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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 608 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr 30 engung ist, und dem Prinzip der aktiven und unverzüglichen Arbeit in Palästina steht. Die Versammlung erklärt deshalb, zu begünstigen jede unverzügliche und aktive Arbeit in Palästina, Welche mit Genehmigung der Palästina-Kommission geschieht." Feuilleton. Me Degradierung des Kapita« Dreyfus. Jetzt, nach der Beförderung des Rehabilitierten zum Major, verlohnt es sich, nach den Anfangskapiteln dieses von der Wirklichkeit entworfenen und aufs spannendste ausgeführten weltgeschichtlichen Hintertreppen-Romans „Der Fall Dreyfus" zurückblicken. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht hatte am 14. Dezember 1894 stattgefunden. Der damalige Pariser Vertreter der „Frankfurter Zeitung", Dr. Paul Goldmann, der die Entwicklung der ganzen Affäre bis zum Spruch von Rennes in trefflichen Berichten und Erörterungen fortlaufend beleuchtet hat, wohnte der kriegsgerichtlichen Verhandlung bei, — nur zwei Mitglieder der auswärtigen Preffe waren zugelaffen worden, — und er schildert seine Eindrücke in trefflichen Artikeln. Wir übergehen die Schilderung des Prozeffes vor dem Kriegsgericht. Es folgt die Verurteilung, und am 5. Jänner 1895 findet der Akt der Degradation statt. Diesmal wird kein ausländischer Journalist mehr zugelassen. Goldmann muß den Vorgang nach Mitteilungen von Augenzeugen und Blättermeldungen schildern. Wir reproduzieren im Folgenden diesen Bericht, nicht bloß weil er ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument ist, sondern weil der Verfaffer jedem, der zwischen den Zeilen zu lesen verstand, schon damals zu verstehen gab, daß er den Verurteilten trotz allem, was gegen ihn sprach, für schutzlos halte. * * * Paris, 6. Jänner 1895. Zur gestrigen „Exekutions-Parade" — das ist der bizarre amtliche Ausdruck für die schreckliche moralische Folter, der Dreyfus gestem unterworfen wurde — war den ausländischen Journalisten der Zutritt nicht gestattet worden. Es heißt, dies sei auf besondere Ordre des Kriegsministers geschehen. Wenige Vertreter auswärtiger Blätter haben sich um das traurige Vorrecht beworben, dem herzbeklemmenden Schauspiel dieser Urteilsvollstreckung beizuwohnen. Daß die militärischen Behörden keinen ausländischen Zuschauer bei der Entehrung eines französischen Offiziers haben wollten, der noch dazu im Hinblick auf das Ausland verurteilt worden ist, kann man wohl begreifen. So ist man denn auf die Berichte der Pariser Blätter angewiesen, die allerdings ausführlich genug find. Es geht aus den übereinstimmenden Meldungen selbst der feindlichsten Organe hervor, daß Dreyfus bei der ganzen Zeremonie nur einen Gedanken gehabt hat: seine Unschuld zu beteuern. Es sollte ihm eine öffentliche Schmach angetan werben. Diese Oeffentlichkeit war eine Strafe, aber zugleich eine Gnade. Dieser Mann, den man eines Tages geheim aus seiner Familie herausgeholt, den man zwei Monate in geheimer Hast gehalten, den man in geheimer Verhandlung abgeurteilt hatte und den man nun über den Ozean schicken wollte, um chn dort für den Rest seines Lebens in Geheimnis und Schweigen zu begraben — dieser Mann kam so für wenige Minuten mit der Oeffentlichkeit in Berührung. Endlich fand seine Stimme wieder Ohren, die sie hören konnten und da schrie er denn, bis ihm der Atem ausging: „Ich bin unschutzig!" Dazwischen auch: „Es lebe Frankreich!" Die Blätter, welche diesen Verurteilten mit grausamster Härte behandeln wtb dem zerbrochenen und vernichteten Manne nicht einmal jene Regung der Barmherzigkeit gönnen, die sie sonst für den schlimmsten Verbrecher auf dem Wege zur Guillotine übrig haben, stimmen darin überein, diese Haltung höchst „cynisch" zu finden. Dreyfus, so meinen sie, hätte zerknirscht sein und weinen sollen. Hätte er aber geweint, so hätten sie in ebenso tönenden Redensarten über seine Feigheit und Unwürdigkeit ge'chrieben. Ueberhaupt hat Cornely Recht, der heut im „Mann" schreibt, die Phrasen-Fabrikanten hätten die Affäre Dreyfus bis zum Ueberdruß ausgebeutet. Die letzte Leistung in diesem Genre ist der heutige „Figaro"-Artikel von Loon Daudet; er ist nebenbei auch ein schöner antisemitischer Hetzartikel; und es ist charakteristisch für die durch den Fall Dreyfus geschaffene Stimmung, daß ein sonst so maßvolles Blatt, wie der „Figaro", derartigen Ergüssen seine Spalten öffnet. Immerhin kann man das zur Not begreifen, da der „Figaro" vielleicht dadurch' den Eindruck gewisser Enthüllungen abschwächen wollte, die er in einem anderen Teile seiner Nummer mit bemerkenswertem Mute veröffentlicht und über die noch gesprochen werden soll. Begreifen kann man auch, daß die Volksmenge, die auf einer Seite durch Gitterstäbe in den Kasernenhof hineinsehen konnte, sich mit Beschimpfungen und Geschrei an der Zeremonie beteiligt hat, denn das ist die Art des Volkes, zu schimpfen und zu schreien. Unbegreiflich ist nur, daß sich unter den Journalisten jemand gefunden hat, der es fertig brachte, dem moralisch Hingerichteten, der wehrlos zwischen vier Artilleristen an ihm vorübergeführt wurde, noch Schmähworte nachzuschreien. Dabei ist die Sache noch glimpflich abgelaufen. Die „Libre Parole" hatte am Tage vorher an die zur Bildung des Carres kommandierten Soldaten die deutliche Aufforderung gerichtet, dem Degradierten ins Gesicht zu speien, wenn er an ihnen vorübergeführt werden würde. „Würde man den kleinen Soldaten bestrafen, der so etwas täte?" hatte sie im bekannten süßlichen Ton geschrieben. Dreyfus antwortete.auf die Degradation, auf die Schimpfworte der Menge und der Journalisten mit der Beteuerung seiner Unschuld. Das beweist natürlich gar nichts. Manch ein Verbrecher hat schon seine Unschuld versichert und ist doch schuldig gewesen. Auffallend ist nur die Hartnäckigkeit, mit welcher Dreyfus seine Unschuld beschwört. Man kann sich denken, daß er während seiner zweimonatlichen Haft und während seines viertägigen Prozesses manch einem Ansturm auf sein Gewissen ausgesetzt gewesen ist; aber weder diese Mahnungen noch die zweimonatliche Einsamkeit, noch die Aussicht auf lebenslängliche Gefangenschaft haben ihn mürbe gemacht. Für alle Psychologen ist solch eine Hartgesottenheit verblüffend. Man sucht nach Erklärungen und findet sie nicht; und man bedauert wieder, daß diese so ergreifende, so ganz außergewöhnliche Angelegenheit ganz in Geheimnis und Dunkel gehüllt ist. Und die Stimme des Mannes, der in seiner Verzweiflung hinausschreit: „Ich bin unschuldig", verfolgt einen -immer wieder. Man stellt sich demgegenüber die sieben braven Gesichter der Offiziere vor, die das Kriegsgericht gebildet haben. Aber das bringt die Stimme nicht zum Schweigen; sie würde nur dann die Macht über einen verlieren, wenn man wüßte, warum er schuldig ist. Unter diesem Eindruck hat offenbar gestern der Chefredakteur des „Soir" gestanden, der den Kriegsminister aufforderte, doch wenigstens einen Zivfel vom Schleier des Geheimnisses zu lüften. In der Tat, das wäre eine große Beruhigung für alle Welt. Aber daran ist wohl nicht zu denken. Im Gegenteil, es scheinen noch allerlei dunkle Mächte am Werke zu sein, um di» öffentliche Meinung noch mehr zu verwirren. Gestern brachten plötzlich alle Abendblätter die Mitteilung, Dreyfus habe sein Verbrechen gestanden; er habe zugestanden, Geheimpapiere an Deutschland verkauft zu haben, doch habe er dadurch nur deutsche Geheimpapiere herauslocken wollen. Dieses „Geständnis" erschien nach den Unschuldsbeteuerungen bei der Zeremonie durchaus unwahrscheinlich. Heute zweifeln auch die ersten Blätter, wie der „Figaro", an seiner Authentizität. Der „Figaro" weist besonders daraufhin, daß unter den Blättern keinerlei Uebereinstimmung herrsche

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