Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 99 Nr. Blocbs tRUocbenscbrrn. :-Tr^r-TTiTm’-mnitTinr'" iv MMsssZir.« >. I. _ iilliui— Flanken und schlagen ihren weißen Gischt im Norden auf den sandigen Strand und überziehen die liegenden Baumstämme mit frischem Salz. . . . Der Führer mahnt zum Aufbruch. Wir haben noch fünf Stunden durch die Wüste zu reiten bis zum Kloster Mar Saba, wo ein leidliches Unterkommen für die Nacht zu finden ist und von wo am andern Tage die Reise nach Jerusalem in einigen Stunden zurückgelegt wird. Der Weg führt, nachdem man etwa 400 Meter hoch bis an den Rand der welligen Gebirgsebene gestiegen ist, über rauhe Höhen von Mergel und Kalkstein durch eine schauerliche Einöde, wie sie trostloser nicht gedacht werden kann. Meilenweit nichts als Fels und Sand, versteinertes Meer, ein Chaos von Hügeln, ohne Ordnung, ohne Plan. Nirgends ein grünes Fleckchen; kein Grashalm, kein Tropfen Wasser, keine Spur vegetarischen und animalischen Lebens. Die dürren Hügel bei Jerusalem sind fette Weiden im Vergleich zur Wüste Mar Saba und Engaddi. Hier ist die Wüste auf der höchsten Stufe der Fruchtbarkeit und der Majestät. Auf einer stattlichen Anhöhe liegt gegen Norden Nebi Musa, das „Grab Mofis", ein muhamedanisches Heiligtum und besuchter Wallfahrtsort der Moslim. Die Stätte ist unhistorisch, da Moses ja im Ostjordanland starb. Nach einiger Zeit wird das Tal, durch das wir reisen, zu einem sich bis zu 200 Metern vertiefenden Felsenriß. An den fast senkrechten Wänden sind Felsennischen. Höhlenwohnungen zu Hunderten und Tausenden. Wir sind im Eldorado der Anachoreten. Hier wohnten schon vor Christi Zeit Essener, dem Prophetenwort folgend: „Gehe hin in den Felsen" (Jes. 2. 10. 19.). Den Essenern folgten christliche Anachoreten, die hier zu Tausenden gelebt haben, Fanatiker der Entsagung. Die Sonne sank, da klopften wir an die kleine Klosterpforte. Mar Saba ist eines der wunderlichsten Bauwerke, die es geben mag, halb Kloster, halb Festung, 582 Meter über dem Spiegel des Toten Meeres, an der jäh abstürzenden Felswand des Kidron-Bettes. Durch großartige Ausmauerungen ist Raum für die Kirche vorhanden. Die Schlucht ist durch Quermauern und zwei Türme gesperrt. Zwischen den Türmen, Resten einer römischen Festung, hinter den festen Wällen, der notwendigen Schutzwehr gegen die Beduinen, klebt am Felsen ein Komplex von Baulichkeiten, in unregelmäßiger Reihenfolge, Kapellen. Nischen. Korridore, Treppen, Brücken und Grotten. Man steigt auf und nieder in diesem wunderlichen Labyrinth, kommt in kleine überhängte Gärten, in Klosterzellen, die in den natürlichen Felsen gebohrt sind, wo die Mönche in verschiedener Höhe in ihren Nischen wie ein Volk Tauben hausen, in Kapellen, die besonders heiligen Eremiten geweiht und mit kostbaren Geschenken, altbyzantinischen Bildern re. geschmückt sind. Asketischer noch als die Mönche von heute haben in alter Zeit jene Einsiedler gelebt in den Hunderten von Höhlen da unten im Tal. So fern uns auch die düstere Schwärmerei der damaligen Anachoreten liegen mag, sieht man mit eigenen Augen ihre Höhlen und Klüfte mitten in dieser schauerlichen Einöde, von der man wahnsinnig werden könnte, in der nichts heimisch ist, als der Mangel und die Gefahr, so bewundert man den Mut solcher Entsagung. Gehört schon eine seltene Härte der Seele dazu, Einsiedler zu sein am Berge Carmel, was ist das gegen diese potenzierte Thebais, die das Ideal der Entsetzlichkeit in der Natur, des antizipierten Grabes verwirklicht! Für immer Lebewohl zu sagen dem Anblick der Bäume, der Auen, des Wassers, für immer zu leben in der Felsennische, in dieser unsagbaren Oede, dieser schweigenden Leere! Es schwindelt uns, wenn wir nur denken aus solche Verzichtleistung auf Alles, was das Leben lebenswert macht, an solche Assimilation des Menschen an den Stein, der von nun an sein einziger Gesellschafter und sein einziger Anblick ist. So sinnend stand das verwöhnte Kind des 20. Jahrhunderts dort abends spät noch, an die Brüstung gelehnt über der gähnenden Tiefe; das Licht des Vollmonds ließ die Höhlen jener Anachoreten als schwarze Löcher unten in der gegenüberliegenden Felswand der Talschlucht deutlich erkennen, und sein fahler Schein machte rings die düstere Landschaft noch unheim- Sette 487 licher. Da Hallen die Klosterglvcken in langgezogenen Schlägen in die stille, linde, öde Nacht hinaus und dunkle Gestalten im Mönchsgewande huschen gespensterhaft vorüber in die matt erhellte Kirche, sich niederzuwerfen zu stundenlangem, asketischem Gebete. (V. 2.) Korrespondenzen. Protestversammlnng gegen die russischen Greuel inlen in Bjeloftok. Abgchalten zu Pozsony am 8. Juli 1906. Die Protestversammlung, von den Zionisten einberufen auf halb 11 Uhr vormittags, war sehr gut besucht. Es erschienen bei 1000 Personen. Der große Saal des Etablissements „Bellevue" war dicht besetzt. An Honoratioren waren anwesend: die Reichstagsabgeordneten Otto Sziklai und Marczel v. Jankovich, Dr. Georg v. Schulpe, die Advokaten Dr. Löwinger, Dr. Leitersdorf, Dr. Gombai und Dr. Aurel Singer, die Stadtrepräsentanten Ludwig Wiener, Karl Dworak, Jakob Magen, Mano Schick, Theologe Baron Podmaniczky. der englische Journalist Förster :c.?c. Im Namen des Einberufungskomitees begrüßte Primarius Dr. Fischer die zahlreich Erschienenen und ersuchte dieselben, das Präsidium und die Schriftführer zu wählen. Ueber Vorschlag des Theologen V. Schönfeld wurden akklamiert: Primarius Dr. Fischer zum Präsidenten, sodann zu Vizepräsidenten Doktor Georg v. Schulpe und Karl Dworak, zu ergänzenden Mitglieder des Präsidiums die Herren Bernat Weiß und Samu Bettelheim, und zu Schriftführern Siegfried Steiner und Sigm. Lustig. Nach dieser Akklamation nahm Primarius Dr. Fischer als Präsident Platz, dankte für die Auszeichnung und hielt sodann folgende Eröffnungsansprache: „Seit Jahren verfolgt die zivilisierte Welt mit zurückgehaltenem Atem und mit zitterndem Herzen jene Ereignisse, die in Rußland sich zutragen. Es find weltgeschichtliche Ereignisse, es ist ein Titanenkampf zwischen der Willkürherrschaft und der Völkerfreiheit. Jedes Volk und besonders wir Ungarn wissen aus unserer eigenen Geschichte, daß ein solcher Kampf ohne Opfer von Blut sich nicht abspielen könne. Die Blumen der Freiheit entsprießen augenscheinlich nur dem von Blut durchsättigten Boden. Aber weit entfernt von diesem ehrfurchtgebietenden Kampfe bildet Rußland auch den Schauplatz solcher Ereignisse, welche die Brust eines jeden vorurteilsfreien und gefühlvollen Menschen nicht nur mit Mitleid, sondern auch mit Abscheu erfüllt. Ist ja doch das Schicksal der armen israelitischen Konfession in Rußland überhaupt kein besonders beneidenswertes. Die Juden stehen dort außerhalb der Gesetze, ohne jedwede Rechte, und find der brutalen Willkür untergeordneter Organe ausgesetzt. Vielleicht ist es mir gestattet, mich nur auf jene empörenden Vorfälle zu berufen, laut welchen die zuhause gebliebenen Familien der auf dem Kriegsschauplätze kämpfenden Juden ausgewiesen wurden, weil laut russischer Regel die Familie nur dort sich aufhalten dürfe, wo das Oberhaupt der Familie sich befindet. Aber was bedeuten diese Ungerechtigkeiten und Rechtlosigkeiten zu jenen Kalvarien-Leidenswegen, welchen die russischen Juden schon seit Jahren erdulden müssen, angefangen von Kischenew, bis zu Hömel, Odessa, Kiew und jüngster Zeit zu Bialystok. Es wurden dort förmliche Blutbäder arrangiert, ganz andere wie in der Bartholomäus-Nacht, weil dort nicht unter dem dunklen Schleier der Nacht, im Namen der Religion der Liebe, jene ermordet werden, die den Einen Gott in einem anderen Glauben anbeten, sondern es geschieht dies am hellichten Tage mit Wissen, ja unter Anstiftung und sogar unter Teilnahme der Behörde, und so gehen sie los gegen unsere unglücklichen jüdischen Brüder, denen man zuerst Alles fortnahm, jede Waffe zur Verteidigung, auf daß dieselben sie nicht zur Revolution benützen, und so mordet man die Wehrlosen auf gemeinste Weise. Doch sie morden nicht nur. sondern sie peinigen auch ihre Opfer nach Art wilder Tiere. Schwachen Frauen und