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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 498 Vr. Bloch's WoürrnjÄrriN. Nr. 30 Männer und Frauen, Greise und Kinder unter gräßlichen Qualen zu Tode gemartert — sie starben, weil sie Juden waren. Die Entrechteten, die Unterdrückten, denen ohnehin Licht und Luft entzogen war, haben nun mit ihrem unschuldigen Blute ihren Glauben besiegelt. Viel Blut hat die Leidensgeschichte der Menschheit gesehen. Aber das Blut der in Rußland ermordeten Juden wird nicht zur Ruhe kommen; die Erde wird dieses Blut nicht decken. Denn diejenigen, die von rechtswegen berufen waren, den Verfolgten und Bedrohten beizustehen und sie vor den Mörderbanden zu schützen, haben sich voll Tücke abseits gestellt und Gift in die Tigerherzen der wüsten Menge geträufelt oder gar selber die verruchte, mörderische Hand gegen die Wehrlosen, um Hilfe Flehenden erhoben. Die Wächter des Gesetzes sind Mörder des Gesetzes geworden. So konnte das grausige Werk der systematisch vorbereiteten Menschenschlächtereien in ungebändigter Wildheit im Lande sich ausbreiten und, ftei von allen Rücksichten und Bedenken, in den fürchterlichsten Formen sich vollziehen. Das Wimmern der bei lebendem Leibe zerrissenen Kinder, der Angstschrei der von Entsetzen erfaßten Mütter ist ungehört und ungesühnt verhallt! O, ich möchte wie ein Wahnsinniger in die Welt Hinausrasen und durch die Städte und Straßen stürmen und mit der Kraft eines Verzweifelten an die Paläste und bie Hütten pochen: „Mord, tausendfacher Mord! Erwachet! Der Erdball, auf dem wir Menschen alle leben und in dem wir alle unser Grab finden, unsere gemeinsame Wohnstätte ist geschändet und entweiht. Das Kulturideal der zivilisierten Menschheit ist in den Staub gezerrt und zertreten worden. Das unschuldig vergoffene Blut schreit zum Himmel empor!" In dieser meiner inneren Ekstase, in der ich vor Schmerz mich auflösen möchte, in dieser Aufwallung und Erschütterung meiner Seele wende ich. mich an Euch, hohe Gebieter und Herren, denen Gott die Macht auf Erden gegeben hat. Wie ist es möglich? ... Wie ist es möglich? . .. Diese Frage tönt mir in den Ohren und verfolgt mich auf meinen Wegen. Wie ist es möglich, daß angesichts der modernen Kulturwelt, vor der Sonne des zwanzigsten Jahrhunderts solche ungeheuerliche Geschehnisse sich abspielen konnten? Wie ist es möglich gewesen, — so wird ein späteres Jahrhundert erstaunt fragen — daß in einem Zeitalter, in welchem solche erleuchtete, Willensstärke und edelmütige.Fürsten an der Spitze der Kulturstaaten standen, in welchem jugendftischer Heldenmut, hoher sittlicher Ernst, leutselige Patriarchenwürde, angestammte Herrschertugend die ersten Throne Europas schmückten, daß in einem solchen Zeitalter die Bestialität sich so weit hervorwagen konnte und durch himmelschreiende, im vollen Lichte der breitesten Oeffentlichkeit verübte Frevel die Fürsten und Völker beschimpfen und verhöhnen durfte? Durch die Judenmetzeleien in Rußland, durch die Pogrome auf der Tränenstraße von Kischenew (Mai 1903) bis Bialystok (Juni 1906) haben nicht nur die vertierten Mörderhorden und ihre teuflischen Anstifter sich und if re Kreise mit ewigem Fluch beladt n, sondern durch diese Untaten sind überhaupt die einfachsten Begriffe der menschlichen Kultur und Gesittung, ohne welche eine Zivilisation gar nicht denkbar ist, zerpflückt und zerstampft und dadurch die gesamte zivilisierte Menschheit und zumal die'Führer dieser Menschheit, die Fürsten und Staatsoberhäupter, auf das empfindlichste beleidigt worden. Erhaben ist das Amt des Fürsten. Der Beruf des Fürsten faßt in sich die höchste und heiligste Aufgabe, die Gott einem sterblichen Menschen zu teil werden läßt. Der Fürst ist die Verkörperung der Staatsidee und der menschlichen Kulturgemeinschaft; er ist der Vertreter und Beschützer der von Gott gewollten moralisch-sittlichen Weltordnung. Der Fürst ist der Priester im Heiligtum der Menschheit; er ist der Hüter der höchsten ethischen Kleinodien. Von seiner sonnenbeglänzten Höhe übersieht er mit leuchtendem Auge das Leben und Treiben der Menschen und kann mehr als ein anderer Sterblicher die Tugenden und Sünden seines Zeitalters erkennen und abwägen und den Irrenden die rechten Wege vorzeichnen. Je höher und glorreicher aber die Würde der Fürsten und der Staatsoberhäupter ist. desto größer und feiner ist ihre Verantwortlichkeit vor dem Richterstuhl der Weltgeschichte, vor Gott dem Herrn, dem Könige aller Könige, in dessen Hand ihr Herz ruht. Und da lesen wir denn im 5. Buch Moses, Kapitel 21, von einem altertümlichen Gesetze, das aber auch jetzt zu denken gibt: Wenn man einen Erschlagenen auf dem Felde findet, und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat: dann sollen die Aeltesten der Stadt ein Sühnopfer darbringen und ihre Hände waschen und also sprechen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen sahen es nicht." Dazu bemerken die alten Erklärer: Auch nicht der leiseste Verdacht, daß die Aeltesten dieses Blut vergossen oder um den Mord etwas wußten, regt sich im Gedankenkreise der heiligen Schrift. Wozu also dieses Bekenntnis im Munde der Aeltesten? Aber dieses Bekenntnis schließt in sich die Mahnung zu einer ernsten Selbstprüfung. Die Aeltesten sollten sich prüfen, ob sie alle Maßregeln getroffen, um ein solches Verbrechen unmöglich zu machen, ob sie für die Sicherheit der Landstraßen genügend Sorge getragen, ob sie einen Schutzbedürftigen ohne Hilfe und Geleite ziehen ließen. — Ist eine solche Unterlassung vorhanden, dann sollen die Aeltesten ihrer Verantwortlichkeit vor Gott sich bewußt werden. Auch in unseren Tagen sind auf den Gefilden Rußlands Tausende und Abertausende von Erschlagenen gefunden worden, und man weiß nicht, wer sie erschlagen hat — man sucht drüben den Tatbestand zu verdunkeln: aber, o Fürsten und Staatsoberhäupter, ein Wort aus Eurem Munde kann weiteres namenloses Unheil verhüten; nur e i n Wort — und die Mörderhände werden sinken und verdorren. Fürsten und Staatsoberhäupter! Erhebet Euch auf Euren Thronen, daß Eure Stimme wie ein Donner über die Lande rollt und die Höhen und die Tiefen Rußlands erzittern: „Haltet ein im Morden! Schändet nicht das Zeitalter, das unseren Namen trägt! Das vergossene unschuldige Blut spritzt bis an unsere Throne heran. Wir dulden in der Kulturwelt keine Judenmetzeleien, wir verabscheuen diese gemeinen, offenkundigen Morde. Weg mit diesem Blute . . . unsere Augen sollen es nicht mehr sehen!" Herren und Gebieter! In dieser schweren Zeit, da die Menschheit vor den Greueltaten, wie von einem unheimlichen Bann umfangen, entsetzt und versteinert dasteht, sprechet Ihr das große, erlösende Wort. Rettet die Heiligtümer der Menschheit: Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit. Ein fernes Jahrtausend wird Euren Ruhm verkünden und sagen: „Als einst in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Schrecknisse der Barbarei die Kulturerrungenschaften in Frage stellten und die Herzen im Innersten verzagten: da haben die edlen Fürsten und Staatsoberhäupter mit fester Hand das Kulturideal hoch emporgehoben und es in den Strahlen der aufsteigenden Sonne in erneutem, mildem Glanze aufleuchten lassen. . . . Gesegnet das Andenken dieser Unsterblichen, — ihr zauberstarkes Wort ging wie ein Frühlingsbrausen durch die Welt, sie haben dem Menschengeschlechte das Vertrauen zum Genius der Menschheit wiedergegeben!" Fürsten und Staatsoberhäupter! Ihr seid die Friedensboten der Menschheit. Von Euch gilt das schöne, trostreiche Prophetenwort: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Boten, der Frieden kündet, Glück vermeldet und Heil bringet." (Jesaia 52, 7.)"

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