Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 488 *t'i. JbiocD'd XKllocDenscDrin. Nr. 29 schuldigen Kindern werden Nägel in den Kopf geschlagen; die Mädchen werden vor den Augen der Eltern entehrt, und es wird ihnen mit perverser Wollust der Bauch aufgeschlitzt. Der Genius der Menschheit muß sich von diesen Szenen mit Abscheu abkehren, Szenen, welche eine ewige Schande für jene Regierung bilden, welche dieselben duldete. Und beschämt, im Bewußtsein ihrer Ohnmacht erörtert die russische Duma diese Ereignisse, und hiebei beruft sie sich mit Recht auf das zivilisierte Ausland, wo im Namen der Menschenliebe und der Humanität schon von allen Seiten Proteste ertönen. In diesem urteilsfällenden Chore kann das Publikum der Stadt Pozsony nicht fehlen, die berechtigter Weise auf ihre alte Kultur so stolz ist. Das ist auch der Zweck der heutigen Zusammenkunft, auf daß wir mit lauter Stimme gegen jene Kette von Attentaten protestieren, welche in Rußland dadurch verübt werden, daß — es sei dahingestellt, ob aus politischen oder anderen Gründen — gegen unschuldige Menschen ein Pogrom, mit anderen Worten eine Treibjagd arrangiert werde. Geehrte Mitbürger! Ein österreichischer Staatsmann wollte dieses Pogrom damit entschuldigen, daß die ruffischen Juden Revolutionäre seien und daß sie deshalb Sturm ernten, weil sie Wind säeten. Aber, geehrte Mitbürger, wenn wir auch alle jüdischen Revolutionäre, die die Willkürherrschaft verhaftet und zum Tode verurteilt, — vom Standpunkte der Freiheit aus bedauern, zu einer Protestversammlung wären wir deshalb nicht zusammengekommen. Das Pogrom steht mit der Revolution in gar keinem Zusammenhänge. Hier ist vom Blute unschuldiger Menschen, von Greisen, Frauen und Kindern die Rede. „Die Gerechtigkeit bildet den Grundstein der Reiche." Dies Rechtsprinzip, diese Wahrheit suchen wir umsonst bei oberwähnten Vorfällen, und glauben Sie mir, der ich mit der Untersuchung des menschlichen Seelenlebens einen großen Teil meines Lebens verbringe, daß die Nemesis diese Regierungsform erreichen wird und erreichen muß. Wir befinden uns nämlich bei jedem Vorurteile und bei jedem Wesen, sowie bei Irrlehren, — wo diese sich in die geistige Sphäre einnisten, dort infizieren sie auch unser Denken und verhindern die vernünftige, überlegende, den eigenen Vorteil wahrende Beurteilung. Doch treffe was immer für ein Schicksal die ruffische Regierung, unsere Pflicht ist es, im Namen der Menschheit gegen die russischen Ereignisse Protest einzulegen. Pozsony bildet zwar nur einen Tropfen im Meere der Welt, aber sobald jeder Tropfen seine Pflicht erfüllt, dann bricht ein solcher Meeressturm aus, welcher Rußland überflutet und jene ein Menschenantlitz tragende Bestien fortschwemmt, die an den Qualen unserer armen Glaubensgenossen mitschuldig sind. Ich erkläre hiemit die Protestversammlung für eröffnet." Hierauf ergriff als erster Redner zur Tagesordnung der Reichstagsabgeordnete des Pozsonyer 1. Wahlbezirkes Advokat Otto Sziklai das Wort und sprach wie folgt: Geehrte Versammlung! Sie wußten, daß ich auf Grund meiner Prinzipien Ihrer geehrten Einladung unbedingt Folge leisten werde. Sie kennen mein politisches Glaubensbekenntnis, das die drei Worte wiedergeben: „Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit." Ich verstehe darunter nicht nur die Freiheit des Bürgers im Vaterlande, sondern die Freiheit des Mitbürgers überhaupt. Doch will ich nicht auf Grund meiner Prinzipien zu Ihnen sprechen, sondern die Beziehung erörtern, in welcher das Thema unseres Protestmeetings zu unseren heimatlichen Landesinteressen steht. Wovon ist die Rede? In Rußland werden die Menschen in Hekatomben geschlachtet. Jedes menschliche Gefühl empört sich in uns, in den Anhängern der Lehre „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst, und verzeihe selbst Deinen Feinden." Aber außer diesem ethischen empört sich auch unser Rechtsgefühl gegen diese Metzeleien. Kein Mensch hat das Recht, dem anderen das Leben zu nehmen. Ja, sogar die Strafrechtslehrer bestreiten wie die Volksmaffe das Recht einer Todesstrafe. Was geschieht aber in Rußland? Es werden Bürger um ihr Leben gebracht, die nicht einmal einen Richterstuhl sahen und darunter sogar Kinder und Frauen. Dieser Ruchlosigkeit muß ein öffentliches Brandmal aufgedrückt werden. Wir wollen dies hier tun, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Stellung und auf die Konfession. Aber auch vom Standpunkte der Landesangelegenheiten müssen wir dies tun. Es ist unsere Pflicht, zu betonen, daß kein Staat das Recht habe, seine Bürger auszuweisen und einem anderen Staate zur Erhaltung zu überlassen, — oder gar seinem Bürger das Leben zu nehmen oder ungestraft nehmen zu lassen. — Aus humanen und ethischen, aus rechtlichen und politischen Gründen müssen wir daher, wie alle übrigen zivilisierten Nationen, gegen diese russischen Greueltaten protestieren und denselben das Brandmal der öffentlichen Verachtung aufdrücken! (Stürmische Eljenrufe.) Nachdem dem Reichstagsabgeordneten Otto Sziklai der Dank ausgesprochen worden war, ergriff als zweiter Redner Dr. Georg v. S ch u l p e das Wort, und verweisend auf die gründlichen Ausführungen seiner Vorredner, setzte er fort: Die Greueltaten in Rußland, jüngster Zeit in der Stadt Bialystok empören die ganze Welt, besonders aber durchbebt hierob das Gefühl des Abscheus den Genius der ungarischen Nation, die seit einem Jahrtausend für die Menschenrechte, für die Rechte der Mitmenschen kämpft. Als Sozialpolitiker müsse er gestehen, daß Rußland mit seinen Kischinewer und Bialystoker Scheußlichkeiten den Geist des modernen Zeitalters verhöhne, und noch dazu ungestraft. Ist etwa nicht die ganze Menschheit eine Familie? Ist nicht jeder Mensch unser Bruder? Wenn dies aber nicht geleugnet werden kann, wie es ja auch nicht geleugnet wird, so müssen sich alle Menschen gegenseitig unterstützen, wie im-Kampfe gegen das Schicksal und gegen Krankheiten, so auch gegen Greueltaten, welche diese Menschenpflichten außer Acht lassen, ja verletzen. Redner schließt sich demnach dem Proteste an. Nach den Eljenrufen, womit Schulpes Rede quittirt und ihm der Dank votiert wurde, verlas Stadtrepräsentant Buchhändler Hermann Steiner die erschütternde Erzählung einer unerhört unmenschlichen Episode aus den Greuelszenen von Bialystok, die aus der ausgezeichneten Feder des russischen Schriftstellers und Dramatikers Ossich Dymow stammt und unter dem Titel „Pogrom" in reichsdeutschen Organen veröffentlicht wurde. Dem Vortrage wurde Dank und dem tiefen Gefühle des Herrn Steiner für die Leiden seines Volkes Anerkennung gezollt. Gerade während des spannenden Vortrages erschien auch Reichstagsabgeordneter Marezell v. I a n k o v i ch, ein Neffe Kossuths, und wurde mit stürmischen Eljens begrüßt. Der vorzügliche Redner begann seine glänzende Rede sofort mit dem Haupthema und sagte hierüber folgendes: „Es sind in der Welt verschiedene Völker und es sind verschiedene Rassen und Blut wird nicht zu Wasser. Es sind in der Welt auch verschiedene Konfessionen. Und es ist gut so, daß Unterschiede und Scheidewände bestehen — denn hiedurch lebt in der Menschheit ein gesunder Wettkampf um die höchsten Güter. Aber es scheiden uns, die Menschen, nicht die himmelragenden Spitzen des Hymalaya, nicht die ungeheueren Tiefen des großen Ozeans, es scheidet uns nicht der in Eis erstarrte Nordpol und nicht die von Sonnengluten durchsengte Wüste, es scheiden uns nicht die Urim und die Thumim, denn wir alle sind ja Brüder, und das in uns hausende Gefühl der Brüderlichkeit regt sich sofort, wenn einer unserer Mitmenschen unmenschlich behandelt, gepeinigt wird, wenn jemandem auch nur ein Leid geschieht! Sofort vereinigen sich die Menschen der verschiedenen Rassen und Konfessionen und die Scheidewände fallen. So kam auch mein geehrter Freund, der englische Journalist Förster mit mir hieher, der Augenzeuge der russischen Greueltaten war und der selbst mit der Waffe in der Hand in Odessa eine schutzlose Frau gegen ruchlose Mörderhände verteidigte. (Stürmische Eljenrufe.) Förster kam mjt Freude hieher und schließt sich ihrem Proteste an, auf daß im Namen der Menschheitsrechte der Arm des Wütherichs aufgehalten werde, welcher auf den unschuldigen Abel herniedersaust. Das ist der Arm, welcher diese Willkürherrschast lenkt, unter der sich unsere Brüder, die Polen, verbluten; es ist