Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021687--15610-3040385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 30 Dr. Dlocv's MocbenscdrlN. Sette 509 über den Moment, in welchem diese Worte gesagt worden sein sollen, und über die Person, die sie gehört habe. Wer hat also den Blättern diese offenbar erfundene Meldung gegeben, von der man nur das eine sagen kann, daß sie den Wert der Unschulds-Versicherungen des Verurteilten abschwächen mußte? Und warum hat sie insbesondere der sonst so vorsichtige, offiziöse „Temps" gebracht, der noch hinzufügte, er habe sie vorher „kontrolliert" (bei wem?). Wenn also dieses „Geständnis" recht prekär erscheint, so verdienen auf der anderen Seite die heutigen Mitteilungen des „Figaro" große Beachtung, die überschrieben sind „Die Erzählungen eines Zeugen". Der Zeuge ist der Hauptmann Lebrun-Renaut von der Garde Republicaine, welcher Dreyfus gestern aus dem Militär-Gefängnis zur Exekution abgeholt hat. Vorausgeschickt muß werden, daß eine offiziöse Note heute Abend besagt, der Kapitän habe keinem Vertreter der Presse die betreffenden Mitteilungen gemacht. Dieses Dementi beweist gar nichts. Es leugnet nicht die Wahrheit des Mitgeteilten selbst ab, und da der Kapitän Lebrun-Renaut gestern wahrscheinlich von vielen Leuten um seine Eindrücke befragt worden ist, so kann der „Figaro" die Mitteilungen sehr gut auf Umwegen über eine dritte und vierte Persönlichkeit erhalten haben. Tatsache ist, daß der Kapitän Lebrun-Renaut heute Morgens ins Kriegsministerium beschieden worden ist. Der „Figaro" meldet also folgendes: Zwei Gedärmen holten Dreyfus aus seiner Zelle und führten ihn in die Kanzlei. Dort durchsuchte man ihm die Taschen. „Ist das notwendig?" fragte Dreyfus mit einem traurigen Lächeln. „Es ist die Vorschrift", sagte der Offizier. Dann legten ihm die Gendarmen die Handfesseln an. Der Verurteilte hatte einen Augenblick des Widerstandes, dann ließ er es geschehen. Hierauf wandte er sich zu den Offizier und bat ihn, er möchte den Feldwebel, der ihm die Abzeichen abreißen sollte, ersuchen, nur recht schnell zu Werke zu gehen, wenn ihm auch dabei die Uniform zerrissen würde; sie sei ja so wie so zu nichts mehr nütze. Der Offizier antwortete nicht. Dreyfus fügte hinzu: »Ich sehe Ihnen ins Gesicht, Herr Hauptmann, und wenn ich das zu tun wage, so ist es darum, weil ich unschuldig bin. Meine Verurteilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts; man wird es übrigens in drei Jahren sehen. Ich habe eine Familie, die fich mit mir beschäftigen und es dahin bringen wird, meine Unschuld zu beweisen. Man wird dann die Strafe bedauern, die man heut über mich verhängt." Und bis man ihn auf den Richtplatz führte, wiederholte er fortwährend: „Meine Verurteilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts". Vorher aber, während er in einem der Schulzimmer der Militärschule auf den verhängnisvollen Augenblick wartete, entspann fich folgende Unterhaltung zwischen ihm und dem Kapitän Lebrun-Renaut, der ihn bewachte: „Haben Sie nicht an Selbstmord gedacht, Herr Dreyfus?" fragte der Kapitän. „Jawohl, Herr Hauptmann", antwortete Dreyfus, „aber nur am Tage meiner Verurteilung. Später bin ich zur Ueberlegung gekommen. Ich habe mir gesagt, daß ich, unschuldig wie ich bin, nicht das Recht habe, mich zu töten". „So sind Sie also unschuldig?" „Hören Sie zu, Herr Hauptmann: Man findet im Papierkorb einer Botschaft ein Papier, das die Uebersendung von vier Schriftstücken ankündigt. Man legt das Papier den Sachverständigen vor. Drei erkennen meine Schrift, zwei erklären, daß die Schrift nicht von meiner Hand ist, und daraufhin verurteilt man mich! . . . Mit achtzehn Jahren bin ich in die polytechnische Akademie eingetreten, ich hatte eine glänzende Zukunft vor mir, 500.000 Franks Vermögen und die Aussicht auf 50.000 Franks Rente für später. Ich bin niemals ein Schürzenjäger gewesen. Ich habe nie in meinem Leben eine Karte an gerührt; darum habe ich nie Geldbedürsniffe gehabt. Warum hätte ich also verraten sollen? Für Geld? Nein. Also wofür sonst?" „Und was waren das für Schriftstücke, deren Uebersendung man anzeigte?" „Ein sehr vertrauliches und drei weniger wichtige". „Und woher wissen Sie das?" „Man hat es mir beim Prozeß gesagt. Oh, dieser Prozeß bei verschlossenen Türen! Wie sehr hätte ich gewünscht, daß er öffentlich gewesen wäre! Das hätte sicherlich einen Umschlag der Meinung herbeigeführt". Er richtete sich starr auf, wie fühllos, und fügte hinzu: „Jetzt ist's zu Ende. Man wird mich nach der Halbinsel Ducos verschicken. In drei Monaten werden meine Frau und meine Kinder dorthin Nachkommen". „Hier find die Leute, die Sie holen kommen", sagte der Kapitän Lebrun-Renaut. „Gut, Herr Hauptmann, ich folge ihnen, aber ich wiederhole Ihnen, Auge in Auge: ich bin unschuldig!" Die Rehabilitierung Dreyfus. Feierliche Ueberreichung der Ehrenlegion. Paris, 21. Juli. Die Dekorierung Dreyfus' mit dem Ritterkreuze der Ehrenlegion bot zugleich Anlaß zu einer militärischen Parade, die heute Nachmittags in der Militärschule, in jenem Gebäude stattfand, in welchem Dreyfus 1895 degradiert worden war. Seiner Bitte entsprechend, machte man die heutige Zeremonie nicht in dem großen Ehrenhofe, in welchem die Degradation erfolgte, sondern in dem sogenannten kleinen Gartenhof des Artilleriepavillons. Die Zeremonie galt überdies auch dem zum Offizier der Ehrenlegion ernannten Major Targe. Denn ihr formeller Zweck war im Sinne des militärischen Reglements die feierliche Übermittlung der Insignien an die dekorierten Offiziere. Kurz vor Beginn der Parade herrschte in der Kaserne ungewöhnliche Bewegung. Die berittenen Truppen haben ihre neuen Uniformen angelegt, die Offiziere tragen Goldepauletten. Am Eingänge des Pavillons empfängt ein Wachtmeister die wenigen Personen, die Erlaubnis erhalten haben, Zeugen der Zeremonie zu fein. Zu diesen zählen in erster Linie die Gattin des Majors Dreyfus, sein Sohn Peter, sein Schwager Hadamard, dann Generalprokurator Baudoin, der Akademiker Anatole France, schließlich die Generale Picquart und Percin. Den Zivilgästen wird ein Salon des ersten Stockwerkes angewiesen. Vertreter der Presse, denen fich zahlreiche Amateurphotographen angeschloffen, warten im Hofraume. Unter allgemeiner Spannung fieht man Major Dreyfus anlangen. Er trägt einen mit Goldschnüren geschmückten schwarzen Dolman. Die Uniform ist funkelnagelneu. Major Dreyfus verweilt einen Augenblick sinnend am Tore des Pavillons. Aber schon befindet fich Major Targe, der vorher angekommen war und ihn erwartete, an seiner Seite, nachdem er ihn mit kameradschaftlichem „Guten Tag, Major!" empfangen hatte. Dann rief er ihm zu: „Kommen Sie mit mir in den Rapportsaal. ehe die Parade beginnt!" Beide begeben fich dahin. Während sie den Hof durchschreiten, salutierten vier anwesende Offiziere. Dreyfus verweilt einige Minuten und konverfiert, eine Zigarette rauchend, mit ihnen. Trompetenfignal kündigt die bevorstehende Zeremonie an. Die Artilleriemannschaft nimmt im Hofe Aufstellung hierauf erscheinen auch die Kürassiere. Die Truppen formieren sich in einem Rechteck. Oberst Bournazel läßt den Kommandoruf erschallen : „6aräs ä vous! Portez sabre!“ und der Hauptmann der ersten Batterie entfernt fich, um Dreyfus aus dem Rapportsaale abzuholen. Dreyfus ist sehr blaß und er nähert fich fast zögernd. Man fieht, wie er mit aller Anstengung seine Aufregung meistert, schließlich die Herrschaft über fich gewinnt, und mit militärischer Strammheit, indem er den Säbel aus der Scheide zieht, fich an das äußerste Ende der Batterie,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.