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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Llocd's MocvenscvrM Seite 303 als er eine verneinende Antwort erhielt, sagte er: „Warum zögert ihr nun, es wird ja bald spät, also munter vorwärts? und die Soldaten setzten wieder ein. Derselbe Osol betrat zuerst ein Holzlager, in dessen Nähe die Soldaten ein Haus beschossen. Ohne jede Befugnis zog er die Wachtposten von den Offizierswohnungen zusammen und begab sich mit ihnen zur Schneidemühle, wo er den Vorschlag machte, keine Patrone unnütz zn verschwenden, sondern das Gebäude in Brand zu stecken. Nur wer entkommen wollte, sollte totgeschossen werden. Dem Hauptmann Michailow ist es zu verdanken, daß wenigstens Frauen und Kinder vor dem Brande entlassen worden sind. Nur eine alte Frau ist zurückgeblieben und in den Flammen umgekommen. Als nach dem Pogrom die Zeitungen Einzelheiten mit Namensnennung zu bringen begannen, entstand im Kasino eine gewisse Aufregung und die Offiziere wurden unruhig. Am 18. Juni ließ der Eskadronschef Jakubow II. seine ganze Kompagnie zu sich nach Hause kommen, stellte die Leute rn Kreisform und wandte sich an sie mit folgenden Worten: „Ihr wisset wohl, Kinder, was in der Stadt vom 1. bis zum 5. Juni vorging, als allerlei Gesindel Läden und Wohnungen plünderte und sogar unschuldige Juden totschlug. Saget nun, habt ibr denn mitgeholfen oder habt ihr den Pogrom zu dämpfen gesucht?" Die Soldaten antworteten: „Keineswegs, Ew. Hochwohlgeboren, haben wir mitgeholfen." „Gut", sagte der Hauptmann: „nun saget, was für Befehle ich denn erteilte. Wem ich etwas befohlen habe, der soll vortreten und aussageu " Es erfolgte keine Antwort, sondern alles blieb in tiefem Schweigen und erst nach dreimaliger Wiederholung der Frage trat ein Soldat hervor und sagte schüchtern: „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren, haben mir befohlen." „Und was habe ich dir gesagt?", fragte der Hauptmann schroff. „Ew. Hochwohlgeboren befahlen mir aufzupassen, ob nickt irgend ein Jude durch die Straße komme, und jeden solchen niederzuschießen." Kaum war dies ausgesprochen, als einer nach dem anderen hervortrat und das Gleiche wiederholte. Einen von den Zeugen fragte der Hauptmann: „Und nun, hast du geschossen?" „Jawohl, Hochwohlgeboren, mehrmals." „Wieviel?" „Sechs Schüsse habe ich abgegeben", antwortete der Soldat aufgeregt. Der Hauptmann wurde nachdenklich, denn eine derartige Wendung hatte er nicht erwartet. „Und wieviel hast du nun getötet?" „Das kann ich nicht wissen, Ew. Hochwohlgeboren, aber einige wohl, da ich mehrere nach den Schüssen zusammenbrechen sah." Unter den Zeugen war auch der Unteroffizier Wassili Tupik, der an seinen Fall erinnerte. Jakubow II verlor nun ganz die Fassung, wandte Tupik den Rücken und suchte den Blicken der Soldaten anszuweichen. Die Mannschaft verstand die Lage des Vorgesetzten, dachte sich Wohl, was das Verhör bezweckte und lachte versteckt. — Endlich sagte der Hauptmann: „Nun, Kinder, kam es denn vor, daß ich der Rotte voranging und ihr zurief: „Tod den Juden? ' Hut jemand das von mir gehört?" „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren", antwortete die Rotte einstimmig Der Hauptmann wurde wütend und sagte grob: „Ihr habt mich mißverstanden. Als wir in der Stadt waren, habe ich denn der Rotte zugerufen: „Haut die Juden?" Alles schwieg und der Hauptmann wiederholte viermal die Frage. Dann erst fanden sich wenige Stimmen, die sich seiner erbarmten und schüchtern antworteten: „Nein, Ew. Hochwohlgeboren!" „Ganz richtig, sagte der Hauptmann. Mehr brauche ich nicht und ihr könnt gehen. Die Zeitungen beschuldigen das Wladimirsche Regiment und namentlich die 3. und 4. Kompagnie, also müssen wir aus Entschuldigung sinnen." Bialystok. (Ein unglaublicher Vorfall.) Der hiesige Fabrikant Welter, Besitzer einer Appreturanstalt, hatte sich während des Pogroms durch seine antisemitische Gesinnung ausgezeichnet, trotzdem seine sämtlichen Kunden Juden sind! Deshalb beschlossen alle jüdischen Fabrikanten, welche ihm bisher ihre Ware zum Appretieren übergeben hatten, ihn zu boykottieren; und mußte er infolgedessen seine Arbeiter (18—20) entlassen. Als Protest erklärten nun die christlichen Arbeiter sämtlichen Appreturanstalten den Streik, obwohl die jüdischen Fabrikanten versprachen, die bisherigen Welter'schen Arbeiten zu beschäftigen. Durch diesen Streik wurden die jüdischen Fabrikanten zum Stillstehen ihrer Betriebe gezwungen. Dieses Vorgehen der christlichen Arbeiter war schon deshalb auffallend, weil über Bialystok der Kriegszustand verhängt ist. Es war gleich klar, daß ihr Vorgehen fich der Sympathie der Behörde erfreut. Wie weit diese Sympathie ging, sollte fich bald erweisen. Vorgestern ließ Oberst Tjaschelnikow 11 jüdische Fabrikanten zu sich rufen und sagte ihnen, wenn sie Welter nicht wieder Arbeit geben, werde er sie innerhalb 24 Stunden nach Sibirien schicken. Nachdem die jüdischen Fabrikanten trotz dieser erfreulichen Aussicht immer noch fest blieben, fügte der Oberst hinzu, die christlichen Arbeiter seien sehr aufgeregt und er garantiere nicht für die Ruhe der Stadt. Die richtige Bedeutung dieser Drohung verstehend, unterschrieben die jüdischen Fabrikanten einen Schein des Inhalts, daß sie Welter wieder Arbeit geben. — Das Ende vom Liede war noch, daß die christlichen Arbeiter für die vier Tage, welche sie gestreikt haben, von den jüdischen Fabrikanten den entgangenen Lohn forderten — und sie erreichten auch dies. Eine amtlich inhibierte Spende für die Hinterbliebenen des Bialystoker Mafsakres. Petersburg. 19. Juli. Das Blatt „Rjtsch" meldet aun Wilna: Der Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung von Wilna, für die durch das Massakre in Bialystok Geschädigten tausend Rubel zu spenden, wurde vom Gouverneur von Wilna nicht bestätigt. Opfer der Judenmafsaeres in Odessa. Podwoloczyska. 25. Juli. In Begleitung der Frau Rabinowitsch aus Charkow sind aus Odessa 130 infolge der Judenmassakres als Waisen zurückgebliebene Kinder beiderlei Geschlechtes hier eingetroffen und nach Lemberg weitergereist. Greueltaten in Warschau. Wir entnehmen folgende Mitteilungen der in Wilna erscheinenden „Volkszeitung" (Organ des jüdischen Arbeiterbundes) Nr. 102: Gleich nach der Verkündung der „Oktoberkonstitution" wurde in Warschau eine geheime Abteilung für „Politische" eingerichtet. Sie befindet sich rm sogenannten „Rathaus", und wer das Unglück hat, da hliieinzugeraten, der ist bei lebendigem Leibe begraben, von der Welt völlig abgeschlossen. Die Fenster sind mit Eisenplatten beschlagen, so daß der Gefangene außer einem schmalen Streifen des Himmels nichts sehen kann. Selbstbeköstigung ist unter allen Umständen untersagt, und die Gefängniskost ruft schreckliche Erkrankungen hervor. Eigene Wäsche zu halten ist auch nicht gestattet, und die Gefangenen müssen bis zu acht Wochen dieselbe Wäsche tragen, dafür aber bekommen sie jeden Tag wüstes Geschimpfe und Schläge. In dem Danteschen Purgatorium waren bekanntlich 7 Abteilungen, im Warschauer „Rathaus" sind blos zwei, aber vor der zweiten erblaßten alle 7 Danteschen. Wehe dem, der in dies kleine mit Blut überströmte Zimmer gerät! Er muß jede Hoffnung aufgeben, lebend wieder heranszukommen. Dies Zimmer hat nur einen Ausgang in den „Oberspitzelraum", der mit ausgesuchten Folteriustrumenten angefüllt ist, die man sonst höchstens noch in den Messen von Berlin oder London sehen kann. Aber in diesen Museen liegen sie in Glasschränken als Erinnerung an vergangene Schrecken, hier in Warschau gehören sie der Gegenwart an! Und wenn das 20. Jahrhundert den Greueln der Inquisition etwas Neues hinzugefügt hat, so nur die Vervollkommnung und Verfeinerung der Folterqualen. Da wird zum Beispiel der 18jährige Arbeiter Sch. Sonnenschein Hereingesührt. „Woher hast Du diesen Revolver?" und schon hageln von allen Seiten Schläge auf ihn herab. E sammelt seine letzten Kräfte und will sich wehren — in seiner Verzweiflung beißt er einem der Juqulsitoreu den Finger ab . . . Die Henker werden immer wilder. Man wirft ihn auf den steinernen Boden und beginnt ihn mit den Füßen zu treten. Er verliert das Bewußtsein. Man übergießt ihn mit kaltem Wasser und beginnt die „Arbeit" von neuem. Man schlägt ihn mit Nagaikas und mit eisernen Stöcken. Und der stolze und standhafte Mensch wird zu einer formlosen und blutigen Masse. Diese Masse wird vom Boden aufgehoben, an die Wand gebunden und . . . wiedcr dasselbe. ... Es kommt die Reihe an das folgende Opfer — den fünfzehnjährigen Knaben Futtermann. Er sieht elend aus, ist in Lumpen gekleidet. Man sieht, daß er weiß, was Hunger ist. „Wo ist dein Brudr? Wann ist er vom Hause fortgegangen?" Der Junge stammelt etwas Unverständliches „Deine Mutter hat etwas anderes gesagt. Zeige mal, ob du noch alle Zähne hast?" . . . Und ein roher Mensch mit falschem Bart nimmt eine große eiserne Zange von der Wand herunter und schiebt sie kaltblütig dem unglücklichen Kinde in den Mund. . . . A. Wesen, ein 18jähriges junges Mädchen mit sehr intelligentem Gesicht: Man fordert von ihr, sie solle jemand verraten, aber sie hat den Mut, auf diese Forderung mit Verachtung zu antworten. Und da geschieht das Schreckliche: Das Mädchen wird in eine Lage gebracht, daß ihr Kopf in einen Sessel eingezwängt ist, der mit langen Schranbeu versehen ist. die bis an die Schläfen heranreichen. Tie Heicker beginnen die Schrauben zn drehen; sie bohren sich in die Knochen ein, sie dringen ms Hirn. . . .

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