpstichtet ist. Allein ein ch r i st l i ch e r Familienvater, wir sagen nicht einmal katholischen, sondern nur protestantischen Bekenntnisses, der seine Kinder nicht taufen läßt, wird sich nie und nimmer herausnehmen, in Sachen des Religionsunterrichtes der Protestantischen Gemeinde öffentlich aufzutreten und eine Einflußnahme sich zu arrogieren. Er wird das vermeiden, um einem Gebote des Anstandes zu gehorchen. Wer dem Bekenntniskreis auf solch weite Distanz sich entfernt hat, der enthält sich naturgemäß jeder Einflußnahme auf die internen Angelegenheiten der Bekenntnisgemeinschaft, welche die Religion der Väter auch den Kindern unverkümmert zu vererben wünscht. Die Frage des jüdischen Religionsunterrichtes ist ein hohes und schweres Problem für Männer geistiger Reife und ernster Gesinnung, allein gewiß kein Sportobjekt für Talmi- Kavaliere. . Yergani furioso. Die „große Nation" hat mit der glänzenden Genugtuung für die in Dreyfus beleidigte Gerechtigkeit der ganzen Welt einen hohen Dienst erwiesen. Die große Verdrossenheit, die der Weltenlauf in jedem Beobachter erwecken muß, weil überall der Menschenhaß mit rücksichtslosem Egoismus sich liu die Herrschaft teilen, ist wenigstens teilweise dem Vertrauen gewichen, daß denn doch^ noch das Ideal ergebene ^Diener und unerschrockene Verfechter hat. Der Menschen- ' freund lebt lieber und besser, seit Frankreich jene Heldenrolle ,'auf der Bühne des Rechtes hatte, geschmückt mit all den prächtigen Eigenschaften der ritterlich edlen „Drei Musketiere". Das war Frankreich, wie es Börne und Heine und alle sehnsüchtigen Freiheitskämpfer des jungen Europa fanden, ein Frankreich der vornehmen Männer. Herr Harden, der es liebt, sich in seiner „Zukunft" um jeden Preis interessant zu machen, indem er der allgemeinen Meinung gewaltsam widerspricht, Herr Harden mit den stolzen Bekanntschaften ostelbischer Krautjunker, welche ein bischen Antisemitismus lieben, verwendet seinen guten Stil an schlechte Dinge als ein Bedienter der Jtzeplitz und Lüderitz, indem er Dreyfus als nicht ganz rein bezeichnet, ihn mit Tinte schwarz besudelt. Welch eine Heldentat des Mannes, der seine jüdische Vergangenheit gern in eine anerkannte arische Zukunft verwandeln möchte! Wozu diese Windungen geschraubter Originalität? Glaubt etwa jemand, die von der öffentlichen Meinung zertretenen französischen Generale und ihre Hintermänner hätten geduldig geschwiegen, wenn sie den Schatten eines Beweises hätten finden können? „Die öffentliche Meinung gibt Ihnen vierundzwauzig Stunden Zeit," hat Drumont selbst seinem geliebten Mercier zugerufen, um ihn zu einer Aeußerung zu veranlassen. Mercier hat Dummheiten gestammelt und wurde verhöhnt, die ersten vierundzwanzig Richter einer Großmacht sprachen Dreyfus einstimmig und mit Wärme frei, die Regierung schmückte ihn furchtlos für seine Leiden mit einem Orden, nur Herr Harden findet bei näherer Betrachtung des Falles Dreyfus, daß man dem Antisemitismus Podbielskis schmeicheln müsse ... So ist sein Organ die Avantgarde des Kranzes von antisemitischen Blättern, welcher der Gemeinheit auf die eiserne Stirn gesetzt wird. Vorder „Lanterne" im Westen bis zur „Nowoje Wremja" im Osten hat die ganze judenfeindliche Meute aufgeheult. Sie kann das Licht der Wahrheit nicht vertragen. Mit heiterer Komik ziehen sich dabei die schäumenden Artikelschreiber eine ungeheuere Blamage vor dem Verstand und der Kultur zu. Um nämlich eine Grundlage zu finden, heben sie den Gerechtigkeitssinn und die Urteilskraft der Militärgerichte, welche mit mittelalterlichen Geheimnissen arbeiten, in den Himmel, zerren aber die Würde des höchsten Staatsgerichtshofes von Berufsjuristen in den Staub, weil er ihnen nicht nach dem frechen Munde gesprochen hat. So tun sie es ja immer, wenn es für ihre schmutzigen Zwecke notwendig ist. Keine Einrichtung irgend eines Staates findet vor dem Terrorismus der antisemitischen, nihilistischen Zerstörer den mindesten Respekt, wenn sie ihre Rechnung dabei finden. Geschwornengerichte — Verwaltungsstellen — Ministerien — nicht einmal der Thron war da sicher, in den Augen der Bevölkerung von gehässiger, antisemitischer Propaganda gelegentlich heruutergesetzt zu werden. Nun aber wird gerade von der österreichischen antisemitischen Presse der dickste Dreschflegel geschwungen, um die von der Teufelsinsel zurückgekehrte Gerechtigkeit zu erschlagen. Denn sie fürchten sehr, daß die guten französischen Beispiele die schlechten österreichischen Sitten bessern könnten, sie haben Augst davor, daß die Gesundheit der französischen Rechtspflege ansteckend wirken könnte. Das wäre eine schöne Sache, wenn ganz Europa gerecht und anständig werden wollte. Da müßten ja die Antisemiten Hungers sterben, wenn sie sich nicht ein paar Obligationen und städtische Pfründen in Sicherheit gebracht hätten. Daher hat jetzt auch die antisemitische Hitze ihre Hundstage und bringt den Geist ihrer Leser in die Gefahr eines Sonnenstiches. Die Wiener Antisemiten wollen nicht das Schicksal ihrer französischen Gesinnungsgenossen erleiden, sie ihrerseits wollen das unschuldige Opfer ihrer verleumderischen Niedertracht nicht herausgeben. Was in Rennes geschah, geschah in Kuttenberg und Pisek. Der Antisemitismus lieferte dem