Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021686--15586-3040360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 486 Dr. Dlocv's MocdenscbrtN. Nr. 29 Durch der Erde weit Gefilde Rauschet manch' erlauchter Strom; Herrlich spiegelt sich im Rheine Rebenhügel, Burg und Dom. An des Tiber gelben Fluten Türmt sich stolz das alte Rom. Hoch von Bergen bringt der Ganges Himmelslust und Waldarom. Doch wie heißt las stille Wasser, Dem das laut'ste weichen muß? Das der Pilger knieend grüßet Mit entzückter Andacht Gruß? Drin er leise schauernd netzet Stirn und Wange. Hand und Fuß? Das bist Du. o Sohn des Hermon, Beneideter Jordanfluß! Der Jordan, der bei uns ein Fluß dritter Größe sein würde, fließt in einer breiten, sandig-lehmigen Rinne, umsäumt von einem schmalen Streifen urwaldähnlichen Dickichts, das sich aus Schilfrohr und Binsen, aus Tamarisken, Akazien, Silberpappeln. Oleandern, . Terebinthen, Weiden und Mimosen zusammensetzt. Verschlungene Pfade führen durch den Waldesschatten. Waldvögelein zwitschern in den Zweigen. Hier ist die Winterresidenz so mancher Zugvögel aus dem Norden, vieler Störche zumal. Zahlreiches Wild birgt sich im dichten Gebüsch. Still fließt der. Fluß gerade nicht. Er wälzt in seinem Bett ein schlammiges laues Wasser in ungestümer Hast, in vielen scharfen Windungen, mit starkem Gefälle dahin. Die vertikalen Wände des Flußbettes werden durch Lehmschichten gebildet, daher ist die Flut so gelb und trübe. Es ist nicht mehr das klare Wasser des kleinen Wildbaches am Fuße des Hermon, in dem sich die Farbe des Himmels wiederspiegelt. Wild stürmt er zu Tal, von den Schneehöhen des Hermon herab, tiefer als irgend ein Strom der Erde, zum warmen Süden; der Sec Meron kann ihn nicht halten, nicht der See Tiberias; unaufhaltsam eilt er weiter, talab, schnell, unruhig, hastig, in stürmischen Wirbeln, in reißender Strömung, bis er dort unten in jenes leuchtende, schimmernde, tiefblaue Meer sich ergießt, wo er Ruhe, ganze, stille, tote Ruhe findet. Und die dahinstürzenden gelblichen Fluten des gefeierten Flusses zwingen die Gedanken zum Verweilen. Ich saß in den Zweigen einer breiten Sykomore, die ihre knorrigen Aeste weit über das Wasser des Jordan ausbreit cte, in stillem Sinnen. Es liegt etwas unendlich Wehmütiges in den großen rührenden, oft von der Geschichte ver-- gessenen Erinnerungen des alten Israel, die sich an diese einsamen. schweigsamen Ufer knüpfen, an dieses verschlungene Waldesgrün, in dem heute nebst Hyänen und wilden Ebern, deren Spuren wir im Schilfrohr bemerken, die räuberischen Beduinen Unterschlupf finden, wenn sie von den Bergen des Ostjordanlandes in die Ebene kommen. Der Jordan hat der patriotischen Klage zum Mittelpunkt gedient, für die das jüdische Volk im höchsten Grade Sinn und Ausdruck hat; er hat gleichsam die nationalen Elegien inspiriert, die zu den schönsten Stücken der alten Poesie gehören. Er ists, der reißende Bach im Tale Juda, den das Volk im Exil so bitter beweinte am Ufer der schönen Flüsse Babylons, den es unablässig wiedersah in der Fata Morgana des Wüstensandes. Im Morgenland hängt der Mensch mehr am Wasser als am Erdboden der Heimat. Dem Bewohner der Wüste ist das Land überall gleichförmig und oft wie eine Stiefmutter; das Wasser aber ist immer seine Wohltäterin. Vielleicht ist's dieser Ruf, den ihm die hebräische Poesie verschafft hat, daß der Jordan, dessen Name uns seit frühester Jugend so vertraut ist, wie die Namen der Flüsse und Bäche unserer engeren Heimat, in dem Wanderer, der nach langer Pilgerfahrt an seine Ufer kommt, ähnliche Empfindungen erweckt. Niemand hat an den Ufern des biblischen Flusses gesessen und die Klagelieder aus der Gefangenschaft gelesen, ohne daß sich diesen Bildern bald bekanntere gesellten, ohne daß er in irgend einem vertrauten Tal ein Bächlein in schattigen Windungen fließen sähe, überwölbt von einem Baldachin bläulicher Nebel; die langsam schwebenden Nebelstreifen, die vom Wasser aufsteigen an dem Oktobermorgen, waren ja die Schleier, hinter dem die Einbildung die Träume des Sechzehnjährigen verkörp.'rte. So erwacht in dem ewig unzufriedenen Menschen, indem er aus dem heiligen Flusse trinkt, wonach er sich so oft gesehnt hat, ein Verlangen nach der verlassenen Heimat . . . Nach einem erfrischenden Bade in den Fluten des berühmten Flusses bestiegen wir wieder unsere Pferde. Vorwärts ging's im Galopp über die öde Steppe, unbebaut und unbewohnt, über pflanzenlosen Tonboden, mit einer weißen Salzkruste bedeckt. Nach einer schwachen Stunde waren wir am flachen Nordufer des Toten Meeres. Es war noch nicht Mittag, aber die Sonne brannte furchtbar heiß in diesem Kessel. Dieses Tal ist die tiefste Stelle der ganzen Erdoberfläche; der Spiegel des Toten Meeres liegt 394 Meter unter dem Spiegel des nicht weit entfernten Mittelmeeres. Das Tote Meer, in der Bibel „Salzmeer", von den Griechen und Römern „Asphaltsee", von den Arabern „Bahr Lut" (Lots See) genannt, ist 10 deutsche Meilen lang und 2 Meilen breit. Die größte gemessene Tiefe beträgt 400 Meter. Am Ufer entlang liegt eine Menge Treibholz, vom Meer ausgeworfen; der Jordan hat es herabgesührt; die Baumstämme sind mit weißer Salzkruste überzogen. Das Salz bildet nicht nur die konzentrierte Lauge des Sees, sondern setzt auch am Berge Usdum im Süden ganze Gebirgsmassen fester Salzschichten zusammen. Dieser Berg, 6 Kilometer lang, 1 Kilometer breit und 100 Meter hoch, enthält eine 20 Meter starke Bank von reinem Salz. Die vertikalen Abstürze der Salzmasse sind zu pfeilerförmigen Gestalten verwittert. Man hat bei den Beschreibungen dieses merkwürdigsten aller Seen, besonders in früherer Zeit, sich bemüht, zu zeigen, daß er einen unheimlichen, finsteren Eindruck mache, der unwillkürlich an Zorn und Gericht erinnere. Es ist gefabelt, keine Pflanze wachse am Ufer, kein Vogel fliege über die Todesflut. Das ist einfach nicht wahr. Die Landschaft am Toten Meere ist von einer überraschenden ernsten Schönheit. Von unheimlichem, düsterem Eindruck ist nichts wahrzunehmen. Der See hat bei wolkenlosem Himmel eine entzückend blaue Farbe. Die ganze Landschaft ist von Licht und Glut und Glanz' erfüllt. Ein geradezu wunderbares Panorama, diese weite, glänzende, leise wie Quecksilber zitternde tiefblaue Fläche, zu beiden Seiten, so weit das Auge reicht, von hohen Felsen umschlossen. Majestätisch ist der Anblick der 500 Meter steil zum See abstürzenden Berge Juda im Westen, der doppelt so hohen, wild romantisch zerklüfteten Berge Moab im Osten. Wir stehen an der Nordwestecke. Am östlichen Horizont über den See hin zieht sich diese Kette der Moabiterberge wie ein Band ohne Ende auf dem zweifachen blauen Grunde des Wassers und des Himmels, der es unten und oben in zwei scharfen parallelen Linien begrenzt. Unvergeßlich ist der Anblick dieses dunklen, von Schluchten und Spalten durchfurchten, rauhen, wie von zorniger Hand zusammengepreßten und wie verzweiflungsvoll zwischen den beiden unbeweglichen, unbiegsamen blauen Linien hinwindenden Streifens. Allerdings ruht eine feierliche Sabbathstille über dem Meer und kein lebendes Wesen ist in seiner klaren Flut, kein Fisch, keine Muschel, keine Koralle. Aber am Ufer im Gesträuch nisten allerhand Vögel und flattern in den spärlichen Büschen umher, und oben im blauen Aether ziehen zahlreiche Adler und Geier ihre Kreise. Angenehmer als im Jordan ist ein Bad in den klaren durchsichtigen Fluten des Toten Meeres. Das Wasser hat 25 Prozent Salzgehalt und ist so schwer, daß es den Menschen vollkommen trägt. Ein Untersinken ist unmöglich, ein Untertauchen nur mit Kraftanstrengung zu erreichen. Das Schwimmen ist geradezu schwer, weil man die Beine nur mit Mühe unter Wasser halten kann; am leichtesten kommt man durch einfaches Schreiten vorwärts. Ich nahm wohl einmal die Füße in die Hände und schwamm wie ein Korkstöpfel oben auf. Der Kuriosität halber mag man das Wasser kosten; es hat in Folge des darin enthaltenen Chlormagnesiums einen laugenartigen, unendlich widerlichen Geschmack. Aber nicht immer ist die Landschaft so still und heiter, wie an jenem sonnigen Oktobertage. Im Winter ziehen oft dicke Regenwolken durch das Tal und über den See, von heftigen Winden gejagt. Grau ist der Himmel und düster das Meer. Der Sturm peitscht die wild empörten Wellen. Sie wog n und branden an den felsigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.