Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 30 Dl*a BIOCH’S Jahrgang XIUI Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. Wien, 27. Juli 1906. Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mlten» IX/l» Werggasse 39. Teleqramm-Adresie: Wlocb's Mocbenscbrift. Wiien. Inhalt: Leitartikel: „Unsere Hoffnung ist Europa". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Pcozeü Dreysud und der Prozetz Hilsner. Holland zur Zeit Rembrandts. Stellung der Juden im Drama. Professor Eduard Meyer über Snmerler und Semiten. — Korrespondenzen: Arbeiterinnen-Erholungskolonien. Tetschen. Ministerialerlaß betreffend den Vorschlag snr Errichtung einer Prüfungskommission in Prag für israelitische Religionslehrer. Engnöte wegen eines einheitlichen L-hrplanes für den israelitischen Religionsunterricht. Juden in Italien. Das Militär während der Schrrckenstage in Bialystok. Eine amtlich inhibierte Spende für die Hinterbliebenen des Bialystoker Massakres. Die Duma über die Massakres in Bialystok. Greneltatcn in Warschau. Die Vereinigten Staaten und die russischen Juden. Abraham Morris doch ein Rabbinerssohn ans der-Provinz Posen. — Vermischtes: Spenden zugunsten der Opfer in Bialystok. Wien. Zionistischer Zentralverein Wien. Die Witwe Ignaz Knrandas gestorben. Budapest» Olmütz, Falkenau a. d. Eger. Pilsen, Brody, Ezernowitz, Lemberg. Gelehrte Frauen. Berlin, New Port, Cape Town — Feuilleton: Die Degradierung des Kapitän Dreyfus. Die Rehabilitierung Treyfus. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-S K. ft. Poslsparftaffen-Amt Llearlng-verlrebr m. 610.976. Redaktion und Administration: Wien lX/l. Werggasse Mr. 39. lElefsn 14.847. «-* »-• Verugspreis für VeNerreirft: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äiir's Lusland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller, ft-» ^Unsere einzige Hoffnung ist Europa!" „Unsere einzige Hoffnung ist Europa. Wir stehen, alles zu versuchen, um die schreckliche Lage zu ändern —" Dieser Hilferuf gelangt nach dem Westen von den russischen Juden, vor deren Augen alle Vorbereitung für neue Massakres getroffen werden. Die Mörderbanden halten öffentliche Versammlungen ab, treffen Verabredungen, man verteilt unter ihnen Waffen und Aufrufe, und als die Juden von Odessa durch eine Deputation an den Statthalter sich wandten, er möge sie gegen Verfolgungen schützen, gab er eine Antwort, die deutlich beweist, daß man sich seiner des Schlimmsten versehen muß. Die Meldung aber, daß die englische Regierung eine gemeinsame Intervention der europäischen Großmächte in Rußland anzuregen beabsichtigt, wird streng bestritten. Wenn es am Balkan ein paar verstreute Bandenkämpfe gibt, gebietet Europa im Namen der Kultur dem Blutvergießen Einhalt. Wenn aber in Rußland ein christlicher Potentat gegen seine Untertanen mit scheußlicher Blutgier wütet, dann regen solche Metzeleien Europas Kulturgewissen nicht auf. Einmal auch gegen russische Greuel einzuschreiten, nein, dazu wird sich die an der Schablone klebende europäische Diplomatie nie aufschwingen. Nicht etwa, daß sie aus Furcht schwiege; die Japaner haben dafür gesorgt, daß Rußland auf geraume Zeit hinaus nicht zu fürchten ist. Allein Rußland ist ein „christlicher Staat!" Es übt seine Verbrechen im Namen des konservativen monarchischen Prinzipes, darum wird gegen die Schreckensherrschaft in Petersburg keine Einsprache erhoben. Alle Welt hat die Empfindung, daß sich jetzt im Osten Europas furchtbare Dinge vorbereiten. Man wittert Blutgeruch, man hat die Vorahnung eines großen Massenschlachtens. Die öffentliche Meinung aller Länder gibt von vornherein Ekel und Entrüstung kund, und in den fortgesetzt sinkenden Kursen der russischen Papiere sprechen selbst die konservativen Finanzkreise ihr Verdammungsurteil über eine Politik aus, die von Gewaltstreichen zu Katastrophen taumelt. Die Moral und der Kurszettel find aber auch alles, was Europa den mörderischen Absichten des Zarentums entgegenzustellen weiß. Von der Mobilisierung anderer Machtmittel hat man bisher nichts gehört. Und doch wäre es so verlockend, mit denselben hochtönenden Worten, die so oft die Vertreter der Zaren gegen den Sultan gebraucht, einmal einen Zaren selbst an die Gebote christlicher Kultur zu erinnern. Rußland hätte es heute viel nötiger als die Türkei, unter europäische Kontrolle gestellt zu werden. Aber da flüstern die sonst im Orient so bevormundungsfrohen Diplomaten verlegen und ängstlich: „Nichtintervention!" Ein „Offener Brief" an die Regenten der Knltnrwelt. Der bekannte Gleiwitzer Rabbiner Dr. Wilhelm Münz richtet einen „Offenen Brief" an die „regierenden Fürsten und Staatsoberhäupter der Kulturwelt", dem wir im Jntereffe der Sache, der er dient, gern Raum geben: „Auf den einsam ragenden Gipfeln der Menschheit find Eure erhabenen Sitze errichtet. Hoheitsvolle Würde umstrahlt Euer Haupt. Eure Namen gehören der Weltgeschichte an. Ich aber stehe in der Tiefe, ein Namenloser, und blicke zu Euch mit verstörtem Angesicht und bebendem Herzen ehrfurchtsvoll empor. Ein Schmerzensschrei, ein Ruf des Entsetzens entringt sich meiner gepreßten Brust; er durchbricht die Nebel und Wolken, die sich über der Niederung lagern, und zittert bis zu Euren glanzumfloffenen Höhen. Denn es ist nicht die Stimme eines einzelnen Menschen, die Euch anruft, sondern die grenzenlose Not und der unsägliche Jammer von Millionen leidgeprüfter Menschen brennt in mir wie ein verzehrendes Feuer und stöhnt und klagt Tag und Nacht in meiner Seele; ich kann das Wort, das mir das Herz zersprengt, nicht zurückhalten. Wie wird doch mein Auge von Nacht und Grauen verdunkelt! Welch ein Anblick bietet sich mir dar! Es kocht und dampft das Blut der Ermordeten und verhüllt den Schein der Sonne. Es ist Nacht, düstere Nacht auf der Erde. In den Straßen und Häusern der ruffischen Städte Judenmetzeleien und Greueltaten sondergleichen . . . Die Sprache sträubt sich, diesen Scheußlichkeiten Worte zu geben. Der Sprachgenius verstummt» weil er keinen Ausdruck findet, um das Uebermaß entmenschter Brutalität gebührlich zu brandmarken.