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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Blortz's Wvchenfürrifr. Gelte 495 leiden. Bei letzterer war fast der ganze Marktflecken überflutet und die Bewohner flüchteten in Kähnen auf das Ofner Gebirge. Im Jahre 1840 war die Familie meines Vaters nach Pest übersiedelt, welches um jene Zeit einen gewaltigen Aufschwung zu nehmen begann. Unvergeßlich sind jedoch meinem Vater die Eindrücke geblieben, welche er in den Tagen einer glücklichen Jugend in Altofen empfangen hatte und noch in seinen letzten Lebenstagen weilten seine Gedanken gerne bei jenen fröhlichen Stunden, welche er daselbst verlebt hatte. . Ein Jargon-Dramatiker. Für die russische Kunst und Literatur war das letzte, wildbewegte Jahr recht unergiebig. Die besten der russischen Dichter weilen im Ausland, wo sie in banger Spannung die Entwicklung beobachten, die die politischen Ereignisse in der Heimat nehmen. Die Mehrzahl der Theater lebte von der Hand in den Mund; zahlreiche Existenzen sind hier, wie auf anderen Gebieten, zugrunde gegangen. Von dramatischen Novitäten ist nicht viel zu berichten — alles, was irgend interessant zu werden versprach, wußte die Zensur zu unterdrücken oder so zu verunstalten, daß es ungenießbar wurde. Um so bemerkenswerter ist ein theatralischer Erfolg, den noch die zweite Hälfte der russischen Saison gebracht hat — und zwar ist es ein im Jargon schreibender Schriftsteller, dem er zugefallen. Daß die sechs Millionen russischer Juden, deren Muttersprache das vielbespöttelte „Jiddisch" ist, sich in den letzten beiden Jahrzehnten eine eigene Literatur und Presse geschaffen haben, daß schätzenswerte Schriftsteller, wie Perez, Rosenfeld, Abramowitsch, Rabinowitsch, die Leiden und Frenden ihres Volkes in mannigfachen dichterischen Schöpfungen mit Erfolg geschildert haben, ist auch in weiteren Kreisen wohl bekannt. Aber hier hat einer, dem der Rahmen der Ghettopoesie zu eng geworden, den Sprung in die große Literatur hineingewagt, und die Kritik ist einstimmig der Meinung, daß ihm das Wagnis gelungen ist. Und so wird man sich denn den Namen Schalom Asch für die Zukunft merken müssen. Asch, der erst in der Mitte der Zwanziger steht, ist bereits mit einer Reihe fein empfundener Erzählungen und Skizzen aus dem Leben der polnischen Juden, sowie mit einigen Einaktern im engeren Bereich der Jargon-Literatur an die Oeffentlichkeit getreten. Nun hat er sich vor einiger Zeit im Dramatischen Theater der Frau Kommissarschewskaja in Petersburg mit einer dramatischen Dichtung „Messianische Zeiten" dem Publikum der Newaresidenz vorgestellt, und die russische Kritik hat sein in einer guten russischen Uebersetzung gespieltes Stück einmütig als eine überaus starke Talentprobe begrüßt. Es ist seither unter stets gleichbleibendem Applaus über einige zwanzig russische Bühnen gegangen, und jetzt haben auch die polnischen Bühnen das Stück in ihr Repertoire ausgenommen: als erste das königliche Theater in Warschau, wo eS, wie im „Berliner Tageblatt" bereits berichtet wurde, dieser Tage ebenfalls einen sehr kräftigen Erfolg fand. Selbst der Kritiker der antisemitischen „Nowoje Wremja" muß die ungewöhnliche dichterische Begabung von Schalom Asch anerkennen, von dessen talentvollem Stück es ihn anweht, „wie der Geist Heines", dem er „bis zuletzt mit größtem Interesse zuhörte", dessen Gestalten „er als völlig glaubwürdig hinnehmen mußte". „Messianische Zeiten" nennt Schalom Asch sein mitten aus der lebendigen Gegenwart berausgerisseues Drama. Aber ist es denn ein Drama, was er da geschrieben? Sicherlich keines nach den Regeln der zünftigen Dramatik. Doch wir haben ja in den letzten Jahren so viel gesehen, das sich als bühnenwirksam erwies und dabei auf die hergebrachten dramatischen „Forderungen" nicht die geringste Rücksicht nahm. Der Erfolg hat jedenfalls Schalom Asch Recht gegeben. Im Mittelpunkte seines auf russisch-polnischem Boden spielenden Stückes steht Reb Chonon, ein würdiger jüdischer Patiarch von achtzig Jahren, der beschlossen hat, mit seiner greisen Gattin nach Palästina zu pilgern, um dort, im Lande der Väter, sich zur Ruhe zu legen. Er hat seine Söhne und Enkel in sein behagliches Haus geladen, um sie zu segnen, sie im alten Glauben zu befestigen und von ihnen Abschied zu nehmen. Da kommen sie nun in dem alten polnischen Städtchen Kazmierz beim Großvater aus allen Landen zusammen, die Söhne, die Töchter, die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen — insgesamt wohl ein gutes Dutzend, und jeder und jede verkörpert irgend eine Richtung des heutigen Judentums. In feingeschliffenen Pointen läßt Asch sie ihre Ansichten und Ueberzeugungen offenbaren, und das gibt in der temperamentvollen, mit gewählten Mitteln arbeitenden Darstellung dieses talentvollen Autors einen so wohl abgetönten Zusammenklang der Meinungen, Gefühle und Stimmungen, daß der Zuhörer bis zum letzten Augenblick gefesselt bleibt. Der Abschied Reb Chonons von den Seinen bildet den Inhalt der drei Akte des Stückes. Schlicht und anspruchslos einsetzend, steigert sich der Vorgang im zweiten Akte, der den Abschied Reb Chonons vom Grabe seiner Eltern bringt, und dann weiter im dritten, der die nächtliche Scheideszene auf der Landstraße schildert, zu einer poetischen Höhe, die in ihrer weihevollen, tief angelegten Symbolik wie ein ergreifendes Mysterium wirkt. Die Ekstase des Messianismus greift von der Bühne auf die Zuschauer über und man glaubt es diesen leidenschaftlichen, innerlich aufgepeischten Menschen, daß etwas Neues aus dem Schoße der Zeiten, aus dem immer noch unerschöpsten Boden ihres Volkstums geboren werden will. In einem sagenhaftvisionären Schluß klingt das ganze aus; die schöne Schneiderstochter Esther, die Geliebte des Polenkönigs Kasimir, erscheint in den Ruinen ihres alten Schlosses; sie ist blind und geht an einen Stecken, mit dem sie in den Trümmern nach ihren schwarzen Augen sucht, die der König ihr nach dem Tode aus dem Kopfe nehmen ließ, um vor ihnen seine Andacht zu verrichten. Ohne Augen kann sie nicht vor ihrem ewigen Richter erscheinen. ... August Scholz. Kriefkastrrr. Rabbiner Dr. G. in B. I., Werhburggasse 10. „Verjuvung". Die antisemitischen Fangarme des „Deutschen Volksblattes" reichen ncuestens bis Amerika. Daß diese Zeitung außer mtt der jüdischen auch mit der deutschen Grammatik auf schlechtem Fuße steht, beweist Aufschrift und Beginn dieses neckischen Artikels: „Die Berjudung Amerikas! Mit diesen Worten wollen wir wohl nicht Verhältnisse bezeichnen, wie selbe in. der anderen Reichshälfte, jenseits der Leitha . . ." Ja, ist in Ungarn auch eine „Verjndnn,; Amerikas" zu finden? Wan hat bisher nichts davon gehört, daß das „Deutsche Volksblatt" einen Spezialberichterstatter in Amerika hat, der ein Reffe Herrn Verganis ist. Vielleicht ist aber auch ein anderer Neffe, der emem Onkel im Blatt einen Brief schreibt, um die Verjudung Amerikas einmal gehörig anzunageln. Für den Herrn ist es „ein unauflösbares Rätsel, wenn die amerikanische Regierung die Juden in so schändlicher Weise protegiert, warum Roosevelt selbst sich mit Leib und Seele an diese Parasiten verkauft hat. Dann prophezeit das Schreiben Szenen „a 1a xusae“ und schließt: „Die ganze christliche Bevölkerung blickt auf Wien als ein Vorbild, ein Idol, das es versteht und schon seit zwölf Jahren verstanden hat, sie unten zu halten, ohne sie abzuschlachten. Das Volk hier stöhnt und ächzt und windet sim, ist aber absolut ohnmächtig, in erster Linie gilt dies von der Geichäftswelt. Wien rst in aller Leute Mund, früher haben diese selben Leute bis zu Tränen gelacht über die Wiener Antisemiten, die Tränen lausen ihnen jetzt wieder über die Wangen, aber nicht vor Lachen! (.iuotl lieber Onkel, und schreibe recht bald .Deinem dankbarsten Neffen." Wenn die Amerikaner diesen Unsinn lesen, werden ihnen abermals die Tränen über die „Wangen laufen", aber diesmal wieder vor Lachen! K. P. Herr Dr. Pattai hat vor wenigen Jahren zu den französischen Antisemiten eine Wallfahrt unternommen. Nunmehr werden die Franzosen von den Wiener Patent-Christen pöbelhaft beschimpft. Die Herren haben sich offenbar geirrt. Im „Echo der Gegenwart" schildert ein Mitarbeiter eine Studienreise, die er mit einem französischen Professor und zwei rheinische» Landsleuten nach Tours und Poitiers machte. Der größte Schatz der Radegundenkirche in Poitiers ist ein goldener Schrein mit den Gebeinen des heiligen Radegunde. Er befindet sich in der Krypta,

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